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Full text of "Wegweiser durch die Urgeschichte Schlesiens, und der Nachbargebiete"

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Id ^9 19 




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THE UNIVERSITY OF 
BRITISH COLUMBIA 

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H R. MacMiUan 



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University of Britisii Columbia Library 



http://www.archive.org/details/wegweiserdurchdiOOmert 



Wegweiser 



durch die 



Urgeschichte Schlesiens 

und der Nachbargebiete 

von 

Oskar Mertins 
Herausgegeben 

vom Schlesischen Altertumsverein 



Mit 352 Abbildungen ini Text 
nach Zeichnungen von Erwin SiJss und nach Photographien 

Zweite Auflage 




Verlag von Preuss & JiJnger 
Breslau, 1906 






i- »t 



Vorwort zur ersten und zweiten Auflaie. 



Die vorliegende Arbeit wurde dem Ehrenpriisidenten des 
Schlesischen Altertumsvereins Wilhelm Gr em pier zum 8o. Ge- 
burtstage am 26. Januar 1906 gewidmet. 

Sie verfolgt den Zweck, in die Kenntnis der urgeschichtlichen 
Kulturverhaltnisse Schlesiens einzufiihren und so nicht nur eine 
iibersichtliche Unterlage fiir die weitere Erforschung unserer Ur- 
geschichte zu schaffen, sondern auch das Verstandnis fiir den Wert 
urgeschichtlicher Altertiimer zu verallgemeinern. Nicht eine Ge- 
schichte des Lebens der Vorzeit gebe ich darin — dazu erscheint 
mir das Fundmaterial noch zu liickenhaft — ich beschranke 
mich darauf, die Grundlagen, auf die sie sich aufbaut, die 
erhaltenen Kulturreste, soweit sie im Schlesischen Museum fiir 
Kunstgewerbe und Altertiimer zu Breslau enthalten oder durch 
die Literatur bekannt geworden sind, in ihren typischen Formen 
und hauptsachlichsten Erscheinungen chronologisch gruppiert vor 
Augen zu fiihren und in Verbindung damit den Entwicklungsgang 
der Kultur zu zeigen. Beriihrt werden dabei auch AuBerimgen des 
Lebens in Brauch und Sitte, Fort- und Riickschritte der Industrie, 
Beziehungen zum Auslande und andere Verhaltnisse, die sich aus 
der Betrachtung der Altertiimer ergeben. Die Kulturperioden, die in 
dem gesammelten schlesischen Fundmaterial undeutlich oder garnicht 
erkennbar sind, wie z. B. die der altesten Zeiten, werden nach 
den Zustanden der Nachbargebiete und anderer Lander skizziert, 
falls angenommen werden kann. da6 in Schlesien ahnliche Ver- 
haltnisse hervortreten werden. 

In dem grofiten Telle meiner Ausfuhrungen konnte ich mich 
auf wertvolle Arbeiten stiitzen, die in schlesischen und aufier- 
schlesischen Veroffentlichungen, vor allem in „Schlesiens Vorzeit" 
vorlagen. Eine wesentliche Forderung erfuhr ich durch Herrn 



Direktor Dr. Seger, der mir in altbewahrter Freundschaft mit Rat 
und Tat unermudlich zur Seite stand. Ihm sei ein herzliches 
Wort des Dankes auch an dieser Stelle gesagt. 

Die zweite Auflage, die wenige Monate nach dem Erscheinen 
der ersten notig wurde, hat nur unwesentliche Veranderungen er- 
fahren. Um Mifiverstandnissen vorzubeugen, sei bemerkt, dafi der 
,,Verein fur das Museum Schlesischer Altertiimer"^, der auf dem 
Titelblatt der ersten Auflage als der Herausgeber genannt war, 
inzwischen den Namen „Schlesischer Altertumsverein" angenommen 
hat und als solcher auch auf dem Titel der zweiten Auflage erscheint. 

Breslau, im Juli 1906 

Oskar Mertins 



AUe Mitteilungen oder Anfrageii, die sich auf vorgeschiclitliclie Funde in Schlesien 

bezieiien, sind zu richten an: Das Schlesische Museum fur Kunstgewerbe nnd 

Aiterti'imer in Breslau, Graupenstrafie 14. 



Inhaltsverzeiehnis 



Seite 

Die Entwicklung der Urgeschichtsforschung i 

DIE STEINZEIT 

1. Der Mensch und die Eiszeit 5 

II. Die iilteste Stufe der palaolithischen Zeit 7 

III. Die mittlere Stufe der palaolltliisclieii Zeit 10 

IV. Die jijngste Stufe der palaolithischen Zeit 12 

V. Spuren des diluvialen Menschen in Schlesien 15 

VI. Die altesten Stufen der neolithischen Zeit 17 

VII. Die Periode der Bandkeramik 20 

VIII. Werkzeuge und Waffen der jiingeren Steinzeit 28 

IX. Die Periode der Schnurkeraniik 39 

DIE BROXZEZEIT 

X. Die iilteste Bronzezeit ^2 

XI. Die iiltere Bronzezeit 48 

XII. Die jiingere Bronzezeit 60 

DIE EISENZEIT 

XIII. Die alteste Eisenzeit 74 

XIV. Die altere vorromische Eisenzeit c)i 

XV. Die jiingere vorromische Eisenzeit 96 

XVI Die romische Eisenzeit loi 

XVII. Die spatromische Eisenzeit no 

XVIII. Die Volkerwanderungszeit 125 

XIX. Die slavische und die polnische Periode 126 

Der Schutz der urgeschichtlichen Altertumer 145 

Bemerkungcn zu den Abbildungen 147 



Die Entwicklung der Urgeschichtsforschung 

Die vorgeschichtlichen Zeiten erschienen lange in volliges, 
unaufklarbares Dunkel gehiillt. Man suchte die Geschichte des 
Menschen- und Volkerlebens nur aus geschriebenen Nachrichten 
zu erforschen und vermochte daher in die Vergangenheit nur bis 
zu der Zeit zu dringen, wo diese Zeugnisse zum ersten Male auf- 
traten. Fiir Schlesien wie fiir einen groGen Teil des Nordens blieb 
so schon das ganze erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung ein 
weifies, unbeschriebenes Blatt. Waren einige siidliche Lander 
auch viel friiher in die geschichtliche Zeit eingetreten, wie z. B. 
Italien und Griechenland im ersten Jahrtausend v. Chr. und 
Agypten sogar einige Jahrtausende vor ihnen, so blieb doch hier 
wie dort die lange vorgeschichtliche Zeit, die mit dem Erscheinen 
der ersten Menschen beginnt, unserer Kenntnis verschlossen. 

Indessen auch aus dieser grauen Vorzeit sind Werke von 
Menschenhand auf uns gekommen, die uns als Geschichtsquellen 
dienen konnen. Der Scholi der Erde hat uns in Grabern, Wohn- 
statten und anderen Anlagen, in Waffen, Schmucksachen und Ge- 
raten zuverlassige Zeugen des Lebens und Strebens unserer Vor- 
fahren erhalten, denen wir, seitdem uns ihre Sprache einigermafien 
verstandlich geworden ist, ungeahnte Autschliisse verdanken. 

Die Wissenschaft, die aus diesen Altertiimern das Leben der 
Vorzeit zu erforschen sucht, ist die prahistorische Archaologie 
(griech. archaios alt und logos Lehre) oder, wie sie auch kurz 
genannt wird, die Prahistorie, Urgeschichte oder Altertumskunde 
im engeren Sinne. Sie stellt durch zuverlassig beobachtete 
Funde, insbesondere durch geschlossene Grabfunde, gleichzeitig 
auftretende Formen und Erscheinungen fest und vereinigt sie zu 
Gruppen, die den Rahmen fiir einzelne sich ortlich oder zeitlich 
von einander abhebende Kulturbilder liefern. Andererseits unter- 
scheidet sie auf (jrund von vergleichenden Untersuchungen ver- 
wandter Formen die alteren Gruppen von den jungeren und gclangt 
so zu einem Einblick in den Entwicklungsgang der Kultur. 
Sie schlieBt aus der Obcreinstimmung von Funderscheinungen des 
einen Landes mit denen anderer, besonders solcher, in denen sich 

1 



2 Entwicklung der Urgeschichtsforschung im allgemeinen 

die Industrie reich oder eigenartig entfaltet hat, auf Handelsver- 
bindungen, Kulturiibertragungen oder andere Beziehungen, die auf 
die Gestaltung des Lebens von Einflufi gewesen sind, Ja aus den 
zahlreichen Beriihrungen nordlicher Kulturerscheinungen mit denen 
des Siidens und Siidostens, die schon der geschichtlichen Zeit 
angehoren, gewinnt sie Anhaltspunkte, die absolute Altersbestim- 
mungen innerhalb eines gewissen Spielraums ermoglichen. Die 
Urgeschichtsforschung ist also wohl imstande, ein Bild von der 
Kultur eines Landes und der Art ihrer Entwicklung zu entwerfen ; 
dagcgen fehlen ihr die Grundlagen fiir die Darstellung der 
Schicksale eines Volkes oder einzelner Menschen, insbesondere 
nach ursachlichen Gesichtspunkten, wie sie die Geschichte zu geben 
verniag. 

Wurden vorgeschichtliche Altertumer in friiheren Zeiten im 
Erdboden gefunden, so stattete sie der Aberglauben gewohnlich 
mit wunderbaren Eigenschaften und Kraften aus. Man glaubte 
z. B., die Steingerate waren durch den Blitz entstanden und 
gewahrten Schutz gegen ihn, oder man schrieb ihnen die 
geheimnisvolle Kraft zu, Krankheiten von Menschen und Tieren 
abzuwenden. Gegeniiber solchen Vorstellungen, die sich in ge- 
wissen Kreisen der Bevolkerung zum Teil bis heute erhalten haben, 
machten sich zwar schon friih richtigere Urteile geltend; doch 
erst im neunzehnten Jahrhundert wurde man sich des Wertes 
dieser Funde fiir die Erschliefiung der Vorzeit klar bewufit. Den 
Anstofi dazu gab eine Reihe wichtiger Entdeckungen. 

In den dreifiiger Jahren fand Boucher de Perthes in dem 
Schwemmlande des Sommetales in der Umgegend von Abbeville 
roh geschlagene Feuersteinwerkzeuge, die er fiir Erzeugnisse des 
Menschen aus vorsintflutlicher Zeit erklarte. Diese Deutung 
machte in der wissenschaftlichen Welt grofies Aufsehen und fand 
vielen Widerspruch. Erst als auch an anderen Orten derartige 
Geriite und selbst Korperreste aufgedeckt wurden, unter denen 
nur der vielbesprochene Menschenschadel aus einer Hohle des 
Neandertales im Bezirke Diisseldorf (1854) erwahnt sei, gewann die 
Ansicht von der Existenz des diluvialen Menschen allgemeinere 
Anerkennung. Nicht weniger bahnbrechend fiir die Urgeschichts- 
forschung war die Entdeckung der Pfahlbauten in der Schweiz, die 
seit dem Jahre 1854 von Ferdinand Keller u. a. mit grolStem Eifer 
untersucht wurden. Die Ergebnisse dieser Forschungen waren 
auch insofern bedeutun^jsvoll, als sie neues Beweismaterial fiir die 



Entwicklung der Urgeschichtsforschung in Schlesien 



besonders von dem Danen Thomsen vertretene Theorie lieferten, 
vvonach in der vort,feschichtlichen Zeit ein Steinalter, ein Bronzealter 
und ein Eisenalter aufeinander gefolgt seien. Dieser Satz wurde 
von einzelnen Seiten lange auf das entschiedenste bekampft, bildet 
heute aber die anerkannte Grundlage der Periodenteilung der Ur- 
geschichte. Weitergehende chronologische Gliederungen sind 
hauptsachlich diirch den schwedischen Archaologen Oskar Montelius 
geschaften worden. Zugleich haben zahlreiche Arbeiten in alien 
Liindern das so entworfene Bild der vorgeschichtlichen Kultur im 
einzelnen mehr und niehr ausgefiihrt. So unvollstandig dieses 
auch noch an vielen Stellen erscheinen mag, in den Hauptziigen 
laGt sich der Entwicklungsgang heute schon iibersehen. 

In Schlesien hat sich die Aufmerksamkeit schon verhaltnis- 
maftig friih auf vorgeschichtliche Funde gelenkt. Im Jahre 1544 
berichtet namlich Georg Uber in einem Briefe iiber Topfe und 
Urnen mit Asche, iiber Bronze- und Eisengegenstande, die er bei 
Massel, Kr. Trebnitz, auf dem Toppelberge hat ausgraben sehen. Er 
deutet die Funde richtig als Reste alter Graber. Zwei Nachrichten 
aus dem siebzehnten Jahrhundert beziehen sich auf Funde beiRansern, 
Kr. Breslau. Im achtzehnten Jahrhundert werden die Beobachtungen 
eingehender und die Beschreibungen durch Abbildungen ver- 
anschaulicht. So berichtet Christian Stieff, Rektor des Elisabet- 
gymnasiums in Breslau, uber Urnen und Bronzen aus Liegnitz und 
Pilgramsdorf (1704 1. Pastor Herrmann in Massel stellt auf der 
schon von Uber besprochenen Fundstelle fiir seine Zeit recht 
beachtenswerte Beobachtungen an, die er in seiner Maslographia 
veroffentlicht (171 1). In dem Werke des Liegnitzer Arztes Georg 
Anton Volkmann iiber ,, Schlesien mit seinen unterirdischen 
Schatzen, Seltsamkeiten u. s. vv." (1720) handelt ein Kapitel" von 
den unterschiedenen Toten-Topfen". Die den Urnen beigegebenen 
Gefafie erklart Volkmann wie schon Stiefif und Herrmann fiir 
Opfergefafie; die landlaufige Bezeichnung als ,,TranengefaBe" liiBt 
er nicht gelten, ,,alldieweil diese Nation zu harte war." Durch Scharfe 
der Beobachtung und Sachlichkeit ausgezeichnet sind die Arbeiten 
des Breslauer Arztes Johann Christian Kundmann. In seiner 
Dissertation ,,de urnis" (1706) und in seinem grofien Sammel- 
werke ,,Seltcnheiten der Natur und Kunst" 11737) gibt er nicht 
bloG vortreffliche Berichte iiber Funde aus der Umgegend von 
Breslau, Liegnitz und anderen Orten, sondern geht auch bereits 
auf technische Einzelheiten ein und sucht seim- Ansicht dariiber 

1* 



]:ntwicklung der Urgeschichtsforschung in Schlesien 



durch Experiinente zu stiitzen. So weist er z. B. nach, dafi die 
schwarze Farbung vieler Tongefafie durch Rauchfeuer entstanden 
sein miisse. 

Das Verdienst, die erste offentliche Sammlung schlesischer 
Altertumsfunde angelegt zu haben, gebiihrt dem Professor an der 
Breslauer Universitat Johann Gustav Gottlieb Biisching (f 1829). Erst 
durch sie wurde die Grundlage fiir eine wissenschaftliche Betrachtung 
der Funde geschaffen und ein stetiger Fortschritt in der Erkenntnis 
mogUch. Zugleich hat Biisching wie kein anderer vor ihm ver- 
standen, das Interesse des Pubhkums fiir die Denkmaler der Vor- 
zeit wachzurufen. Manche von seinen Veroffentlichungen, so be- 
sonders ,,Die heidnischen Altertiimer Schlesiens" (1820J haben als 
Quellenschriften bleibenden Wert. Dies gilt auch von dem auf 
seine Anregung entstandenen Werke Friedrich Kruses ,,Budorgis" 
(18 19), einer fleittigen Zusammenstellung der damals bekannten 
schlesischen Funde aus prahistorischer Zeit. 

Einen neuen Aufschwung nahm die Urgeschichtsforschung, 
als im Jahre 1858 der Verein fiir das Museum schlesischer Alter- 
tiimer ins Leben trat und in seinem Museum eine Zentralstelle 
fiir alle in Schlesien gemachten Altertumsfunde schuf. Eine 
kaum iibersehbare Fiille von Fundstiicken ist seitdem ans Tages- 
licht gezogen worden, die meisten durch planmafiige Ausgrabungen. 
Die wissenschaftliche Bearbeitung hat damit gleichen Schritt 
gehalten, namentlich nachdem Wilhelm Grempler die Leitung 
des Vereins iibernommen hatte (1884). Seine Veroffentlichung 
der grofiartigen Funde von Sacrau(i887 und 1888) verbreitete den 
Ruf des Breslauer Museums in alle Welt. Eine Reihe grund- 
legender Arbeiten erschien in der von ihm gemeinsam mit H. Seger 
herausgegebenen Zeitschrift des Vereins ,, Schlesiens Yorzeit in Bild 
und Schrift". 

Seit dem Jahre 1899 bildet die prahistorische Sammlung eine 
Abteilung des Schlesischen Museums fiir Kunstgewerbe und Alter- 
tiimer in Breslau. 



LITERATUR 
W. Grempler, Begriissuny der XV. allyemeinen Versammlung der Deiitschen 
Anthropologischen Gesellschaft zu Breslau 1884. Correspondenzblatt 1884. — 
H. Seger, Geschichte des ehemaligen Museums Schlesischer Altertiimer. Schles. 
Torz. N. F. L — J. Partsch, Literatur der Landes- und Volkskunde der Provinz 
Schlesien. Breslau 1892. 



I. Der Mensch und die Eiszeit 



DIE STEINZEIT 

I Der Mensch und die Eiszeit 

Das erste Auftreten des Menschen unter den Geschopfen der 
Erde liegt noch aulierhalb jeder wissenschaftlichen Erkenntnis. DalS 
er schon in den letzten Abschnitten der Tertiarzeit gelebt hat. ist 
wahrscheinlich, aber noch nicht einwandfrei bewiesen. Tatsache ist 
es jedoch, daB er Zeuge der groBen Umwalzung gewesen ist, die 
die Oberflache der Erde wahrend der Diluvialzeit (lat. diluvium 
Uberschwemmung) erfahren hat. Das fiir ihn bewohnbare Gebiet fand 
damals natiirHche Grenzen in den machtigen Gletschern, die sich 
von Skandinavien nach Siiden, aber auch von den Alpen und 
einigen anderen Gebirgen aus vorschoben. Die nordischen Eis- 
massen drangen zur Zeit ihrer groftten Ausdehnung iiber die ganze 
norddeutsche Tiefebene bis an den Fufi des Mittelgebirges und 
iiberzogen auch Schlesien mit einer machtigen Eisdecke, deren 
Spuren in den Gebirgen zum Teil bis zu einer Hohe von 500 m 
hinanreichen. Zwischen der nordlichen Eisregion und den Gletschern 
der Alpen blieb nur ein schmaler Saum iibrig, der ungefahr von 
dem heutigen Mahren, Bohmen, Bayern, Wiirttemberg und Baden 
eingenommen wird. Ostlich und westlich von dieser eisheien Zone 
waren die Lander fast in ihrer ganzen Ausdehnung fiir die Be- 
siedlung zuganglich geblieben. 

Als sich nach langen Jahren eine etwas hohere Temperatur 
geltend machteunddieRander derlnlandeismassen allmahlich zuriick- 
wichen, wurde auch Schlesien wieder eisfrei. Mit der Oberflache des 
Bodens waren inzwischen groGe Veranderungen vor sich gegangen. 
Die nordischen Gletscher hatten bei ihrem Vordringen alles Gestein, 
das ihrer Wucht nicht widerstehen konnte, unaufhaltsam mit sich 
gerissen und grolitenteils zu Kies-, Sand- und Tonmassen zerrieben. 
Diese Massen, die stark von Resten nordischer Gesteine durchsetzt 
waren, sanken nach dem Abschmelzen des Eises zu Boden und 
bedeckten, nachdem sie oft noch durch reifiende Schmelzwasser 
umgelagert waren, meist in vielen iibereinander liegenden Schichten 
das ganze Land, das von dem Eise heimgesucht worden war. 

Das Zuriicktreten der Gletscher vollzog sich nicht gleich- 
maBig, sondern infolge von Temperaturschwankungen in einzelnen 
Absatzen. Die Spuren eines groderen Stillstandes oder ncucn 



5 I. Der Menscli und die Eiszeit 

Vorriickens finden wir in der durch Endmoranen gebildeten Hiigel- 
kette, die sich in ihrem ostlichen Teile durch die Niederlausitz 
und an dem nordlichen Schlesien vorbei hinzieht. 

Derwiederholte Wechsel des Klimas wahrend der Glazialzeit iibte 
auf die Vegetation natiirlich einen grofien Einflufi aus und fiihrte 
mit ihren Veranderungen auch Verschiebungen und Umgestaltungen 
in der diluvialen Tierwelt herbei. Zahlreiche Funde von Resten dieser 
Fauna haben uns iiber ihren Charakter und den Wechsel, den sie 
erfahren hat, Aufschkifi gegeben. Sie sind an vielen Stellen in 
ungestorten dikivialen Ablagerungen im Verein mit Gegenstanden 
aufgetreten, die nur von Menschenhand herriihren konnen, und 
haben so den Beweis geliefert, dafi der Mensch ein Zeitgenosse 
der dikivialen Tierwelt gewesen ist. Ja aus der verschiedenen 
Art und Lage solcher Funde von Tierresten im Verein mit 
Spuren des Menschen haben sich verschiedene, zeitlich getrennte 
Gruppen von Tierarten und ihnen entsprechend verschiedene 
Entwicklungsstufen in den Erzeugnissen des Menschen herleiten 
lassen. Das Gebiet dieser Funde erstreckt sich nicht nur auf 
die Gegenden, die von den Gletschern ganz verschont geblieben 
sind, sondern reicht nordlich bis an jene Endmoranen, die einer 
spateren Stufe der Eiszeit angehoren. In ihm treten zwei 
Zentren besonders hervor, Frankreich, Belgien und Siid-England 
in Westeuropa, Polen, Galizien, Mahren, Bohmen und Nieder- 
Osterreich in Mitteleuropa. Das letztere Fundgebiet liegt also 
in einem Giirtel, der den Siiden von Schlesien umschliefit. 
Beide Zentren wcrden durch eine Reihe siid- und mitteldeutscher 
Fundstellen verbunden. Das westliche Gebiet, das, fern von den 
unwirtlichen Eismassen, infolge seines milden Klimas dem 
Menschen giinstigere Lebensbedingungen bot als andere Lander, 
war fiir ihn auch durch seinen Reichtum an Feuersteinen von 
grolSer Bedeutung. Keine andere Steinart eignete sich namlich 
zu den Geraten, die der Mensch in seinem primitiven Haushalte 
oder auf der Jagd benutzte, so sehr wie der Feuerstein. Seine 
Harte, die scharfen Kanten oder Schneiden, die beim Spalten ent- 
standen, seine Sprodigkeit, die ein Bearbeiten oder Gestalten 
erleichterte, waren Vorziige, die ihn wahrend der ganzen Stein- 
zeit zu einem geschatzten Material machten. In Frankreich und 
seinen Nachbarlandern finden wir daher wahrend der Diluvialzeit 
nicht nur die reichste Besiedlung, sondern auch die entwickelteste 
Steinindustrie. 



II. Die alteste Stufe der palaolithischen Zeit 




II. Die alteste Stufe der palaolithischen Zeit 

Der Stein, dessen sich der JVIensch auf einer friilien Stufe 
seiner Entwickliing bediente, um die Leistungsfiihigkeit seiner 
Arme und Hande zu erh()hen, war vollig unbearbeitet. Von ihm bis 
zu den allseitig behauenen Geraten der Diluvialzeit miissen Cber- 
gangsformen gefiihrt haben. Man will diese in Feucrsteinstiicken 
erkennen, die an irgend einem Teile dem Anscheine nach Spuren 
des Gebrauchs oder einer geringfiigigen Bearbeitung tragen (Fig. i). 
Von zufalligen Absprengungen iinterscheiden sich 
jene Abnutzungen oder absichtlich ausgefiihrten 
Zuscharfungen dadurch, dafi sie an bestimmten 
Stellen in grofierer Zahl und mit einer gewissen 
RegelmaBigkeit neben einander stehen. 1st die 
Form dieser Stiicke im ganzen audi die natiir- 
liche geblieben, so weist doch oft ihre Hand- ^''^- aJZZulnt't'''''' 
lichkeit auf eine bestimmte Auswahl hin. Sie werden in Schichten 
derTertiiirzeit gefunden, d. h. der Epoche der Erdgeschichte, die der 
Diluvialzeit vorangeht. In Belgien, Siidengland und Frankreich sind 
sie am haufigsteii vorgekommen; aber selbst in Norddeutschland, u.a. 
bei Magdeburg, also innerhall) desGebietes, das wahrend der Zeit der 
grofiten Ausdehnung der Gletscher von Eis bedeckt war, glaubt 
man sie nachgewiesen zu haben. Man nennt sie Eolithen (griech. 
eos Morgenrote und lithos Stein), SoUten diese Feuersteinstiicke 
wirklich als Erzeugnisse der Tatigkeit des Menschen festgestellt 
werden, so ware damit seine Existenz in der Tertiarzeit erwiesen. 

Wahrend die Eolithen hochstens an einzelnen Teilen eine 
Bearbeitung erkennen lassen, sind die Gerate der Diluvialzeit in 
ihrem ganzen Umfange zu typischcn Formen gestaltet. Nach diesen 
immerhin noch primitiven Steingeraten wird die Diluvialzeit auch 
die altere Steinzcit oder die paliiothische Periode (gr. palaios alt) 
genannt. Auf sie folgt dann spater die jiingere Steinzeit oder die 
neolithische Periode (gr. neos neu). Unter den palaolithischen 
Geraten heben sich drei Formenkreise ab, denen drei zeitlich auf- 
einander folgende Gruppen diluvialer Saugetiere entsprechen. Wie 
diese Stufen mit den einzelnen Phasen der Eiszeit in Parallele zu 
setzen sind, ist eine Frage, die noch verschieden beantwortet wird. 

Die alteste palaolithische Stufe wird hinsichtlich der Ticrwelt 
hauptsachlich durch eine alte, jetzt ausgestorbene Art des Elefanten 



II. Die alteste Stufe der palaolithischen Zeit 




Fig. 2 u. 



und des Nashorns (Elephas antiquus und Rhinoceros Merckii), 
sowie durch das Flufipferd gekennzeichnet. In den Hohlengebieten 
herrscht der Hohlenbar, nach dem diese Stufe auch vielfach be- 
nannt wird. Der Mensch, der in kleineren oder groBeren Gemein- 
.schaften meistens an offenen Platzen, seltener in Hohlen lebte, 
bediente sich fast nur eines schweren, mandelformigen Cerates, das 
beiderseitig grob behauen ist und als Waffe ebenso gut wie als Werk- 
zeug verwendbar war (Fig. 2). Nach der ausgedehnten diluvialen 

Wohnstatte Chelles in der 
Nahe von Paris wird es der 
Keil von Chelles genannt. 
Dieser Typus tritt auch in 
Spanien und Italien, in Nord- 
afrika und Siidasien auf, fehlt 
aber ostlich vom Rhein fast 
ganz. Mit ihm vereint kommen 
ofter ein Keil und ein breiter 
Schaber vor, die nur auf einer 

Keile von Chelles und Moustier, O'i. Ul „ '^J ,. -U «^1 

Feuerstein. 1/4. bcitc bchaueu sind, wahrend 

die andere Seite von einer noch mit dem Schlaghiigel versehenen 
Spaltflache gebildet wird (Fig. 3). Sie werden nach der Hohle 
Moustier im westlichen Frankreich bezeichnet. Die wenigen 
Korperreste, die von dem Menschen dieser Stufe erhalten sind, 
stehen entwicklungsgeschichtlich tiefer als die entsprechenden 
Stiicke aus spateren Abschnitten der palaolithischen Zeit. 

Auch in den Nachbargebieten von Schlesien ist diese 
alteste Stufe der palaolithischen Kultur nachgewiesen worden. Ein 
Bild von den damaligenLebensverhaltnissen in dieser Cegend konnen 
wir uns machen, wenn wir uns die Ablagerungen in der Schipka- 
hohle vor Augen fiihren, die sich auch fur die Chronologic als 
besonders wichtig erwiesen hat. Sie liegt m dem Jurakalk von 
Stramberg, nur einige Meilen von Oderberg entfernt, in dem Teile 
von Mahren, der sich keilartig durch Osterreich-Schlesien bis an 
die preufiische Grenze vorschiebt. In dieser Hohle stieft man an 
Stellen, an denen Umlagerungen des Bodens durch eindringende 
Wassermassen nicht stattgefunden hatten, nach Beseitigung einer 
Alluvialschicht mit Gegenstanden aus jiingerer prahistorischer Zeit 
im wesentlichen auf drei diluvialeKulturschichten. Sie unterschieden 
sich durch ihre Farbe und ihre Einschliisse sehr von einander und 
waren zum Teil durch Ablagerungen mit Resten von Raubtieren 



II. Die alteste Stufe der palaolithischen Zeit o 

und benagten Knochen getrennt. Die Hohle hatte also in drei 
verschiedenen Epochen dem Menschen und dazwischen auch den 
Raubtieren als Aufenthaltsort gedient. Wahrend die oberste diluviale 
Kulturschicht Reste einer nordischen Tienvelt (Renntier u. a.), die 
mittlere Reste einer Steppentauna (Mammut u. a.) enthielt, war 
die unterste auGerst reich an Knochen von Hohlenbaren; aber 
auch Nashorn, Mammut, Hohlenlowe, Hohlenhyane und andere 
Arten waren hier vertreten. In alien diesen Ablagerungen 
waren sehr viele Rohrcnknochen der Lange nach gespalten oder 
an einem Ende quer durchhauen, was dafiir spricht, dafi die Be- 
wohner bestrebt waren, auf diese Weise das Mark zu gewinnen. 
Alle Kulturschichten lieferten auch Asche und Kohle und lieferten 
so den Beweis, daB der Mensch bereits im Besitze des Feuers 
war. Die Gebrauchsgegenstande der aufeinander folgenden Be- 
siedlungen lieden einen deutlichen Fortschritt in der Bearbeitung 
und der Wahl des Materials erkennen. Die Knochen aus der 
altesten Ablagerung zeigten als Spuren einer Bearbeitung nur ein- 
zelne Einschnitte oder Einkerbungen; als Werkzeuge geniigten 
dem Menschen damals offenbar die zufalligen Splitter und ge- 
spaltenen Knochen oder die Bruchstucke von Geweihen und 
Elefantenstofizahnen. In der mittleren Schicht zeigten sich schon 
absichtliche Aushohlungen von Geweihen und Mammutrippen, die 
zum Teil vielleicht zur Aufnahme von Steinwerkzeugen bestimmt 
waren. Erst in der obersten Schicht waren vollkommen bearbeitete 
Gerate aus Rennliergeweih und Elfenbein vorhanden. Unter 
den Steinwerkzeugen lafit sich ein solcher P'ortschritt ebenso 
deutlich verfolgen. Die obere Kulturschicht ergab zierliche Messer 
und Spitzen aus Feuerstein, Hornstein, Bergkristall, die mittlere 
lieferte Steinwerkzeuge mittlerer GroGe, gewohnlich in Form von 
Lanzenspitzen, die aus Feuerstein und Jaspis sorgfaltig hergestellt 
waren. Die zahlreichen Steingerate der Unterstufe bestanden fast 
ausschlieBlich aus Quarzit, also eincm weniger brauchbaren Gestein, 
und waren so primitiv bearbeitet, da6 sie oft kaum von Stiicken, 
die der Zufall geschaffen hatte, unterschieden werden konnten. 
Immerhin lassen sich auch unter ihnen gewisse tyj^ische Formen 
erkennen: viereckige oder rundliche Axte und Schaber, deren eine 
Breitseite konvex und behauen ist, wahrend die andere mehr oder 
weniger eben und unbehauen geblieben ist. Sie erinnern an die 
Typen von Moustier. Auch dreiseitige Axte und langliche pris- 
matische Messer hat man aus dem wenig nachgiebigen Quarzit 



lO III. Die mittlere Stufe der palaolithischen Zeit 



zu formen versucht. Das wichtigste Fundstiick der Schipkahohle 
ist ein Fragment eines menschlichen Unterkiefers, das in einer 
ungestorten Aschenschicht der untersten Ablagerung erhalten worden 
war. Der Schipkakiefer steht auf einer ebenso niedrigen Ent- 
wickkingsstufe wie die entsprechenden Funde von Krapina in 
Kroatien, die auch der Unterstufe der palaolithischen Periode, dem 
Chelleo-Mousterien oder der Zeit der Hohlenbaren, angehoren und 
dem oben erwiihnten Neandertalschadel an die Seite zu stellen sind. 

III. Die mittlere Stufe der palaolithischen Zeit 

Wahrend der mittleren Periode der palaolithischen Zeit sind 
das wollhaarige Nashorn, das langhaarige, mit geschwungenen 
Stofizahnen ausgestattete Mammut und das Wildpferd die haupt- 
sachlichsten Vertreter der Tierwelt. Der Mensch wohnt in grofien 
Gruppen auf freien Platzen; die Hohlen werden meistens von 
Tieren eingenommen. Die Steingerate des Menschen werden 
mannigfaltiger und zeichnen sich besonders gegen das Ende dieser 
Epoche durch eine aufierst feine Arbeit aus. Die bemerkens- 
wertesten Formen sind diinne Feuersteinklingen in Gestalt von 
Lorbeerblattern (Fig. 4) und Spitzen mit einseitig ausge- 
kerbter Schaftzunge (Fig. 5), die beide als Speer- 
spitzen gedient haben. Sie bezeichnen zugleich 
insofern einen Fortschritt, als sie zeigen, da6 die 
Wurfwaffen in Aufnahme gekommen sind. Haufig 
treten auch dicke, langliche Schaber auf, die an 
einem Ende oder bisweilen auch an beiden 
zugescharft sind. Nach einer Fundstelle solcher 
Kulturreste in Frankreich wird die mittlere Stufe 
del' palaolithischen Periode auch die Solutrezeit 
Fis;. 4 u. 5. genannt. Der damalige Mensch besaft eine iiber- 

^TohniT^il^u. ^il" raschende Fahigkeit, Tiere und Menschen seiner 
Umgebung als Rundfiguren, in tiachen Reliefs oder vertieften 
Umrifizcichnungen lebensvoll darzustellen. Als Material dienten 
ihm dazu Elfenbein, Knochen, Horn oder Stein. Die weiblichen 
Menschengestalten zeigen, wie das umstehende, bereits sehr ver- 
witterte Steinbild aus Mentone (Fig. 6), eine starke Beleibtheit, 
eine Eigentiimlichkeit, die auch auf ahnlichen Darstellungen der 
ostlichen Mittelmeerlander zum Ausdruck kommt. Neben diesen 
figiirlichen Gebilden, an denen besonders Siidfrankreich reich ist, 




III. Die miulere Stufe der palaolirhischen Zeit 



II 




begegnet man auf Elfenbein oder Knochen audi 
Ornamenten, die sich aus Gruppen gerader Striche 
iind krummer Linien zusammensetzen. Die Be- 
tatigung des kiinstlerischen Sinnes tritt indessen 
nicht nur an losem Material hervor; auch an den 
Wanden von Hohlenwohnungen des siidwestlichen 
Frankreichs hat man vor einigen Jahren Zeich- 
nungen und Malereien gefunden. Sie stellen in 
der Hohle Combarelles zahlreiche Wildpferde und 
14 Mammute dar und gehoren der Solutrezeit an, 
wahrend sie in der Hohle Font-de-Gaume haufig 
den Bison, seltener das Pferd, das Renntier und 
das jNIammut wiedergeben und wahrscheinlich in 
der nachst jiingeren Periode entstanden sind. 

In den Nachbargebieten von Schlesien 
weist die Kultur der mittleren palaolithischen Zeit 

i- , , , . Fig. 6. NVeibliche Figur. 

zwar nur weniges auf, was den bewundernswerten aiemone. ca. 8/3. 
kiinstlerischen Leistungen des Westens an die Seite zu stellen 
ware; immerhin finden wir sie auch hier in charakteristischen Ziigen 
vertreten, und zwar seltener in Hohlen als auf freien Pliitzen im 
Lofi. Einen Einblick in die Tatigkeit der damaligen Menschen 
gewahren uns die massenhaften Kulturreste, die an einem sud- 
lichen Auslaufer des Odergebirges in Predmost, einer der be- 
deutendsten Stationen der Diluvialzeit, ausgegraben worden sind. 
Hier fand sich unter einer Lofiwand eine dunkle Kulturschicht. 
die grolie JMengen von Tierknochen und Gerate mit Asche und 
Holzkohle vermischt enthielt. Die Mammutreste lagerten in einer 
solchen Zahl und Verteilung, dafi man annehmen mufite, dort 
sei eine ganze Herde dieser Tiere durch eine Katastrophe zu- 
grunde gegangen. Haufig waren auch die Reste vom Wildpferd, 
Wolf, Fuchs, Renntier und Elen, seltener die vom Hirsch, Reh, 
Rind u. a. Sehr viele markfiihrende Knochen waren zerschmettert, 
viele zeigten Schnitt- und Schabspuren, andere waren angebrannt 
oder mit Rotel gefarbt. Zu den Steinwerkzeugen, die in 
Messern, Schabern, Spitzen und Sagen bestehen, ist Feuerstein, 
Hornstein, Jaspis, Kieselschiefer oder Quarz verwendet worden, 
Gesteine, die Mahren oder seine Umgebung aufweist. Daneben 
sollen jedoch auch Bergkristall und Obsidianstiicke vorge- 
kommen sein. Diese letztere Steinart tritt in Mahren nicht auf; 
sie ist vielleicht aus dem nordostlichen Ungarn (Eperies und Tokay), 



12 



VI. Die jQngste Stufe der palaolithischen Zeit 



vvahrscheinlicher aber aus den ostlichenMittelmeerlandern eingefuhrt 
worden, die dem Anscheine nach auch mit der mittleren palao- 
lithischen Kultur des Westens in Beziehung gestanden haben. Die 
in Pi-edmost ausgegrabenen Werkzeuge lagerten an einigen Stellen 
in grofierer Zahl neben unbrauchbaren Splittern und Kernsteinen, 
von denen sie abgespalten waren, was auf eine Herstellung an Ort 
und Stelle hinweist. Zu Pfriemen und Spateln sind Renntiergeweihe^ 
Elen- und Rindsknochen verarbeitet worden. Sie sind zugeschnitten 
und geschabt, es fehlt ihnen aber jede Spur einer Politur. Aufie- 
rungen eines gewissen Schonheitssinnes tragen u. a. zwei Stiicke 
von Mammutrippen, auf denen Zickzacklinien und planmafiig an- 
geordnete Gruppen paralleler Striche eingeritzt sind. Systeme 
gerader und krummer Linien finden wir auf 
einem Teile eines Mammutstofizahnes zu einem 
Ornament vereinigt (Fig. 7). Als Idole sind 
plumpe, menschenahnliche Rundfiguren aus 
Mammutknochen aufzufassen. Zum Schmucke 
dienten durchbohrte Muschein und Zahne vom 
Baren und Renntier. Rotel und andere Farb- 
stoffe wurden zur Bemalung der Gerate, viel- 
leicht auch des Korpers beniitzt. Auch ein 
grofier menschlicher Schadel und mehrere 
Kieferteile sind erhalten worden. Der JNIensch, 
der die Station von Predmost bewohnte, zeigt 
sich in seinem Kulturbesitz sehr viel weiter 
vorgeschritten als jener Bewohner der Schipka- 
hohle, von dem die unterste Kulturschicht 
Zeugnis ablegte. Er steht etwa auf derselben 

rig. 7. V^crzierterMammutstoss- 

zahn. Predmost, Mahren. i/o. Hohe wic der Scliipkabewohuer der mittleren 
Stufe und gehort ebenso wie dieser der jMammutzeit an ; er iiber- 
trifft ihn jedoch durch seine Arbeiten in Bein, die einen gewissen 
Kunstsinn verraten. 




IV. Die jtingste Stufe der palaolithischen Zeit 

Der letzte Abschnitt der palaolithischen Kultur fallt in eine 
Periode rauhen, trockenen Klimas, in der das Renntier an Zahl 
alle anderen Tierarten weit iibertrift't, und die auch nach ihm den 
Namen fiihrt. Neben dem Renntier ist der Bison haufig vertreten, 
wtihrend das Wildpferd schon seltener wird und das ]\Ianimut nach 



IV. Die jungste Stufe der palaolithischen Zeit 



13 



Nordosten abzieht. Das wollhaarige Nashorn und der Hohlenbar 
sind verschwunden. Der Mehsch bewohnte damals meist Hohlen 
oder geschiitzte Orte. Die Renntierzeit waist Steinwerkzeuge auf, 
die meist wenig ansehnlich und fast garnicht zu typischen Formen 
ausgebildet sind: sie bestehen in kleinen Feuersteinspanen, die als 
IMesser, Bohrer, Spitzen, Sagen, Schaber angesehen werden konnen 
und vielfach bereits an neolithische Steinwerkzeuge erinnern. Aus- 
gezeichnet ist sie dagegen durch zahlreiche Gerate aus Knochen 
und Geweih, die oft poliert und durchbohrt sind. Besonders 
charakteristisch sind lange, geohrte Nahnadeln, die im Verein mit 
Knochenpfriemen bei der Herstellung der Kleidung gute Dienste 
leisten konnten. Besonders bezeichnend sind 
auch Harpunen mit einfacher oder doppelter 
Zahnreihe aus Renntiergeweih (Fig. 9) und Wurf- 
speerspitzen aus demselben Material mit einem 
breiten, meifielformigen, gerauhten Schaftende. 
(Fig. 8). Eigentiimliche Gerate sind durchlochte 
Geweihstangen (Fig. lO), die alsKommandostabe 
oder wahrscheinlicher als Gewandhalter gedient 
haben. In dem letzteren Falle wurden, ahnlich 
wie noch heute bei den Eskimos, die beiden 
Enden einer Schnur, die das Gewand eng an 
den Korper hielt, durch die Offnung gezogen 
und hier mittels zweier quergestellter Knebel 
festgehalten. Sie erfiillten also eine ahnliche 
Aufgabe wie die Gewandnadeln in der Aletallzeit. 
Die Freude am Schonen aufiert sicii darin, dafi durchbohrte Tier- 
zahne oder kleine Muscheln als Schmuckstiicke gctragen oder 
einfache Verzierungen auf Bein- oder Horngeraten eingeritzt 
wurden. Im Westen macht sich jetzt, ebenso wie schon in der 
vorigen Periode, zugleich eine hohe kiinstlerische Veranlagung 
geitend, die nicht nur in den bereits erwahnten farbigen Tierbildern 
auf den Hohlenwanden (S. ii), sondern auch in eingeritzten Dar- 
stellungen von Tieren, insbesondere des Renntieres und des Pferdes, 
auf Bein oder Geweih, seltener in Rundfiguren hervortritt. VV'ie 
naturgetreu und lebensvoll der Mensch damals ein in seiner 
Umgebung oft gesehenes Bild wiederzugeben vermochte, zcigt uns 
beispielsweise das weidende Renntier auf einem Renngeweihstiick 
(Fig. II). Der durch alle diese Erscheinungen gekennzeichnete 
Formenkreis wird nach einer Fundstatte in der Dordogne oft als 
Madeleine-Kultur bezeichnet. 




Fig. 8 — lo. Speerspitze, 
Harpune und Gewaniihalter 
aus Renngeweih. Mahren, I/4. 



14 



IV. Die jiingste Stufe der paliiolithischen Zeit 




Fig, 11. Weidendes Renntier, gr.iviert auf Renngeweili. Thayngen, Schweiz. 



Diese Kultur ist audi in den Nachbargebiet en Schlesiens 
stark vertreten; wir finden sie in Hohlen Niederosterreichs, 
Bohmens, Polens und besonders Mahrens. Einen Vergleich des 
Inhaltes einer solchen Kulturschicht mit den Einschliissen alterer 
Ablagerungen haben wir bei Besprechung der Schipkahohle ge- 
geben (S. 8). 

In den Hohlen des Nachbargebietes von Schlesien werden die 
Kulturschichten der palaolithischen Zeit von denen der neolithischen 
durch dicke natiirliche Bodenablagerungen getrennt, so dafi wir 
annehmen miissen, zwischen den beiden Kulturperioden habe es 
eine Zeit gegeben, in der hier eine Bevolkerung fehlte. In Siid- 
frankreich erscheint diese Liicke durch eine Gruppe von Uber- 
gangsformen ausgefullt, die man nach einer Hohle I'Asylien 
nennt. Hier ist die Rolle, die das Renntier in der alteren Zeit 
gespielt hat, bereits auf den Hirsch iibergegangen, nach dem man 
auch dieses Zeitalter bezeichnet. Anstelle des Renngeweihs wird 
jetzt Hirschhorn verarbeitet, z. B. zu Harpunen, die phniip und 
meist durchbohrt sind. Eine merkwiirdige Erscheinung bilden 
in diesrr Gruppe flache, abgerollte Kiesel mit eigentiimUchen 
Strichen und buchstabenahnlichen Zeichen in roter Farbe. Ein 
weiteres Ubergangsstadium, das sich im ganzen Norden verfolgen 
lafit, wird durch Hirschhornharpunen gekennzeichnet, die an der 
Seite durch kunstvoll eingesetzte Feuersteinspane eine scharfe 
Schneide erhalten haben. 

Mit diesen Erscheinungen ist die altere Steinzeit vollends zum 



V. Spuren des diluvialen Menschen in Schlesien i 5 



Abschluli gekommen. Diese Kulturperiode, die den Wechsel dreier 
Stufen der Tierwelt umfalk, hat unzweifelhaft viele Jahrtausende 
gedauert. Ihr SchluG wird schatzungsweise in das fiinfte oder 
sechste Jahrtausend verlegt. 



V. Spuren des diluvialen Menschen in Schlesien 

Schlesien hat gegeniiber den reichen palaolithischen Funden 
aus seinen Xachbargebieten an Resten dikivialer Tiere wenig und 
an Spuren der Tiitigkeit des Menschen nur einen Fund aufzu- 
weisen. Und doch mu6 es wahrend der letzten Stadien der Eis- 
zeit, wenigstens in den Gebieten, die nicht von Seen und Siimpfen 
erfullt waren, eine Vegetation besessen haben, die dem Tiere und 
mit ihm auch dem Menschen hinreichende Lebensbedingungen 
bot. In der Tat sind die hauptsachlichsten Tierarten aller drci 
Stufen der diluvialen Fauna nach Schlesien vorgedrungen. Von 
dem Hohlenbaren und dem Hohlenlowen sind die Funde aller- 
dings nur vereinzelt. Verhaltnismafiig zahlreich ist aber die mittlere 
Stufe der Tierwelt vertreten, insbesondere das Mammut; seltener 
sind das wollhaarige Nashorn, das Wildpferd, der Ur, der Bison, 
der Edelhirsch u. a. Auch das Renntier, der Hauptvertreter der 
jiingsten diluvialen Epoche, ist wiederholt festgestellt worden. Von 
den Hohlen, die in den schlesischen Bergen infolge der Selten- 
heit des Kalkgesteins nur in geringer Zahl vorkommen, sind zwei 
als Schlupt'winkel von Tieren der Mammutzeit benutzt worden. In 
Scharley in Oberschlesien fand man in Spalten des Muschelkalkes 
Reste vom Ur und Mammut, und in Hohlen des Roten Berges in 
der Grafschaft Glatz lagerten Reste des Pferdes und des wollhaarigen 
Nashorns. Wahrscheinlich sind sie an diese Stellen von Raubtieren 
geschleppt worden. Grofie Ansammlungen von Knochen, wie sie 
in den siidlicheren Gegenden nicht nur in Hohlen, sondcrn auch 
im Lois zu Tage getreten sind, hat man in Schlesien noch nicht 
aufgedeckt. Es ist jedoch hochst wahrscheinlich, dali der LoB von 
Oberschlesien, der den diluvialen Stationen in Mahren so nahe 
liegt, gleichfalls zahlreiche Reste der Mammut- und Pferdezeit birgt, 
da ja gerade diese F'auna sonst in Schlesien am starksten ver- 
treten ist. 

Auch an den iiltcsten Spuren des Menschen diirfte Schlesien 
nicht so arm sein, wie es gegenwartig erscheint. Die Moglichkeit 



1 5 V. Spuren des diluvialen Menschen in Schlesien 



des Vorkommens von Eolithen, in tertiaren Ablagerungen (S. 7) ist 
auch hier nicht ausgeschlossen. Diese Fundstiicke werden jedoch 
als tatsachliche Beweise fiir die Existenz des Menschen wahrend 
einer so friihen Zeit erst anerkannt werden konnen, wenn sie in 
einer ungestorten Schicht in grofierer Zahl, vielleicht im Verein 
mit Asche oder mit Resten einer sehr alten Fauna, z. B. des 
altesten Elefanten (Elephas meridionalis) festgestellt werden. Der- 
artige Funde fehlen jedoch noch. Dagegen erscheint die An- 
wesenheit des diluvialen Menschen in Schlesien durch einen Fund 
nachgewiesen, der in Mondschiitz bei Wohlau i. J. 1879 gemacht 
wurde. Kammerherr von Kdckritz stellte dort in einer Kiesgrube 
in der Tiefe von etwa 3 m drei Geweihstangen des' Edelhirsches fest, 
die mehrfach Spuren der Bearbeitung aufweisen. Die Stiicke lagerten 
in einer ungestorten diluvialen Ablagerung. 

Wie der Bearbeiter dieser Geweihstangen sind zweifellos auch 
andere Menschen aus den reich besi.edelten Gegenden des zentral- 
europaischen Fundgebietes in das nahe gelegene, leicht zugangliche 
und wohl bewohnbare Schlesien gedrungen und haben hier Spuren 
ihrer Anwesenheit hinterlassen. Unsere Aufgabe bleibt es, den 
altesten Kulturresten nachzuspiiren. In Kies- und Sandgruben, 
Lehmsjichen und anderen tiefgehenden Offnungen des Erdbodens, 
besonders auch bei Eisenbahn- und Chausseebauten, konnen (auBer 
vielen anderen vorgeschichtlichen Altertiimern) palaolithische Kultur- 
reste zu Tage treten. Es mu6 daher iiberall. wo grofie Erdmassen 
bewegt oderaufgeschlossen werden, sorgfaltig gesucht und beobachtet 
werden. Das Augenmerk ist zu richten auf dunkle Schichten, 
die Asche und ahnliche Kulturreste enthalten, auf Knochen- und 
Geweihstucke, die durch ihre kalkartige Oberflache, ihre Form. 
Grofie oder Farbe auffallen, auf bearbeitete Steine jeder Art, ins- 
besondere auch auf solche Feuersteinstiicke, die die natiirliche 
Form haben, aber an einzelnen Stellen Spuren der Benutzung oder 
der Bearbeitung zu tragen scheinen (Eolithen). Da das Alter aller 
dieser Fundstiicke meist nur aus dem Charakter der sie ein- 
schliefienden Erdmassen mit Sicherheit erkannt und dieser nur 
von einem Geologen festgestellt werden kann, so ist es durchaus 
geboten, die in Frage kommenden Gegenstande (wie iiberhaupt 
vorgeschichtliche Altertiimer) an ihrer urspriinglichen Lagerstatte 
zunachst ungestort liegen zu lassen; auf eine Nachricht an das 
Schlesische Museum fur Altertiimer in Breslau wird dieses dann 
urngehend fiir eine sachgemaGe Hebung Sorge tragen. 



VI. Die ahesten Stufea der neolitliischen Zeit 



LITE R A T U R m Kap. II— V 

G. u. A. DE MoRTiLLET, Lc pri-historiquc . Paris 1900. — Moritz Hoernes, 
Der dihtvitile Me»sch in Europa. Bratmschiceig J903. — Sophus MCller, Ur- 
(jeschichtc Kuropas. Strassburg 1905. — Karl J. Maska, Der diluviale Mensch 
in Mdhren. Xetititschein 1SS6. — Martin Kkiz, Beitrage zur Eetmtnis da- Quartdr- 
zeit in Mdhren. Steinitz 1903. — Georg Gurich, Die Quartdrfauna von Schlesien. 
Jahresber. der Schks. Ges. fur vaferl. Cxdtur 188415 ; Erldiifnnnq<m zur geo- 
logischen rbersic'hfi^knrte von ScJileden. 1S90. — Joseph Partsch, Schlesien. 
Breslau 18i>6. -- Klaatsch, Hahne. Schweinfurth, Krause u. a. iiber Eolithen. 
Zeitschrift fiir Ethnologic 1902 — 1905. ^ G. Engerrand, Six lemons de 
prehisioire. Bnixellcs 1905. — Oscar Mertins, Spuren des diltuialen Menschen 
in Schlesien und seinen Nachbargebieten. Schles. Vorz. VT. 



VI. Die altesten Stufen der neolithischen Zeit 

An die Diluvialzeit schlielSt sich die gegenwartige erdgeschicht- 
liche Periode, die alluviale (lat alluvio Anschwemmung). Die 
nordlichen Gletscher bedecken jetzt nur noch polare Regionen, 
z. B. das Innere von Gronland, wahrend sich die siidlichen ent- 
weder ganz aufgelost oder aiif die hochsten Gebirge zuriick- 
gezogen haben. Von den diluvialen Tierarten sind die meisten 
ausgestorben; manche, wie z. B. das Renntier, sind nach andcren 
Gegenden ausgewandert. Neue Arten sind an ihrc Stelle getreten 
(S. 14) und haben der Tiervvelt den Charakter gegeben, den sie 
heute besitzt. 

Die Menschen treten nun wait zahlreicher auf und verbreiten 
sich auch iiber ein viel groBeres Gebiet als friiher. denn im Laufe 
der neolithischen Periode besiedeln sie fast ganz Europa. Wie in 
der vorigen Epoche bevorzugen sie die Gegenden. in denen sic das 
Rohmaterial fur viele ihrer Werkzeuge und Waffen, (Jen Feuerstein, 
in reichlichem Malie vorfinden. Der skandinavischc Norden. der 
ihnen in der Diluvialzeit nicht zugiinglich war, bicti't ihncn jctzt 
einen giinstigeren Boden als selbst Frankreich; dort gelangt die 
Steinindustric zu einer iiberaus reichen und eigenartigcn Ent- 
faltung, dort zeigen sich audi die cinzelncn Entwicklungsstuk'n 
der jiingeren Steinzeit deutiicher als in irgend einem anderen Lande. 

Der Beginn der neuen Kulturepoche wird durch das Auf- 
kommen des Beiles bezeichnet, das wahrend der ganzen neo- 
lithischen Zeit im Leben des Menschen eine grolSe Rolle spieit. 

2 



VI. Die altesten Stufen der neolithischen Zeit 



Zuerst nur zugehauen, noch nicht geschliffen, charakterisiert es den 
ersten Abschnitt dieser Zeit, der auch die Periode des geschla- 
genen Beiles, und mit Beriicksichtigung der Fundverhaltnisse, die 
Periode der Muschelhaufen genannt wird. Die mit solchen 
Beilformen auftretenden Kulturreste finden sich namlich oft in 
der Nahe der Kiiste an Wohnplatzen, an denen sich aus Schalen 
von elibaren Muscheln (Austernj und anderen Abfallen der 
Mahlzeiten machtige Lager gebildet haben. Mit dieser Kultur 
erscheinen auch die ersten Tongefafie: dickwandig, unverziert 
und ohne Standflache. Hier findet sich auch das erste Haustier, 
der Hund. Die Toten wurden einfach im Boden verscharrt. Die 
charakteristischen Ziige dieser Kultur lassen sich von Asien iiber 
Nordafrika, Slid- und Westeuropa bis nach dem Norden verfolgen 
und haben allem Anscheine nach auch den angedeuteten Weg all- 
mahlich zuriickgelegt. 

Einen weiteren Fortschritt in der Kulturentwicklung be- 
zeichnet das Auftreten des geschliffenen Beiles. In der ersten 
Zeit ist es spitznackig und hat gewolbte Breitseiten, die von zwei 
scharfen Seitenkanten oder schmalen Seitenflachen begrenzt werden, 
oder es ist allseitig abgerundet und nach dem Nacken (Bahnende) 
zu mehr oder weniger verjiingt. Beile dieser Art sind besonders 
im Norden, Westen und Siiden von Europa, aber auch in Agypten 
und dem Orient verbreitet. Sie bestehen im Siiden nie aus Feuer- 
stein. Das schwierige Schleifen des Feuersteins wurde daher 
wahrscheinlich im Norden erfunden, und zwar erst, als geschliffene 
Beile aus anderen Steinarten dorthin gelangten. — Die nachst- 
jiingere Beilform des Nordens, das diinnackige Beil, dessen 
schwachgewolbte Breitseiten am Nacken in eine mehr oder weniger 
scharfe Kante iibergehen und seitlich mit den ebenen Schmalseiten 
vier Kanten bilden, ist vielleicht auch auf siidlichen EinfluC, und 
zwar auf den von Kupferbeilen zuriickzufiihren, die in ahnlicher Form 
in Agypten zusammen mit Steingeraten im vierten oder fiinften 
Jahrtausend vorkommen. Wahrend der Zeit des diinnackigen Beiles 
treten im Norden die ersten Graber von bestimmter Form auf, die 
sogenannten Kleinen Stuben oder Dolmen, d. h. vierseitige Grab- 
kammern, die je eine groBe Steinplatte an den Seiten und als 
Decke haben und mit einer seitlichen Zugangsoffnung versehen 
sind. Diese groBen Steinkammern, die zur Aufnahme mehrerer 
Toten bestimmt waren, bilden eine Eigentiimlichkeit der schon 
wiederholt erwahnten Landergruppe, die sich von dem Orient und 



VI. Die iiheste neolithische Periode in Schlesien 



19 



Agypten langs den Kiisten des Mittelmeeres nacli dem Atlantischen 
Ozean und der Nordsee hinzieht. Xeben den groBen Steingrabern 
tritt wiihrend dieser Periode auch einfache Erdbestattung auf. 

Alle diese Stufen der Kulturentwicklung kommen in Schlesien, 
soviel wir bis jetzt wissen, nur in Einzelfunden von geschliffenen 
Steinbeilen zum Ausdruck. Diese bestehen bald aus Feuerstein, bald 
aus anderen Steinarten ; im letzteren Falle erstreckt sich der 
Schlift' stets auf das ganze Gerat. Die alteren Beile liaben, ebenso 
wie die Hacken, die sich von ihnen nur durch die Abflachung der 
einen Breitseito unterscheiden, scharfe Seitenrander (Typus A, 
Fig. 12) oder einen flachrundlichen Korper mit spitzem oder 
schnialem Schaftende und abgeplatteten Schmalseiten (Typus D, 
Fig. 13). Ihre Schneide verlauft ofters schrage. Andere Beile, die 




Fig. 12—14. Die iltesten Steinbeilfornieji Schlc:iens. I/3. 



nie in Feuerstein auftreten, haben einen Korper von beinahe 
rechteckiger Grundform mit abgerundeten Ecken und Kanten 
(Typus E). Die diinnackigen Beile (Typus B) sind in Schlesien 
selten und von plumper Form (F'ig. 14). Einige schlankere Fund- 
stiicke dieser Art aus Feuerstein entsprechen in Gestalt, Grofie 
und Behandlung durchaus dem nordischen Typus und sind daher 
nicht nur wie die anderen unter dem Einflusse des Nordens ent- 
standen, sondern vielleicht sogar von dort importiert. 

2* 



20 VII. Die Periode der Bandkeramik 



Diese schlesischen Fundstiicke sind nie in Grabern beobachtet 
worden und gehoren wahrscheinlich auch einer Zeit an, in der die 
Sitte, regelrechte Graber anzulegen, nach Schlesien noch nicht ge- 
drungen war. Beile, deren Vorziige im taglichen Gebrauch leicht 
in die Augen fielen, libertrugen sich von Volk zu Volk natiirlich 
leichter als ganz neue geistige Anschauungen, wie sie der rituellen 
Totenbestattiing zugrunde liegen. Aufterdem brachen sich solche 
Einfliisse nach dem Inneren Europas, das damals noch wenig be- 
volkert und schwer zuganglich war, langsamer Bahn als an den 
Kiisten entlang, wo sie zwar weitere, aber leichter zu iiberwindende 
Strecken zuriicklegten, Wir bezeichnen diesen Abschnitt, in dem 
die neolithische Kultur nur schwach hervortritt und Graber noch 
fehlen, als die alteste neolithische Periode. 



VII. Die Periode der Bandkeramik 

Im Norden, Westen und Siiden wird durch das Auftreten der 
Dolmen oder Kleinen Stuben die Zeit der Steingraber eingeleitet. 
In ihrem Verlaufe erfahrt die Grabform jedoch manche Veran- 
derungen. Aus den Kleinen Stuben werden Riesenstuben, die durch 
einen Gang erweitert sind und daher auch Ganggraber genannt 
werden. Ein grofter Erdhiigel bedeckt sie. SchlieBlich nimmt die 
Grabkammer die Form einer langen Steinkiste an. Diesen Wand- 
lungen parallel geht die Entwicklung der Gerate, deren Formen 
besonders in dem feuersteinreichen Skandinavien allmahlich zahl- 
reicher und eigenartiger werden. Das diinnackige Beil z. B. wird 
schon zur Zeit der Dolmen starker und nimmt in der Periode der 
Ganggraber die Form des dicknackigen Beiles an, dessen Breitseiten 
am Nacken wenig oder garnicht gegen einander geneigt sind. 
Ebenso erfahren der Dolch, die Pfeilspitze, die Tongefalie und 
andere Gerate bestimmte Umgestaltungen, die sich zum Teil auch 
an schlesischen Fundstiicken verfolgen lassen. 

In Schlesien tritt zu einer Zeit, die im Norden durch die 
jiingeren Dolmen und die iilteren Ganggraber bezeichnet wird, an 
einzelnen Stellen eine verhaltnismafiig zahlreiche Bevolkerung auf, 
von der uns in Grabern und an Wohnplatzen viele Reste ihres 
Kulturbesitzes erhalten sind. Die Gesamtheit der hier typisch 
vorkommenden Erscheinungen bezeichnet man nach den durch 
Form, Verzierung und Tcchnik ausgezeichneten TongetaGen als 



VII. Die Periode der Bandkeramik. Gniber 



21 



dieKultur der Bandkeramik. Sie fiihrt allmahlich zu der letzten 
Stufe der schlesischen Steinzeit, der Kultur der Schnurkeramik. 
iiber. Die Sitte, die Toten nach einem bestimmten Ritus zu 
beerdigen, ist, soviel wir bis jetzt wissen, nach Schlesien erst mit 
der Kultur der Bandkeramik gelangt. 

Der Mensch beerdigte damals seine Toten. ohne sie zu ver- 
brennen. Er baute iiinen in Schlesien keine Stuben oder Kisten 
aus Stein, sondern bettete sie. wie fast iiberall in dor friihesten Zcit. 
ohne jeden Steinschutz in die Erde. 
In den Grabern finden wir den 
Korper selten gestreckt, meist ruht 
er auf einer Seite in Hockerlage. d. h. 
mit gekriimmten, angezogenen Beinen 
(Fig. 15). Der Oberschenkel bildet 
mit dem Unterschenkel ungefahr 
einen rechten Winkel. Die Arme liegen 
auf der Brust oder dem Leibe oder 
sind gegen das Gesicht erhoben. Man 
glaubte bereits an ein Fortleben nach 
dem Tode, denn man gab dem Toten 
mancherlei Gegenstande, die ihm im 
Leben lieb waren, und die er im 
spateren Leben vielleicht brauchen 
konnte, mit ins Grab. Am Kopfende 
befinden sich namlich gewohnlich zwei 
Tongefafie, ein doppelhenkeliger Krug 
(Fig. 19), der einst vielleicht mit einer 
Fliissigkeit angefiillt war, und cine 
pilzformige Schale (Fig. 23), die wahr- 
scheinlich Fleischstiicke als Wegkost 
fiir den Verstorbenen odor als 0[)fer- 
gaben aufnahm. In einem Falle enthielt 
sie nachweislich Hasenknochen. Bis- 
weilen kommen auch andere GefaBe 

vor. Nicht selten sind dem Toten Geriite und Schmucksachen 
mitgegeben, wie Messer, Pfeilspitzen, Beile, Meifiel, durchbohrtc 
Hacken aus Feuerstein, Knochenpfricme, Eberzahne, kupferne 
Ringe, Spiralen und andere Schmuckstiicke. Die Graber sind 
nicht auf einem gemeinsamen Friedhofe, sondern, wie auch sonst 
in sehr friiher Zeit, oft in unmittelbarer Nahc der Wohnungen 




Steinzeitlichcs Grab. 



22 



VII. Die Periode der Bandkeramik. Wohnstatten 



s}^' > '^'^'^'''/■''^'^^^}rA'''^/^^^^r'''''''^'^^ 



'///'// 



Fig. i6 u. 17 a. Wohiigruben, Durchschnitt. 1:90 



angelegt. Einen Einblick in diese Verhaltnisse verdanken wir 
hauptsachlich den Ausgrabungen in Jordansmiihl iind Wilschkowitz, 
Kr. Nimptsch. 

Hier wohnten die Menschen schon in einer- grofieren, dorf- 
ahnlichen Geineinschaft zusammen, in der ihnen die Riicksicht auf 
die Nachbarn gewisse Gesetze vorschrieb. Die einzelnen Wohn- 
statten, die meist 
nahe bei einander lie- 
gen, werden durch 
Wohngruben, Feuer- 
statten und Abfall- 
gruben gekennzeichnet. 
Zu ihnen treten dann 
gewohnlich die oben 
erwahnten Graber. Die 
Wohngruben zeigen 
sehr verschiedene Formen. Bald erweitert sich der rundliche 
Hohlraum mit zunehmender Tiefe, sodafi er sich der Form eines 
Gewolbes nahert ( Fig. 1 6), bald haben 
die Gruben die auch spater vor- 
kommende Form eines flachen 
Kessels, bald zeigen sie in der 
Mitte eine breite Vertiefung mit 
Feuerstelle und am Rande bank- 
artige Absatze (Fig. 17a u. b), die 
vielleicht als Schlafstellen dienten. 
Der Herd tragt bisweilen eine Lage 
Gerollsteine unddariiber eineLehm- 
schicht. Diese Gruben erhielten 
einen Schutz durch eine dariiber 
errichtcte Hi^itte, deren Wand aus 
Stangen, Zwei- 

gen, Schilf, Stroh oder ahnlichem Material 
bestand und mit Lehm iiberzogen war. Viele 
Stiicke von gehartetem Lehm (Fig. 18), die die 
Abdriicke von Holzern und Flechtwerk tragen, 
riihren von dieser Wandbekleidung her. Manche 
zeigen Spuren des Feuers, das die Hutte viel- 
leicht zerstort hat. In der Wohngrube sind 
bewurf. Lei.m, 1 4. Reste vou Gebrauchsgegcnstanden nur selten 




Fia. 17b. 



Peispektivisclie Ansicht 
Fij;. 17a. 1: 90. 




VII. Die Periode der Bandkeraniik. Tierreste 



23 



zuriickgeblieben. Inhaltsrcicher sind die Abfallgruben, welche 
Scherben von Kochtopfen und grolien VorratsgefaiSen, Knochcn von 
Haustieren und Wild, sowie zerbrochene und verloren gegangcne 
Gerate aller Art enthalten. 

Der Inhalt dieser Graber und Wohngruben ist, im cinzelnen 
betrachtet, eine reiche Quelle fiir unsere Kenntnis des damaligen 
Lebens; ja aus den Menschen- und Tierresten, die uns aus 
dieser und spiateren Perioden erhalten sind, werden sich vielleicht 
einmal Schliisse auf die korperliche Beschaffenheit der Menschen- 
und Tierrassen jener Zeiten und ihre Verbreitung in zeitlicher 
und ortlicher Beziehung ziehen lassen. Erwahnt sei hier nur von 
den Untersuchungen der Tierknochen, dafi die Bewohner von 
Jordansmiihl zur Zeit der Bandkeraniik im Besitze einer Anzahl 
Haustiere waren. Zu ihrem Haushalte gehorten das Schwein, das 
Schaf, das eine gewisse Ahnlichkeit mit der Ziege besafi, zwei 
Hundearten, der kleinere Torfhund (Canis familiaris palustris), der 
spitzartig war, und der groGere Aschenhund (Canis familiaris inter- 
medins), der dem Menschen wahrscheinlich auf der Jagd folgte, 
ferner das Torfrind (Bos brachyceros). Ein Urrind (Bos primigcnius), 
das in einem fast vollstandigen Exemplar ausgegraben worden ist 
und daher ein Fundobjekt von grofier Wichtigkeit bildet, wird nach 
der Beschaffenheit der Knochenoberflache nicht als ein Haustier, 
sondern als ein wildes Jagdtier angesehen. Funde dieser Art sind 
auch fiir die Frage der Abstammung unserer Haustiere von der 
grolSten Bedeutung. 

Die TongefaBe dieser Zeit sind dem Anscheine nach die 
ersten, die in Schlesien hergestellt wurden, stehen aber schon 
auf einer iiberraschenden Hohe der Entwicklung. Der Mensch 
hatte die Topferkunst offenbar schon vor der Zeit, als er 
nach Schlesien kam, kennen gelernt. Er verwandte zu den 
GefaGen nicht rcinen Ton, sondern durchsetzte ihn, um das 
Springen im Feuer zu verhindern, mit feinem Grus aus Quarz, 
Glimmer und anderem Gestein. Entsprechend seinen gesteigerten 
Bediirfnissen gab er den GefaiSen maitnigfache Formen, die 
jedoch nicht nur dem rohen Gebrauchszwecke dienten, sondern 
in Gestalt und Verzierung einen feinen Geschmack verraten. Die 
GefaGe sind samtlich sorgfaltig und genau geformt, aber aus freier 
Hand, nicht auf der Drehscheibe hergestellt; diese wird in Griechen- 
land zwar schon friih erwahnt, tritt im mittleren Deutschland aber erst 
in der spateren Metallzeit auf (S. 94). Die Obcrfliichc der GefaBe 





24 ^11- Die Peiiode der Bandkeramik. Jordansmiihler Gefafie 

ist gut geglattet und bisweilen mit geschlammtem Tone iiber- 

zogen; es fehlt ihnen aber wie iiberhaupt alien prahistorischen 

Tongeraten die Glasur. 

Eine besondere Gruppe scheinen die bandkeramischen Gefafie 

aus Jordansmiihl zu bilden. Diese Formen sind auch in Woisch- 
witz bei Breslau und an anderen Stellen, 
hier jedoch weniger zahlreich aufgetreten. 
Die haufigsten Erscheinungen der Jordans- 
miihler Bandkeramik sind doppelhenkelige 
Kriige (Fig. 19). Sie haben einen gedriickt 
kugelformigen K6rper_, die Standflache ist 
meist wenig ausgebildet, der Hals stark ein- 
19. Krug. 1/4. gezogen, bisweilen auch abgesetzt. Die beiden 

grofien bandartigen Henkel iiberragen 

nie den Gefafirand. Reiche Ornamente 

bedecken den gewolbten Bauch und 

manchmal auch den Hals. Das Haupt- 

motiv bildet das Band, nach dem der 

Formenkreis auch benannt wird. Es setzt ^. ,, ,- , 

Fig. 20. Napt. 1 f, 

sich meist aus drei und mehr gezogenen 

^g^itgHtmam-. parallelen Linien zusammen; selten besteht 

^^^^-^^L es aus Punktreihen. Bald ist es sparren- oder 

^^B^^-x/ v- m ^ zickzackartig zusammengestellt, bald zu trian- 

^^R '' jmI gularen Systemen oder Winkeln geordnet. 

^H^^^^^^H§ Bisweilen ist das Band aut beiden Seiten mit 

^^^^^^^^^Kr Fransen eingefaBt (Fig. 19). Horizontale 

^^^^^^^^^ Bander finden sich nur auf dem Halse, vertikal 

Fig. 21. Kugeigefass. 2/5. gestclltc fehlen. Auch Gruppen von Griibchen 

treten auf. Gefafie dieser Art sind hauptsachlich 

auf den Graberfeldern von Jordansmiihl und 

VVoischwitz vorgekommen. Da sie aufierhalb 

Schlesiens ganz fehlen, so miissen wir sie 

als einen Schlesien eigentiimlichen Typus 

ansehen. Zuriickzufiihren sind sie jedoch wahr- 

scheinlich auf Einfliisse, die aus den ostlichen 

Mittelmeerlandern stammen. Die pilzformigen ^'g- "• '^'»^«- *k- 

GefafJe (Fig. 23) bestehen aus einem hohen, meist rohrenformigen 

Fulie und einer Schale mit weit ausladendem Halse oder einge- 

zogenem Rande. Die untere Seite der Schale wird belebt durch kleine 

Buckel oder knc^pfartige Erhohungen, Schnurosen, deren Offnung 





VII. Die Periode der Bandkeramik. Jordansniuhler Gefafie 25 

vertikal oder horizontal gerichtet ist (Fig. 20), oder eine Reihe ver- 
tikaler Einkerbungen. Die pilzartigen GefaGe erinnern an Formen 
der Urnengraberzeit, stehen jedoch allem Anscheine nach mit ihnen 
in keiner Verbindung, Sie kommen 
nordlich von Schlesien nicht vor, 
lassen sich jedoch siidlich und siid- 
ostHch durch ganz Europa und 
dariiber hinaus verfolgen. Ihre 
Vorbilder haben sie in Agypten ge- 
habt. Mit ihnen verwandt sind Napfe 
(Fig. 20), von denen sie sich bis- 
weilen nur durch den hohen Stand- 
fuli unterscheiden. Von den iibrigen 
selteneren Gefafiformen, die die 
Funde von Jordansmiihl geUefert 
haben, seien noch em kugeltormiges 

Gefafi mit niedrigem, zylindrischem Halse erwahnt (Fig. 21), dessen 
Korper durch vvinkHg angeordnete, mit quergestellten Griibchen 
besetzte Linien reich verziert und mit vertikal gestcllten Schnurosen 
versehen ist, ferner eine Vase mit Bauchkante und hohem Halse 
(Fig. 22), die unregelmafiig verteiltc Knopfe als Ornaniente tragt. 

Besonders bemerkenswert sind enghalsige 
kleine Flaschen aus Ton mit kragenformigem 
Ringe um <den Hals (Fig. 24) und Vasen oder 
Schiisseln mit abgesetztem, hohem, trichter- 
formig ausladendeniRande, die in zwei Grabern 
mit den doppelhenkeligen Kriigen des Jordans- 
muhlcrTypus,wenn auch von etwas abweichen- 
dem Aui^bau, vorgekommen sind. Jene GefalS- 
formen sind charakteristisch fiir die grofSen 
Steingraber von Nordwestdeutschland und 
Fig. 24. Kragenrtasche. '/:,. Dauemark ; die Kragenriaschen insbesondere 
gehoren nach den Untersuchungen nordischer Forscher der Zeit der 
Dolmen an. Diese Fundstiicke sind Zeugnisse fiir den Verkehr 
zwischen dem Xordwesten und Schlesien zur Zeit der Band- 
keramik. Als Handelsware wie Stein- und Metallgeratc diirften 
sie kaum hierhcr transportiert worden sein; wahrscheinlicher 
erschcint t-s, daLs sie von Menschen, die aus dem Norden stammten, 
in Schlesien hergestellt wurden. Die nordischen Einwanderer 
oder Handelsleute, die in ihrer Hciinat die Toten in grofie 




26 



VII. Die Periode der Bandkeraniik. Zweite Gruppe 



Steingraber zu legen gewohnt waren, umsetzten sie in Schlesien, wo 
man sie ohne jeden Steinschutz in die Erde zu betten pflegte, 
wenigstens mit Steinen und gaben ihnen Schmuckstiicke (grofie 
Ringe) aus dem heimatlichen Bernstein, der in dieser Zeit an der 
jiitischen Kiiste gewonnen wurde, mit ins Grab. 

Mannigfacher als auf diesen aus Grabern stammenden Gefafien 
sind die Ornamente auf den Tonscherben, die aus den unmittelbar 
daneben gelegenen Wohnstatten herriihren. Auch auf ihnen bildet 
das Grundmotiv das Band, welches mit einem spitzen Instrument 
gestochen oder gezogen, in einigen Fallen aber auch mit einem 
Stempel oder Radchen hergestellt ist. Solche Gruppen paralleler 
Linien oder Stichreihen legen sich in verschiedenen Anordnungen 
iiber den Gefafikorper als horizontale, vertikale, schrage, im Zickzack 
verlaufende Bander, als rechteckige und quadratische Muster, als 
grofie Bogen, die durch Griibchen belebt werden. In einer Gruppe 
paralleler stabchenformiger Eindriicke konnte eine Ausfullung des 
Ornamentes mit einer weifien Masse festgestellt werden. 

Von dem Jordansmiihler Formenkreise weicht eine zweite 
Gruppe der schlesischen Bandkeramik, die aus Funden 
Mittel- und Niederschlesiens besteht, in manchen Beziehungen ab; 
einzelne charakteristische Ziige in der Technik und der Form der 
Ornamente sind jedoch beiden gemeinsam, so dalS sie sich, wenn 

sie uberhaupt zu trennen 
sind, zeitlich sehr nahe 
gestanden haben miissen. 
Diese Gefasse sind samtlich 
henkellos, bisweilen aber 
mit Schnurosen und kleinen 
Buckeln versehen. Mehrere 
sind bombenformig, nach 
dem Rande zu konver- 
gierend oder geschweift 
und haben nur eine schwach 
ausgebildete Standflache ; 
bisweilen zeigen sie auch 
eine stumpfe , gekerbte 
Bauchkante oder eine 
Bauchwolbung mit Gnff- 
warzen. Einige Gefafie mit 
Bauchkante haben einen 




Bandkeramisches GefilJ. 



VII. Die Periode der Bandkeramik. Zweite Gruppe. Schmuck 27 



zylindrischen Hals. Die prachtige, schon von Biisching ausgegrabene 
Vase aus Bschanz, Kr. Wohlau (Fig. 25) hat auGerdem einen hohen 
Standfuli. Cblich ist eine reiche Verzierung, die freilich an diesem 
GefalSe besonders auffallt. Sie wird aus Paaren von Stichreihen 
gebildet, die meist mit dem Rollstempel oder Radchen hergestellt 
sind und doppelt, vierfach oder sechsfach zu Bandern vereint in 
verschiedenartigen eckigcn Mustern auf alien Teilen des GefalSes 
erscheinen. Wie an Fig. 25 sind sie bald zu Quadraten, Schach- 
brettmustern, maanderartigcn Winkeln und ineinander geschobenen 
schraffierten Dreiecken, bald zu sparrenartig, vertikal, horizontal 
oder schrag gestellten Bandern geordnet. Es fehlen jedoch Bander 
in Form von Bogen, Spiralen und echten Maandern. Die Gefafie 
dieser Gruppe tragen durchaus das Geprage der Bandkeramik, die 
sich im Verein mit einer Anzahl eigenartiger Gerate iiber Siid- und 
Mitteleuropa verbreitet hat und besonders in Mitteldeutschland 
gut vertreten ist. 

Von den Geraten aus Stein und anderen Stoffen, deren 
sich der neolithische Mensch in seinem Haushalte, auf der Jagd und 
im Kampfe bediente, tritt uns erst aus dieser Periode ein reich- 
haltigeres Material entgegen. Es zeigt uns, dali er zum Schneiden, 
Schaben, Bohren, zum Werfen, Stechen, Schlagen und anderen 
Arten seiner Tiitigkeit besondere Gerate besali, die den praktischen 
Bediirfnissen sovveit wie moglich angepalSt waren. Daher blieben 
viele von diesen Formen auch wahrend der Zeit der Schnurkeramik 
unveriindert in Gebrauch. Eine Ubersicht iiber die Gerate beider 
Perioden gibt das folgende Kapitel. 





Fig. 26—28. Spiralichmuck. Kupfer, '/i ; 26, i/o. 

Wie die Bewohner Schlesiens schon zur Zeit der Band- 
keramik bestrebt waren, ihre Gerate zu verzieren und gefallig 
zu gestalten, so fanden sie auch Gefallen daran, sich selbst zu 
schmucken. Die erhaltenen Schmucksachen sind nicht zahl- 
reich. aber verhaltnismaliig kostbar, denn sie bestehen, abge- 
sehen von den S. 26 erwahnten Bernstcinringen , haui)tsachlicli 



28 VII. Die Periode der Bandkeramik. Absolutes Alter. — Werkzeuge u. Waffen 



in Kupfergegenstanden. So fanden sich in den Grabern an den 
Skeletten Armspiralen (Fig. 26), Spiralrohren (Fig. 28), die auf eine 
Schnur gezogen als Halsschmuck getragen wurden, Ringe an den 
Fingern und Zehen, Spiralscheiben, die der Gestalt einer Brille 
vergleichbar sind (Fig. 27), und andere Formen. Alle diese Gegen- 
stande aus Kupfer sind ebenso wie die spateren aus Bronze von 
einer griinen Verwitterungsschicht, der Patina, iiberzogen. 

Wie in Jordansmiihl fand man auch in Lengyel im siidwest- 
lichen Ungarn auf einer Niederlassung der Steinzeit gewolbeartige 
Wohngruben (Fig. 16), Graber von liegenden Hockern (Fig. 15), 
in fast jedem eine pilzformige Schale (Fig. 23) und neben Steingeraten 
eine Anzahl Kupferschmucksachen, aber noch keine Waffen und 
Werkzeuge aus Kupfer, die sonst in Ungarn nicht selten sind. 
Diese Graber miissen daher der allerersten Kupferzeit angehoren. 
Die kupferne Brillenspirale (Fig. 27 j war dort auch vertreten; das 
Spiralmotiv war aulierdem auf einer pilzformigen Schale zu einem 
gemalten Ornament verwendet. Ankniipfend an dieses Gefafi, das 
in dem Spiralornament und in der Bemalung griechisch-agyptischen 
Einfluli zeigt, hat INIontehus durch eine Reihe vergleichender Unter- 
suchungen an Fundstiicken der ostlichen Mittelmeerlander den 
Beginn der Kupferzeit fiir Ungarn in die erste Halfte des dritten 
Jahrtausends v. Chr. verlegt. Die Jordansmiihler Kultur, die in cha- 
rakteristischen Zugen eine so grofie Ubereinstimmung mit dem 
Formenkreise von Lengyel aufweist, diirfte keiner viel spateren Zeit 
angehoren und ebenso wie die Stein-Kupferzeit in Siiddeutschland 
und Bohmen etwa in die Mitte des dritten Jahrtausends zu 
setzen sein. 



VIII. Werkzeuge und Waffen der jiingeren Steinzeit 

Schlesien zahlt nicht zu den Landern, die durch ihren Reich- 
tum an Feuerstein ausgezeichnet sind, und war daher auch kein 
gunstiger Boden fiir die Entwicklung der Steinindustrie. Immer- 
hin finden wir seine Bewohner in den letzten Perioden der 
neolithischen Zeit im Besitze einer stattlichen Reihe von Waffen, 
Werkzeugen und anderen Geraten aus Stein. 

Bei weitem die zahlreichsten Feuersteingerate sind aus dem 
Span hergestellt. Durch einen schrag gefiihrten Schlag mit einem 
Stein auf den Rand eines Feuersteinkernes (Fig. 32) lassen sich 



VIII. Werkzeuge und Waffen. Messer 



29 



prismatische Spane absprengen, die meist etwas gekriimmt sind und 
in der Nahe der Schlagstelle auf der breiten Seite den Schlaghiigel, 
eine buckelformigeErhohung. tragen. Diese Feuersteinspane, die man 
schon in palaolithischer Zeit kannte (S. 13), tanden in neolithisclier 
Zeit eine vielfache Verwendung. Wegen ihrer scharfen Schneide 
bildeten sie ausgezeichnete Messer (Fig. 29), die sich in manchen 
Gegenden und audi in Schlesien vereinzelt bis in die ]\Ietallzeit> 

ja bis ins Mittelalter erhalten haben. 
Bisweilen gab man ihnen die Form 
eines Halbmondes (Fig. 30J. Wurde 
die Schneide durch den Gebrauch 
schartig oder absichtlich gezahnt, so 
entstand die Sage. Breite kraftige 
Spane, die an einem Ende oder auch 
an beiden kurz gestutzt wurden, 
lieferten Schaber (Fig. 31), die beim 
Gliitten von Knochen, Horn und Holz, 
sowie bei der Behandlung der inneren 
Seite von Tierfellen wegen ihrer 
widerstandsfahigen Kante bessere 
Dienste leisteten als die sprode 
Schneide der einfachen Spane. Liefen 
die abgesprengten Spane in eine Spitze 

'^-"uVrsSn''^" ""'^ '^""''*'"' ^"^' so vvaren sie zum S tech en 
und Bohren geeignet. Alle diese 
einfachen Cerate wurden in der altesten vvie in der jiingsten 
Periode der neoHthischen Zeit benutzt. Zur besseren Hand- 
habung wurden sie in einen Holzgriff gesetzt; an manchen 
zeigt sich auch eine besondere Schiiftungsvorrichtung. Die 
reichsten Fundstellen dieser Steingerate liegen in Ottitz. Kr. Ratibor, 
wo u. a. in einer Feuersteinwerkstatte Tausende von fertigen und 
unfertigen Geraten, Kernsteinen und Abfallstiicken aufgedeckt 
wurden. Dieser Fund bezeugt uns, daB die Arbeitsteilung bereits 
begonnen hatte. 

Aus einer Wohngrube in Ottitz stammen auch viele Obsidian- 
gerate dieser Art ncbst Kernsteinen und Abfallen. Sie sind 
samtschwarz, durchscheinend und sehr zierhch, zeigcn aber sonst 
die Eigenschaften des Feuersteins. Dieser Fund bildet ein wich- 
tiges Zeugnis fiir einen Handelsverkehr Schlesiens mit dem Siid- 
osten von Europa wahrend der jiingeren Steinzeit (vgl. S. 1 1 ). 




30 



VIII. \Verkzeua:e iind Waffen. Pfeil- und Lanzenspitzen 




Flache spitze Feuersteinspane warden zu Pfeilspitzen benutzt 
Oder verarbeitet. In Schlesien gibt es unter den Pfeilspitzen nur 
drei Typen : das Schaftende ist flachgerundet (Urformj, ausgebuchtet 

Oder gestielt (Fig. 33 — 35). Vor deiti 
Gebrauche wurde die Pfeilspitze in einen 
Einschnitt oder eine Vertiefung am Ende 
eines Stieles gesetzt und dort festge- 
bunden. Viele Pfeilspitzen sind durch ihre 
Fig. 35-3;. Pfeilspitzen. Feuerstein. 2/3. zicrliche Form und den fein gemuschelten 
Rand ausgezeichnet, der durch Druck mit einem Bein- oder Horn- 
stabe hergestellt wurde. Unter ihnen sind die mit ausgeschnittenem 
Schaftende die haufigsten. Sie kommen im Norden in der Zeit der 
Riesenstuben vor, anderwarts und auch in Schlesien erhalten sie 
sich vereinzelt bis in die Metallzeit. Die Urform gehort im Norden 
und wahrscheinlich auch in Schlesien der Zeit der spitz- und diinn- 
nackigen Beile an. Formen, die eine Mittelstellung zwischen dem 
ersten und zweiten Typus emnehmen, fanden sich in Jordansmiihl 
in Grabern der Bandkeramik. 

Zur Ausrustung des Bogenschiitzen 
gehorte in der Zeit der Schnurkeramik 
auch eine diinne, etwas gewolbteStein- 
platte (Fig. 39), die auf dem linken 
Handgelenk getragen wurde, um es 
gegen den Schlag der zuriickschnellen- 
den Bogensehne zu schiitzen. 

Zu Lanzenspitzen \\ urden 
kraftige, spitze Feuersteinspane be- 
nutzt. Die gewdhnliche Form ist blatt- 
formig. Auf diesen Typus gehen vieK- 
,,entwickelte Formen" zuriick, die sich 
meist durch eine aufierordentlich feine 
Bearbeitung auszeichnen und wahr- 
scheinlich als ImpOrtStiicke anZUSehen Fig. 36—39. Lanzenspitzen und Dolch, Feuer- 
. , T-- T-. ■ • 1 -1 . T-- /- ^'='"' %; Armschutzplatte. Stein, >/4- 

smd. Em Beispiel gibt uns rig. 36. 

Eine so diinne Lanzenspitze stellte man her, indem man an einem 
grofieren, geeigneten Feuersteinstiick vom Rande aus zunachst durch 
Schlag und zuletzt durch Druck fortgesetzt diinne Spane absprengtc. 
Dieses Verfahren erforderte eine aulSerst geiibte und sichere Hand. 
Zum Gebrauch wurde die Klinge entweder in einen langen Schaft 
gesetzt und als Lanze benutzt oder mit einem kurzen Griff versehen 




VIII. Werkzeuge und Waffen. Beile ^I 

und als Dolch oder Schneidewerkzeug verwendet. Aus Feuerstein- 
klingen mit schmalem Schaftende, die im skandinavischen Norden 
in grofier Menge vorkommen, entwickelte sich noch zur Zeit der 
jiingsten Riesenstuben eine Dolchform mit vierkantigem Griff. Von 
dem nordischen Zentrum sind einzelne Exemplare audi nach 
anderen Landein gedrungen; ein Beispiel dafiir sehen wir in dem 
abgebildeten Dolche (Fig. 37) aus Jakobine, Kr. Ohlau. Wie dieser 
Dolch gelioren auch einige neue Formen der Lanzenspitzen, von 
denen hier die aus Marschwitz, Kr. Ohlau, abgebildet ist (Fig. 3<S), 
schon der jiingsten schlesischen Steinzeit an. Alle diese Formen 
stellen Angriffswaffen dar; Verteidigungswaffen komnien erst spat 
in der IMetallzeit in Aufnahme (S. loi). 

Das Steinbeil ist der Form nach mit unserem Keil verwandt, 
entspricht aber dem Zwecke nach mehr unserem Mctallbeil. Es 
wurde geschaftet. indem es entweder unmittelbar in einen Holzstiel 
oder zuniichst in eine widerstandstahigere Hornfassung und dann 
mit dieser in den Stiel gesetzt wurde. Die MeiCel sind schmale 
Beile und wurdcn in derselben Art wie diese mit einer Handhabe 
versehen. Die Hacken, die sich von den Beilen nur durch die 
Abflachung einer Breitseite unterscheiden, wurden in ahnlicher 
Weise geschaftet, ihre Schneide stand jedoch wie bei unseren 
Metallhacken senkrecht zum Stiel. Zu diesen Beilarten sind aufier 
Feuerstein (auch gebandertem) viele andere Steinarten verwendet 
worden, wie z. B. Serpentin, Diorit, Syenit und Grunschiefer. 

Aus Feuerstein gestaltete man Beile, indem man, wie bei den 
Dolchklingen, von einem geeigneten Stiick durch Schlage auf die 
Kanten zunachst grobe und dann 
feinere Spane absprengte. Schliefi- 
lich glattete man das behauene 
Stiick auf groben und feinen 
Schleifstcinen. Manche Beile er- 
hielten auf Steinen mit glanzenden 

Flachen eine Politur (Fig. 40). Fig. to. schieifstein. !/«. 

Die Beile aus anderen Steinarten wurden nur roh zugehauen und 
dann auf einem grobkornigcn Schleifsteine so lange bearbeitet, bis 
sie die gewiinschte Form angenommcn batten. Auf feineren 
Schleifsteinen gab man ihnen schliel.slich eine grofiere Glatte. 

yon den Formen der Beile haben wir die der iiltesten Stufen 
der neolithischen Zeit bereits kennen gelernt (Fig. 12 — 14). '^i"' 
Zeit der Bandkeramik benutzte man in Schlesien kanti<'e Beile mit 




32 



VIII. Werkzeusre und Waft'en. Beile 




beil 
Kr. 
das 
aus 



mafiig verdiinntem Schaftende, die einc Mittelstellung zwischen 
den diinnackigen und den dicknackigen Formen einnehmen. An 
diesen Beilen erreicht die Dicke des Nackens nicht die halbe Starke 
des Korpers an seiner dicksten Stelle. Dieser Charakter ist auch 
einem diinnen Flachbeile und zwei langen Meifieln aus Kupfer eigen, 
die wir daher auch der Zeit der Bandkeramik zuweisen, wahrend 

das dicknackige Feuerstein- 
Fig. 41 aus Griineiche, 
Breslau, und wohl auch 
Kupferbeii Fig. 42 a, b 
Strehlen der Periode 
derSchnurkeramik angehoren. 
Neben den kantigen Beil- 
formen mit maBig ver- 
diinntem Nacken kommen in 
grofierer Zahl die fiachrund- 
hchen Formen vor, die zu 
dem Typus D und E gehoren 
(S. 19) und typologisch nicht 
immer mit Bestimmtheit von 
denalterenFundstiicken unter- 
schieden werden konnen. 
Besonders charakteristisch fiir die Zeit der Bandkeramik sind 
flache Hack en von trapez- oder rechteckiger Grundform mit einer 
Schneide, die, von vorn gesehen, gewolbt erscheint. Ein Beispiel 
gibt die abgebildete Hacke Fig. 43 aus Jordansmiihl. Verwandt 
mit ihnen ist ein nicht weniger 



Dicknackiges Feuersteinbeil 
Kupferbeii, i/'i- 



eigenartiger undhaufigerHacken- 
typus, der sogenannte Schuh- 
leistenkeii (Fig. 44), der meist 
in statthcher Grofte (bis zu 38 cm 
Langej auftritt. Viele dieser 
Fundstiicke tragen am stumpfen 
Ende ein Schaftloch, das parallel 
zur Schneide gerichtet ist. Die 
Bestimmung der Schuhleisten- 
keile ist noch nicht festgestellt; 
von manchen werden sie als 
Poliersteine, von anderen als 
Bodenhacken gedeutet. 




c 



5 11. 44. Sttinhackeii. */.<) u. '/g. 



VIII. Werkzeuge und WaflFen. Axte 



33 



Neben den Beilen benutzte der neolithische Mensch Axte, 
d. h. beilartige Gerate, die mit einer besonderen Schaftungs- 
vorrichtimg versehen sind. Bisweilen besteht diese in einer breiten 
Auskerbung (Rilie) oder einer Verjiingung am 
Bahnende (Fig. 45); die gewohnlichste und voll- 
kommenste ist jedoch das Schaftloch. Bei den 
Axten ist es parallel zur Schneide, bei den Hacken 
senkrecht zur Schneide gerichtet (Fig. 46, 47). 
Feuerstein wurde zu diesen Geraten nicht ver- 
arbeitet, weil ihn der neolithische Mensch nicht 
durchbohren konnte. Die anderen Steinarten 
durchbohrte er, indem er einen rohrenformigen 
Stab (Knochen) mit leichtem Druck auf das 
bereits geformte Stiick stellte und ihn vermittels 
der Sehne eines bogenartigen Instrumentes in 
drehende Bewegung setzte. Sand benutzte er 
dabei als Schleifmittel. Voile Stabe wurden 
nur selten als Bohrer verwandt. An unfertigen 




c 



Fig. 4). Steinaxt, 1/4. 

^g Bohrungen, wie sie die 
abgebildete Axthalfte 
zeigt (Fig. 49), und an 
Bohrzapfen (Fig. 48) laBt 
sich das Verfahren er- 
kennen. Axte mit Schaft- 
loch wurden nachweislich 
schon zur Zeit der Band- 
keramik hergestellt. Auch 
Hirschhorn wurde zu 
Axtenverarbeitet(Fig.50). 
Der widerstandsfahige 
Kranz einer Sprosse 

Fig. 46-49. AMe. Hacke und Bohrzapfen. S.cin. </,,. J|g„j^ dcrHomaXt oft als 

Nacken; ihr Schaftloch ist viereckig oder rundlich. 

Unter den zahlreichen Arten der Steiniixte stellen wir den 
roh gearbeiteten ,,einfachen 
Formen" die „entwickelten" 
(Fig. 54—56) gegeniiber. Dit- 
letzteren werden gekenn- 
zeichnet durch sorgfaltige 
Bearbeitung, Schweifungen Fip.50. Hir,chhorna,., »/9. 







34 



VIII. Werkzeuge und Waffen. Axte 



am Korper, Kriimmung der Langsachse, besondere Ausbildung der 
Schneide, des Nackens oder des Mittelstiickes, sowie durch Orna- 
mente in Form vonGraten und Auskehlungen. Die einfachen Formen, 
die manchmal abgeniitzt oder neu bearbeitet sind, dienten 
gevvohnlichen Arbeitszwecken; Axte mit verkiimmertem Schaft- 
loch vvurden vielleicht als Setzkeile, die sehr grofien Exemplare als 
Pflugscharen benutzt. Die entwickelten, selteneren Formen, die 
meistens ganz unversehrt erhalten sind und bisweilen eine 
stumpfe Schneide haben, waren Prunkwaffen oder Streitaxte. Am 
mannigfachsten finden wir sie unter den Axthammern, d. h. Axten, 
bei denen sich das Bahnende zu der Form eines Hammers aus- 
gebildet hat. Besondere Typen bilden die Doppelaxte, die zvvei 
Schneidenteile, und die Doppelhammer, die zwei Hammerteile 
haben; sie gehoren jedoch in Schlesien zu den Seltenheiten. Axte, 
die wegen ihrer geringen GroBe oder Widerstandsfahigkeit, ihres 
mangelhaften Schaftloches oder aus irgend einem anderen Grunde 
keine praktische Vervvendung finden konnten, deutet man als 
Votivaxte. Miniaturaxte wurden vielleicht als Amulette an einer 
Schnur getragen, um den Besitzer gegen den Zorn des Donner- 
gottes, dessen Waffe ja die Axt war, zu feien. Auch in bezug 
auf die Axte hat der Norden den grofiten Reichtum, die grofite 
Mannigfaltigkeit und Ausbildung der Form aufzuweisen. 

An der einfachen Axt oder Hacke (Fig. 46, 47) ist der 
Schneidenteil am kraftigsten ausgebildet. das Schaftloch ist nach 
dem Bahnende geriickt, und dieses zeigt sich meist nachlassig 
gearbeitet oder abgerundet. So haufig die Arbeitsaxte auch sind, 

so hat man sie doch nur 
selten in Grabern (Fig. 15) 
beobachtet. Zur Zeit der 
JordansmiihlerBandkeramik 
treten sie auf und erhalten 
sich wie manche andere ein- 
fache Form der Steingerate 
bis in die Metallzeit hinein. 
Zudieser Gruppe zahlen wir 
auch eine Axt und eine 
Hacke aus Kupfer (Fig. 51 
u. 52), die ungarischer Her- 
kunft sind und der Stein- 
Fig. 51 und S2. Axt und Hacke. Kupfer, l/^. ZCit angehoten. 




VIII. Werkzeuge und Waffen. Streitaxte 



35 



Die einfachen Formen der A xt hammer haben das Schaftloch 
in der Mitte und bisweilen einen vierkantigen, haufiger jedoch 
einen abgerundeten Korper. Eine INIittelstellung nehnien die Axte 
mit ebener Ober- und Unterseite und gewolbten Seitentlachen 
ein (Fig. 53). Von den zahlreichen entwickelten Axthammern, den 
Streitaxten, erwahnen wir nur die gebrauchlichsten Formen. 
Hierzu gehoren Axte mit abgerundetem Korper und Verdickungen 
zu beiden Seiten des Schaftloches (Fig. 55) oder die facettierten 
Axthammer, die besonders auf dem Hammerteil mehrere der 
Langsachse parallel laufende breite, geschliffene Ebenen zeigen. 
Dieser Typus hat sein Zentrum in Thiiringen, kommt in ahnlicher 
Form aber auch in Bohmen und Ungarn vor. Er gehort zu dem 
Formenkreise der Schnurkeramik. 






Fig. 55 — 56. Axthammer unJ Streitixte. Stein, 1/3. 



Eine Gruppe bilden auch Streitaxte mit knopfartiger Verdickung 
am Bahnende, bogenformig verbreiteter Schneide und leichter 
Biegung der Langsachse (Fig. 54). Der Querschnitt ist rhombisch 
oder rund. Die Form dieser Steiniixte ist jedenfalls auf Metall- 
vorbilder zuriickzufiihren. Kupferaxte dieser Art sind besonders 
aus Ungarn bekannt, in Stein kommen sie in Osterreich- Ungarn, 
Ostdeutschland und recht olt in Schweden vor, wiihrend sie in 
Danemark fehlen. Sie weisen auf einen Ilandelsverkehr, der sich 
zur Zeit der Riesenstuben von Ungarn iiber Norddeutschland direkt 
nach Schweden bewegte und auch Schlesien beriihrtc. 

Zu einer anderen Gruppe geh(»ren Streitaxte mit horah- 
hangender Bahn, fiacher Oberseite, die der leichten Krimimung der 

3* 



36 VIII. Werkzeuge und Waffen, Schlesische Streitaxte. Keulen 



Langsachse folgt, herabhangender Schneide und einer eigen- 
tiimlichen Schweifung des Korpers (Fig. 56). Das Schaftloch ist oft 
etwas nach vorn geriickt. Diese gefallig geformte Streitaxt kann 
als speziell schlesischer Typus bezeichnet werden, well sie hier 
haufig auftritt, aufierhalb Schlesiens aber fehlt. Das Zentrum ihrer 
Verbreitung und ihrer Fabrikation liegt in der Gegend zwischen 
dem Zobten und der Oder. Gewohnlich bestehen diese Axte 
aus Serpentin, der am Zobten vielfach vorkommt. Manche Exemplare 
sind wahre Prachtstiicke; entweder sind sie reich mit Gruppen 
paralleler Furchen ornamentiert oder glanzend poliert. Es gibt 
auch zahlreiche Fundstiicke, die zwar den Charakter dieser Axte 
tragen, aber noch nicht voll entwickelt sind. Mehrere dieser 
schlesischen Streitaxte gehoren nachweislich schon der altesten 
Bronzezeit an; andere sind jedoch dem Anscheine nach im Verein 
mit Formen der Schnurkeramik vorgekommen. 

Auch stumpfe, keulenartige Schlaginstrumente waren in der 
neoUthischen Zeit in Gebrauch. Die einfachen Keulen sind klotz- 
artig geformt (Fig. 57), haben eine auffallend glatte Rille und zeigen 

auf der oberen und 
unteren FlacheSpuren 
der Benutzung. Mit 
einer dicken Schnur 
oder einembiegsamen 
Zweige wurden sie an 
einen knieformigen 
________ Stiel befestigt. Sie 

, ^ ,. , i c • , ,u c haben bisweilen in 

Fig. 57 und 58. Keule und Streitkolben, stein. 

Bergwerken zum Zer- 
kleinern des Erzes gedient. Ihr relatives Alter ist noch unsicher. 
Die Keulen mit Schaftloch (Fig. 58) sind stets sorgfaltig gearbeitet 
und als Streitkolben aufzufassen. In ihrer Grundform erinnern 
sie an die Kugel, den Wiirfel, den Doppelkegel, den Stern u, a. 
Einige gehoren derselben Zeit an wie die pilzformigen Schalen 
(Fig. 23) und sind wahrscheinlich mit der Bandkeramik nach 
Schlesien gedrungen. 

AUe diese Werkzeuge und Waffen, von dem Feuersteinmesser 
bis zum Dolch, von dem Beil bis zur Keule, konnten uns, die wir 
an die Vorzuge der moderncn Stahlgerate gewohnt sind, als wenig 
wirksam und leistungsfahig erscheinen. Praktische Versuche mit 
ihnen haben jedoch gezeigt, daB sich selbst schwere Arbeiten, wie 




VIII. Werkzeuge und Waffen. Gerate, Mahlsteine, Wirtel 



37 



z. B. das Fallen von Baumen und das Errichten von Blockhausern, 
mit ihnen sehr wohl ausfiihren lassen. 

An die lange Reihe der Werkzeuge und Waffen schliefien wir 
einige Gerate, die ganz speziellen Zwecken dienten. Dazu gehoren 
die Mahlsteine. Um das geerntete Getreide in Mehl zu ver- 
wandeln, benutzte man in der jiingeren Steinzeit wie in der 





Fig. 59 und 60. Mahlsteine niid Kornquetscher, Stein. 

Bronzezeit einen groCen, fiachen, grobkornigen Stein (Fig. 59), auf 
dem ein kleinerer, genau aufliegender Reibstein hin- und her- 
gefiihrt wurde, oder man griff zu einem rundlichen, mit kleinen 
geebneten Fiachen versehenen Kornquetscher (Fig. 60), um das 
Getreide in der muldenformigen Vertiefung eines grofien Steines 
zu zerdriicken. 

Zur Zeit der Bandkeramik kannte man bereits das Spinnen 
vermittels eines Wirt els (Fig. 61), das sich in einzelnen Gegenden 
bis in die Gegenwart erhalten hat und kaum wescntliche Ver- 
anderungen erfahren haben diirfte. Es geschah etwa in folgender 
Weise. Wahrend die linke Hand die Fasern aus der Kunkel aus- 
zupfte und zur Bildung des Fadens ordnete, bewirkte die rechte 
Hand die Drehung der Fasern, indem sie die stabformige Spindel, 
die an dem erzeugten Faden 
hing und den Spinnwirtel 
gewissermafien als Schwung- 
rad trug, in drehende Bewe- 
gung setzte. Hatte der Faden 
etwa die doppelte Armlange 
und auch einc geniigende 
Urehung crreicht, so wurde 
er auf die Spindel gewickelt 
und mit einer leicht losbarcn 
Schlinge am oberen Ende befestigt, so daB die Spindel wiedcr 
an ihm hangend gedreht werden konnte. Die Formen der Spinn- 
wirtel sind sehr mannigfach; oft gleichen sie einer mehr oder 




Fig. Cii — 65. Spinnwirtel, '/o, niid Webegewicht, '/s. Ton. 



38 VIII. Werkzeuge und Waffen. Gerate, Webegewichte, Einbaume 

weniger plattgedriickten Kugel, einer Scheibe, einem Doppelkegel 
(Fig. 62), oder sie zeigen zonenformige Ebenen, Erhohungen oder 
Vertiefungen um die Durchbohrung u. a, m. Manche Wirtel sind 
ornamentiert, wie z. B. der abgebildete (Fig. 61) aus der Zeit der 
Bandkeramik. Uberwiegen einzelne Formen auch in dieser oder 
jener Periode, so lassen sich doch bestimmte charakteristische 
Typen fiir keine aufstellen. Wahrend der Metallzeit bediente 
man sich auch tonerner Spulen. die unseren modernen Holzspulen 
ahnehi, aber nicht durchbohrt sind. 

Dafi die steinzeitlichen Bewohner Schlesiens auch die Kunst 
des Webens iibten, laGt sich u. a. durch Abdriicke von gewebten 
Stoffen auf Ton beweisen. Durchlochte Tonkegel, die ohne Zweifel 
als Webegewichte gedient haben, sind die einzigen Reste, die 
uns von dem primitiven Webstuhl erhalten geblieben sind. Wahr- 
scheinHch benutzte man ein Gestell mit aufrecht stehender Kette. 
Die Faden, aus denen sich die Kette zusammensetzte, hingen von 
einer horizontal gelegten Stange herab und wurden in Biischeln 
von den Webegewichten straff gezogen. Unten wurden die Faden, 
die sich hier leicht verwirren konnten, wohl noch durch ein hori- 
zontal gespanntes Band fest und auseinander gehalten. Der Ein- 
schlagfaden wurde nicht durch ein Webeschiffchen, sondern durch 
einen langen, diinnen Stab, an dem er befestigt war, durch die 
Kette gezogen und darauf an das bereits fertige Gewebe dicht 
angeschlagen. Das Weben mit solchen Gewichten, das man bei 
Naturvolkern heute noch beobachten kann, iafit sich durch alle 
vorgeschichtlichen Zeiten verfolgen. Die Webegewichte hatten 
gewohnlich die Gestalt eines roh geformten Kegels mit abge- 
rundeter Spitze, seltener erinnern sie an die Pyramide, wie z. B. 
das abgebildete Stiick (Fig. 63), das wahrscheinlich einer spateren 
Periode angehort. Diese Tongewichte sind auch als Sudsteine 
gedeutet worden, die man gliihend ins Wasser legte, um es zum 
Sieden zu bringen. Manche mogen auch als Netzsenker beim 
Fischen gebraucht worden sein. 

In seinem Haushalte benutzte der Alensch damals noch 
manche anderen Gerate. Erwahnt seien nur die Nadel und der 
spitze Pfriem aus Knochen. Diese Gegenstande leisteten ihm 
besonders bei der Herstellung seiner Kleidung gute Dienste und 
wurden daher auch in spateren Perioden angefertigt. Fischereigerate 
zahlen in Schlesien zu den Seltenheiten. Es unterliegt jedoch 
keinem Zweifel, daft der Mensch schon in der Steinzeit dem 



IX. Die Periode der Schnurkeramik. Graber, Gefafie jq 



Fischfange wie der Jagd nachging; erwarb er sich doch auf diese 
Weise seine hauptsachlichste Nahrung. Eine beliebte Speise 
waren Muscheln, deren Schalen ofters in Grabern und Wohn- 
gruben der Steinzeit wie audi spaterer Perioden vorgekominen sind. 
Zum Fahren auf dem Wasser bediente man sich in vorgeschicht- 
licher Zeit eines Kahnes, der aus einem dicken Eichenstamme, 
vvahrscheinlich durch Ausbrennen, hergestellt wurde. Kahne dieser 
Art, die Einbaume genannt werden, waren z. B. in den Schweizer 
Pfahlbauten schon zur Steinzeit in Gebrauch. Auch in Schlesien 
sind Einbaume mehrfach aufgedeckt worden; ein bei Kosel ge- 
fundener Kahn, in dessen Nahe eine Steinaxt lag, gehort moglicher- 
weise der Steinzeit an. 

Cberblickt man die Menge verschiedenartiger, oft ganz aus- 
gezeichneter Cerate, die die Menschen der neolithischen Zeit 
aus dem rohen und sproden Material mit ihren primitiven Hilfs- 
mitteln herzustellen wufiten, so kann man sich des Gedankens 
nicht erwehren, daG sie in ihrem Streben, sich die Natur dienstbar 
ZQ machen, einen auGerordentlichen Scharfsinn und eine be- 
wundernswerte Ausdauer bewiesen haben. 



IX. Die Periode der Schnurkeramik 

Den jiingsten geschlossenen Formenkreis der Steinzeit bildet 
die Kulturgruppe der Schnurkeramik. Sie hat aulierhalb Schlesiens 
ungefahr dasselbe Verbreitungsgebiet wie die Bandkeramik, nur zeigt 
sie Ausstrahlungen, die von Mitteldeutschiand nach dem Norden 
fiihren. Gekennzeichnet wird sie hauptsachlich durch Tongefalie. 
die in Schlesien fast ausschlielilich aus Grabern stammen. Wohn- 
oder Abfallgruben hat man nur selten beobachtet; in Grabschen bei 
Breslau hatten sie die gewohnliche rundliche, flache Kesselform. 
Die Toten wurden wie zur Zeit der Bandkeramik auf der Seite 
liegend (Fig. 15), aber mit sehr viel starker zusam.mengezogenen 
Beinen in die Erde gelegt. Einen Schutz durch Steinsetzung 
erhielten die Graber nicht, Mitgegeben wurden den Toten auGer 
den Gefafien, die meistens an das Kopf- oder Fufiende gestellt 
wurden, einige Gebrauchs- oder Schmuckgegenstande. 

Die haufigsten Ge fa 6 for men sind Henkelkriige, deren 
Korper kugelig (Fig. 65 u. 67) oder schlauchartig (Fig. 69) geformt 



40 



IX. Die Periode der Schnurkeramik. Gefifie 



oder auch mit einer stumpfen Bauchkante versehen sind, ferner 
geschweifte Becher, ofters mit knopfartigem Ansatz (Fig. 64), und 
blumentopfformige Becher (Fig. 66 u. 68). Dazu treten Schiisseln, 
bisweilen mit horizontalen, durchlochten Leisten unterhalb des 
Randes, und Schalen mit vier Fiifien. Doppelhenkelige Gefafie 
fehlen. Die Ornamente, die fiir diese Periode am bezeichnendsten 
sind und ihr auch den Namen gegeben haben, bestehen in echten 
oder imitierten Abdriicken einer gedrehten Schnur. Sie ziehen sich 
unterhalb des Randes in mehreren horizontalen Reihen hin (Fig. 68). 
Ofters vereinigen sie sich mit Sparrenmustern zum Halsbandornament 
(F'ig. 64). Dieses wird auch von gezogenen Linien gebildet (Fig. 67). 




Fig, 64 — 69. Schnurkeramische Gefasse. 

Mehrfach kommen auf den blumentopfformigen Bechern horizontale 
Palmzweigmuster vor (Fig. 66), die sich aus eingeschnittenen oder 
gezogenen Linien zusammensetzen. Auf anderen Gefafien legen 
sich Zickzackbander und horizontale Kehlstreifen in Form ein- 
gestrichener Linien oder eingestochener Punktreihen um den 
Korper (Fig. 69). Charakteristisch sind auch Gruppen paralleler, 
sehr fein gezogener Linien, die sich Mformig um den Gefafikorper 



IX. Die Periode der Schnurkeramik. Werkzeuge und WafFen. Schmuck 41 



Ziehen (Fig. 65). Ofters treten reliefartige Verzierungen auf, z. B. 
als vertikale Rippen auf dem Gefafikorper oder als runde Scheiben 
unterhalb des Henkels (Fig. 69). 

Von Werkzeugen und Waffen sind nur verhaltnismafiig 
vvenige durch Grabfunde als Bestandteile der schnurkeramischen 
Kultur nachgewiesen. Immerhin lassen sich, wie wir in dem vorigen 
Kapitel gezeigt haben, ganze Reihen anderer, die nur als Einzel- 
funde erscheinen, durch Vergleiche mit auGerschlesischen Funden 
dieser Zeit zuteilen. Aufter Feuersteinmessern, durchbohrten 
Arbeitsaxten, Knochenpfriemen und anderen einfachen Formen, 
die den beiden letzten Perioden angehoren, zahlen wir hierzu dick- 
nackige Beile (Fig. 41 u. 42), vierkantige Feuersteinhacken mit 
oblongen Breitseiten, einige Arten der Axthammer (Fig. 53), Streit- 
axte mit stark entwickeltem Bahnende (Fig. 54), einige schlesische 
Streitaxte (Fig. 56), Pfeilspitzen mit stark ausgeschnittenem Schaft- 
ende (Fig. 34), einige Formen der Lanzenspitzen (Fig. 38) und die 
Armschienen (Fig. 39). 

Nur selten sind Schmucksachen angetroffen worden; unter 
ihnen befinden sich einige aus Kupfer, z. B. diinne Ringe. Ein 
Zusatz von Zinn zum Kupfer ist fiir diese Periode wie fiir die 
vorige in keinem Falle glaubwiirdig festgestellt worden. 

Der Gebrauch dieses Metalls sclieint wahrend der Zeit der 
Schnurkeramik nicht allgemeiner geworden zu sein. Uberhaupt 
bewegte sich das Leben des JMenschen damals noch etwa auf 
derselben Hohe wie in der bandkeramischen Periode; abgesehen 
von einigen Formen der Steingerate treten Zeugnisse eines 
kulturellen Fortschrittes kaum hervor. 

LITER AT UR zu Kap. VI— IX 
Oscar Mos'telius, Die Chronologic der altesten Bronzezeit. Braunschweig 
1900; Les temps prehistoriques en Sziede. Paris 1895. — Sophus MCller, 
Nordische Altertumskunde. Strasshurg 1S96; Urgeschichte Europas. Strnssburg 
1905. — Jakob Heierli, Die Urgeschichte der Schweiz. Zurich 1901. — Goetze, 
TJher neolithischen Handel. Bastions Festschrift. Berlin 1896; Gefcissformen 
und Ornameute im Flussgebiet der Sank. Jena 1891. — M. .Much, Die Kupfer- 
zeit in Europa. Jena 1893. — Hans Seger, Das Grdberfeld von Marschicitz. 
Schles. Vorz. N. F. Ill; Kupfer- und Bronzedxte von ungarischer Form. Ebenda; 
Fundchronik iiber Jordansmiihl , Kr. Nimj)tsch. Schles. Vorzeit VII; Die 
Steinzeit in Schlesien. Schles. Ztg. No. 772, 1904. — G. Thilenius, Prdhistorische 
Pygmden in Schle-^ien. Globus 1902 LXXXI. 17. — Oscar Meriins, Stein- 
zeitlihe Werkzetige u. Waffen in Schlesien. Schks. Vorz. N. F. III. — M. Wosinsky. 
Das prdhislorisclie Schanzwcrk von Lengycl. Budapest 1888. 



42 X. Die alteste Bronzezeit. Die Bronzekultur im allgemeinen 



DIE BRONZEZEIT 

X. Die alteste Bronzezeit 

Das Kupfer vermochte den Stein als Werkmaterial erst zu 
verdrangen, als es durch einen Zusalz von Zinn, seltener von 
Antimon oder Arsen gehartet, zur Bronze geworden war. Zunachst 
war der Zinngehalt dieser Legierung nur gering, er stieg aber 
sehr bald auf etwa zehn Prozent und wurde dann in dieser Hohe 
wahrend der ganzen Bronzeperiode und daruber hinaus beibehalten. 
Die Erfindung der Bronze wurde in dem Orient gemacht; von 
dort drang der Gebrauch der Bronzegerate nach dem ostlichen 
Mittelmeergebiet und dann weiter nach dem Westen und dem 
Norden. Dieser widerstrebte der Einfiihrung der Bronze am 
langsten. Als in Mitteleuropa schon die Bronzezeit angebrochen 
war^ befand sich der Norden noch in der Steinzeit, in der Periode 
der Steinkistengraber, in der jedoch schon die Formen mancher 
Gerate, z. B. der kunstvoll gearbeitetenFeuersteindolche mit breitem, 
geschweiftem Griffe, den Einflufi siidlicher Vorbilder aus Bronze 
erfahren hatten. Fiir einzelne Gegenstande, z. B. Pfeilspitzen, 
wurde der Feuerstein selbst im Siiden lange neben dem Metal! 
verwendet. Die groGen Mengen von Rohbronze, die infolge der 
wachsenden Verbreitung der Metallgerate erforderlich wurden, 
bezog man aus dem Siidosten, und zwar am meisten aus den 
Karpathenlandern. Der Norden lieferte dagegen als Tauschartikel den 
Bernstein, der an den westlichen Kiisten Jiitlands gewonnen wurde 
(S. 96). Durch diesen Handelsverkehr, in dem auch das Salz eine 
Rolle spielte, erhielt der Norden und mit ihm Schlesien noch ein 
zweites Metall, das Gold. Durch den Handel gelangten auch 
immer neue Formen der Bronzegerate aus dem Siiden, und zwar 
aus Italien wie aus Griechenland, dem Zentrum der glanzenden 
Mykenakultur, nach den iibrigen Teilen Europas, wo sie auf die 
einheimische Metallindustrie befruchtend wirkten. Hier entstanden 
neue Kulturzentren, von denen einige auch einen weitreichenden 
EinfluC ausiibten. Fiir Schlesien ist in dieser Beziehung besonders 
Ungarn, zum Tail aber auch der Norden von Bedeutung. 

Der Entwicklungsgang der Bronzekultur tritt am deutlichsten 
in dem skandinavischen Norden hervor, fur den Montelius durch 



X. Die alteste Bronzezeit. Aunjetitzer Typus 43 



seine grundlegenden Untersuchungen eine Stufenfolge typischer 
Formen zusammengestellt hat. Er teilt die nordische Bronzezeit 
in sechs Perioden, von denen die drei ersten die altere und die 
drei letzten die jiingere Bronzezeit bilden. Den Beginn der 
nordischen Bronzezeit verlegt er in das erste Jahrhundert des 
zweiten vorchristlichen Jahrtausends, den Schlufi in das fiinfte 
Jahrhundert v. Chr. 

In Schlesien kommt die Bronzekultur in drei Hauptabschnitten 
zum Ausdruck, der altesten, der alteren und der jiingeren Bronze- 
zeit. Ohne durch scharfe Grenzen von einander getrennt zu 
sein, erscheinen diese Perioden hauptsachHch durch Formen 
der Bronzegerate, der TongefaGe und der Grabanlage gekenn- 
zeichnet. 

Die am Ende der Steinzeit iibHche Form der Grabanlage 
wurde wahrend der altesten Bronzezeit beibehalten; man findet 
die Toten aufdcr Seite liegend mit sehr eng an den Korper gezogenen 
Beinen. Jeder Schutz durch Steine fehlt; diese Graber scheinen auch 
nie den Charakter von Hiigelgrabern gehabt zu haben. Mitgegeben 
wurden den Toten GefiilSe, einige Schmucksachen und Gerate, die 
samtlich einen stark ausgepragten Charakter zeigen. Das typische 
Inventar dieser Hockergraber, die sich von Ostthiiringen nach Nord- 
bohmen, Mahren und Nordosterreich hinziehen, wird nach einem 
mahrischen Fundorte der Monitzer Typus oder nach einem 
bohmischen Fundorte derAunjetitzerTypus genannt. In Schlesien 
treten diese Graber fast nur in dem schon wahrend der Steinzeit 
reich besiedelten Gebiete zwischen dem Zobten und der Oder bei 
Breslau auf. Vermutlich war neben dieser Grabtbrm auch schon 
die Anlage von Hiigelgrabern mit Steinsetzung iiblich, der wir im 
ersten Teile der nachsten Periode begegnen. 

Wahrend diese Hockergraber in der Anlage mit denen der 
vorigen Epoche iibereinstimmen, weichen sie dem Inhalte nach 
sehr von ihnen ab. Unter den GefalSen erinnern schlauchartige 
Henkelkriige (Fig. 69) und einige andere Formen zwar an Typen 
derSchnurkeramik; die 
am haufigsten vor- 
kommenden Gefa6e 
zeigen jedoch ein ganz 
eigentiimliches Ge- 
prage: es sindHenkel- 

tonfe (Fi<'' "Ol mit '^'-" ~° """^ "'■ ticf.isse vom Aunjetitzer lypus, ijj. 





44 



X. Die alteste Bronzezeit. Keramik, Schmuck 



eingezogenem Korper, stark ausgebildeter Bauchkante, tiefstehendem 
Henkel und breitem, umgelegtem Halse. Als einziges Ornament 
finden wir auf einigen Gefafien horizontale Riefelungen oberhalb der 
Bauchkante. Neben den Henkeltopfen kommen bisweilen kleine 
henkel- und halslose Napfe vor, die gleichfalls eine tiefstehende 
Bauchkante haben, oder etwas groCere Gefafie, die einen gewolbten 
Bauch mit Andeutung einer Kante und einen eingezogenen Rand 
zeigen (Fig. 71). 

Mannigfach sind die Gegenstande, die zur Ausstattung 
des Korpers dienten. Von der Kleidung selbst sind nur diirftige 
Reste eines Wollgewebes erhalten geblieben; aber langgestielte 
Nadeln, die zum Zusammenhalten des Gewandes und als Schmuck 
benutzt wurden, hat man oft in typischen Formen gefunden. Sie 
tragen am Kopf eine durchbohrte Verdickung oder eine Ose 
(Fig. 75), an der sie durch eine Schnur oder Kette festgehalten 

wurden; an dem spitzen Ende laufen 
sie gewohnlich in eine sabelartige 
Kriimmung aus. Nach dieser nennt 
man sie Sabelnadeln. Nahe stehen 
ihnen nordische Beinnadeln mit Osen- 
kopf. Einen anderen Typus stellt eine 
Nadel dar, die als Kopf eine Scheibe 
mit eingerolltemEnde hat. Als Schmuck 
waren Perlen oder Anhanger aus Bern- 
stein beliebt. Sie sind von ver- 
schiedener Form (Fig. 76 — 78), am 
haufigsten kugelrund, aber oft auch 
an den Polen abgeplattet; die scheiben- 
artigen von runder oder langlicher 
Gestalt sind seitlich durchbohrt, Wie 
diese Perlen wurden diinne Spiral- 
rohren aus Bronze auf eine Schnur 
gezogen und alsHalsschmuck getragen. 
Ublich waren auch Arm- und Fingerringe. Sie bestehen oft 
aus einem kunstvoll gehammerten goldenen Doppeldraht ohne 
Ende, der zu einer zylindrischen Spirale aufgerollt ist (Fig. 72). 
Daneben kommen die sogenannten Noppen- oder Schleifenringe 
aus Bronzedoppeldraht (Fig. 73) vor, die nicht gleichmafiig zu 
einer Spirale gewunden, sondern zur Erzeugung einer breiteren 
Schauseite mit einer oder mehreren Riickbiegungen (Noppen oder 




Fig. 72 — 7S. Armspirale, 1/4, Gold; 
Fingerring, '/j, Ohrring u. Nadel, 1/2, 
Bernsteinperlen, i/^. 



Br 



X. Die alteste Bronzezeit. Waffen, Depotfunde 45 



Schleifen) versehen sind. Audi Ohrringe wurden getragen; es 
sind grofie Bronzeringe (Fig. 74), bei denen das im Ohr getragene 
Ende in eine Spitze auslauft, wahrend das andere als Schauseite 
bestimmte sich zu einem Bande verbreitert und mit eingeschlagenen 
Strichgruppen verziert ist. Als Schmuck dienten auch breite Arm- 
spiralen und Armbander, sowie ofFene Ringe; sie sind bisher immer 
nur in Depotfunden aufgetreten (S. 46). 

In den Grabern kommen Waffen oder Werkzeuge nur 
selten vor. Dazu gehoren z. B. einige schlesische Streitaxte aus 
Serpentin (Fig. 56). Eine zierliche Bronzeaxt war mit den be- 
sprochenen Ohrringen (Fig. 74) und vielen anderen Schmucksachen 
in einem Grabe in Zedlitz, Kr. Steinau a. O., enthalten. Waffen 
haben damals in Schlesien iiberhaupt keine grofie Bedeutung 
gehabt. Wahrend der in Italien heimische Dolch mit triangularer 
Klinge (Fig. 79) hier ein Fundstiick von grofier Seltenheit bildet, 
wird er im Westen und Norden verhaltnismaftig oft angetroffen, 
so dais man dort von einer Dolchzeit im Gegensatz zu der spateren 
Schwertzeit spricht. 

Der durch Grabbeigaben gekennzeichnete Formenkreis lafit 
sich bis jetzt noch nicht durch Fundstiicke aus Wohnstatten 
erganzen; an ihre Stelle tritt jedoch eine Reihe von Gegenstanden, 
die aus Depot- oder Schatzfunden herriihren oder einzehi 
auf dem Acker gefunden worden sind. Depots wurden damals 
wie auch spater wahrend der Bronzezeit von reisenden Metallarbeitern 
oder Handlern in Zeiten der Gefahr in der Erde angelegt, um 
wieder gehoben zu werden; manche wurden auch als Votivgaben, 
d. h. als den Gottern geweihte Geschenke fCir immer vergraben. 
Unter den Depotfunden dieser altesten Bronzezeit waren einige sehr 
reichhaltig; so enthielt der von Glogau 10 Bronzeaxte, 32 offene 
Ringe und 2 Armbander und der von Piltsch, Kr. Ratibor, 
20 Bronzeaxte, 17 offene Ringe und 7 Armspiralen. 

Das Gerat, das in der altesten Bronzezeit am haufigsten vor- 
kommt, ist der Celt (Fig. 80—82). Er verdankt seinen Namen 
dem mittellateinischen Worte celtis, das man falschlich zuglcich mit 
den Kelten in Verbindung brachte. Neuerdings gibt man diesen 
Geraten auch den Namen Axte. Sie haben sich aus den alten 
Kupfcrbeilen entwickelt. In dem MaBe wie das Metall der alten 
Hachbeile wahrend der altesten Bronzezeit allmahlich zu der 
normalen, zehn Frozent Zinn enthaltenden Bronzelegierung iiberging, 



46 



X. Die al teste Bronzezeit. Randaxte 



erfuhr auch ihre Form wachsende Verandeningen, und zwar an 
dem Schaftende, der Schneide und den Randern. Das an einem 
Beile weniger wichtige Schaftende wurde schmaler, die Schneide 
dagegen breiter, so daft sie sich schliefilich oft der Form des Halb- 
kreises naherte (Fig. 82). Zugleich versah man die flache KUnge, um 
ein Drehen im Schafte zu verhindern, an den Seitenrandern mit 
Erhohungen, die sich mehr und mehr zu Randleisten ausbildeten. 




Fig. 79—86. Waffen, GerSte und Sclimuck, I/4 ; Dolch l/g. Bronze. 



Um einem zu weiten Eindringen in den Schaft vorzubeugen, 
verdickte man die Randaxte in der Mitte, so dafi auf jeder der 
Breitseiten eine quergestellte Erhohung, die sogenannte Rast, 
entstand (Fig. 8i). Der Schaft bestand, wie aufierschlesische Funde 
zeigen, aus einem geraden Holzstabe mit einem Loche, in das die 
Axt eingesetzt wurde, oder aus einem knieformigen Stabe (Fig. So), 
der in seinem kiirzeren Ende einen Spalt zur Aufnahme der 
Axt enthielt. Meist dienten die Randaxte wie ihre Vorbilder 
als Werkzeuge; die sorgfaltig gearbeiteten jedoch, die keine 
Spuren der Abnutzung tragen, sind eher als Waffen anzusprechen. 
Abgesehen von diesen Geraten sind die Depotfunde reich an 
Hals-, Arm- und Ful3ringen, die stets offen sind und durch ihre 
kraftigen Formen auffallen. Einige der ovalen Arm- oder Fuft- 
ringe, deren Enden sich verjiingen und mit Ouerleisten verziert 



X. Die alteste Bronzezeit. Ringe. Technik 



47 



sind (Fig. 86), erreichen ein Gewicht von 1200 — 1400 g. Eine 
gewohnliche Erscheinung bilden auch diinnere, grofie Ringe mit 
verjiingten, osenartig umgeschlagenen Enden (Fig. 85). Diese Ringe 
wurden einzeln oder zu mehreren, an den Osen durch Nieten 
vereint, als Halsschmuck getragen. Da sie aber auch in groCen 
Massen auftreten, sind sie, ebenso wie die vorher genannten 
sehr schweren Armringe, oft als Formen anzusehen, die man der 
Rohbronze gab, um sie fiir den Transport und Handel gangbarer 
zu machcn. In den Depotfunden finden wir ferner zylinderforinige 
Armspiralen aus rundem Draht oder einem schmalen Bande. das 
innen flach, auBen gevvolbt oder dachformig ist (Fig. 84). Typo- 
logisch und zeitlicli nahe stehen ihnen die gerippten, stulpen- 
formigen Armbander (Fig. 83). Alle diese Gegenstande zeigen, 
daft die alteste Bronzezeit in Schlesien der ersten Periode nach 
Montelius entspricht. 

Zur Herstellung dieser Cerate schmolz man die Bronze 
und go(i sie in die Form. An den Axten wurde die Schneide 
aufierdem besonders ausgehammert, wodurch sie zugleich eine 
grofiere Harte erhielt. Wie vorgeschritten die Technik des Giefiens 
war, ersehen wir aus Ketten. die in der Ose von Sabelnadeln 
(Vgl. Fig. 75) hangen; ihre Glieder sind ineinander frei beweglich 
und bestehen samtlich aus geschlossenen gegossenen Ringen. 
Verzierungen, denen man noch ziemlich selten begegnet, wurden 
bisweilen gegossen, meistens jedoch durch den Meifiel eingeschiagen, 
wie z. B. an den Ohrringen (Fig. 74). Einige Fundstiicke italischer 
Herkunft zeigen auch andere Arten der Technik. Auf ciner spatel- 
formigen Randaxt, die durch den Ausschnitt am Schaftende als 
italische Arbeit gekennzeichnet wird, sind zwei zur Schneide parallel 
laufende Bander runder Flachen mit dem Hammer hergestellt 
(Fig. 82), wahrcnd auf ciner anderen Axt dieser Art ebenso wie 
auf dem triangularen Dolche Bander paralleler Linien allem An- 
scheine nach eingraviert sind (Fig. 79). 

Die Dei)otfunde dieser Periode gehoren der groGeren Zahl 
nach demselben Gebiete an, in dem wir die Aunjetitzer Kultur mit 
ihren Hockergrabern fanden, dem fruchtbaren Landstriche zwischen 
dem Zobten und der Oder; nur wenige lagen nordlich oder siidlich 
davon. Die wenig zahlreiche Bevolkerung, die Schlesien in dieser 
Periode besafi, hatte sich fast nur auf der linken Seite der Oder 
angesiedelt. 



^g XI. Die altere Bronzezeit. Skelettgraber 

LITERATUR 
Oscar Moxtixius, Die Chronologie der iiltesten Bronzezeit in Norddeutsch- 
land und Skandinavien. Braunschrveig 1900; Om tidsbeatdmning inom Brons- 
d,ldem. Stockholm 1885. — Gustaf Kossinka, Die indogermanische Frage archdcy- 
logisch beanttvortet. Zeitschr. f. Ethiol. 1902. — Hans Seger, Hockergrdber bei 
Ottwitz. Schles. Vorz. VII. Fimdchronik; Hockergrdber bei Bothschloss. ScUes. 
Vorzeit N. F. II; Goldfunde aus der Bronzezeit. Ebenda. — Joseph Hampel, 
Altertumer der Bronzezeit in Ungam. Budapest 1887. — Oscar Mertins, 
Depotfunde der Bronzezeit in Schlesien. Schles. Vorz. VI: Kupfer- und Bronze- 
funde. Schles. Vorz. VII. 



XI. Die altere Bronzezeit 

Wiihrend der alteren Bronzezeit treten in Schlesien grofie Ver- 
anderungen ein, die am deutlichsten in dem Wechsel der Be- 
stattung zum Ausdruck kommen. Zunachst war die Beerdigung 
des unverbrannten Korpers noch allein iiblich. Diese Skelett- 
graber weichen jedoch von denen der altesten Bronze- und der 
Steinzeit ab (Fig. 15). Die Zahl der bisher gefundenen Graber ist 
auffallend gering. 

Man legte damals den Toten in die Erde, umgab ihn meistens 
mit einer Steinpackung und errichtete dariiber eine zweite schiitzende 
Decke, einen Erdhugel, der zugleich als Denkmal gelten konnte 
(Fig. 87). Die Anlage von Grabhiigeln war wahrend dieser Zeit 




Fig. 87. Hiigelgrab von Schimmelwitz 

auch aulierhalb Schlesiens weithin verbreitet. Im Siiden lafit sich 
diese Grabform von Ungarn durch Niederosterreich, Siidbohmen 
bis Siiddeutschland verfolgen. Im Norden und VVesten von Schlesien 
stofien wir zunachst auf einen breiten Streifen, der fast garnicht 
besiedelt war; dann aber beginnt wieder das Gebiet der Hiigel- 
graber und erstreckt sich bis nach dem skandinavischen Norden. 
In Schlesien scheinen sich die Grabhiigel dort, wo ein intensiver 
Ackerbau getrieben wurde, nicht erhalten zu haben. Vielleicht 
wurden damals aber aufier Hiigelgrabern auch Flachgraber mit 



XL Die altere Broiizezeit. Gefafie 



49 



imd ohne Steinsetzung angelegt. In verhaltnismalMg vielen dieser 
Steingraber ist der Leichnam bis auf die letzte Spur verwittert. In 
einigen Fallen, in denen das Steingrab keine Beigaben enthielt, 
fanden sich einzelne Gerate unmittelbar neben der Steinpackung in 
einer mit Asche oder Holzkohle durchsetzten Bodenschicht, so 
z. B. in einem Hugelgrabe bei Schimmehvitz (Fig. 87). Es lieferte 
eine Axt mit Randleisten (Fig. 117) und ein TongefaB (Fig. 88). 
Unter ahnlichen Verhaltnissen fanden sich neben einem hiigellosen 
Steingrabe in Heidersdorf einige Osennadeln (vgl. Fig. 99) und 
etwas weiter ab eine Lanzenspitze (Fig. 126). 

Die wenigen aus solchen Skelettgrabern stammenden Gefafte 
zeigen noch keine typischen Formen. AuGer dem erwahnten 
Gefafie aus Schimmehvitz (Fig. 88) mit osenartigem Henkel be- 
gegnen wir einem Henkelkruge (Fig. 90), der in seinem Aufbau, 
der Henkelstellung und den Buckelansatzen eine solche Ver- 
wandtschaft mit den spateren Buckelkriigen aufweist (Fig. 93), dafi 
er als ein Vorlaufer dieses Formenkreises angesehen werden kann. 






>/6 )' 

Fig. 88—91. Tongefasse aus Skelettgrabern. 

Er stammt aus einem Sk.elettgrabe mit Steinsetzung, das u. a. einige 
langgestielte Nadeln (Fig. loi, 102) enthielt. Als Ubergangsformen 
sind hier auch drei Gefafie aus einem Grabe in Breitenau anzu- 
fuhren: zwei Henkeltopfe (Fig. 89) zeigen den Aufbau der Monitzcr 

4 



50 



XI. Die akere Bronzezeit. Brandgraber 



Typen (Fig. 70), aber die Henkclform der spateren Buckelkriige 
(Fig. 93), und das henkellose Gefafi Fig. 91 unterscheidet sicb von 
dem entsprechenden Typus der altesten Bronzezeit (Fig. 71) nur 
durch den steiler aufgebauten Oberteil, steht in diesem aber den 
doppelkegeltormigen GefaGen der alteren und jiingeren Urnen- 
felder nahe. 

Gleichzeitig niit den typischen Buckelurnen, ja wahrscheinlich 
in ihrem Gefolge kam die Leichenverbrennung und mit 
ihr eine neue Grabform in Aufnahme, Dieser Wechsel vollzog 
sich etwa um die Zeit, als im Norden die zweite Periode des 
Bronzealters zu Ende ging. Der Ubergang von der Bestattung zu 
der Verbrennung des Korpers bezeugt, dafi der Mensch von seinem 
Fortleben nach dem Tode eine hohere Vorstellung gewonnen hatte. 
Er trennte von dem Korper, den er zu Grunde gehen sah, die Seele, 
die fortlebte. Um sie zu befreien und ihr den Cbertritt in das 
Jenseits zu erleichtern, muftte der Korper durch Verbrennung 
vernichtet werden. Die Knochenreste, die von dem Verstorbenen 
auf dem Scheiterhaufen zuriickblieben, legte man in ein Tongefafi, 




Fig. 92. Brandgraber in Grabschen bei Breslau. 



XI. Die iiltere Bronzezeit. Urnenfelder 



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die Urne, unci setzte sie mit dieser in die Erde. Die Urne crhielt 
gewohnlich eine Schiissel, seltener eine runde Tonscheibe als Deckel, 
um das Eindringen von Erdboden zu verhindern. Ins Grab gab 
man dem Toten ofters einzelne Gegenstande, die ihni im Leben 
wert gevvesen waren. Diese Beigaben, zu dcnen besonders 
Schmucksachen gehorten, wurden meistens in die Urne, bisweilen 
aber auch neben sie gelegt. Sie sind in diesen Grabern sparlicher 
als in Skelettgrabern. Spuren einer Einwirkung des Feuers an 
den Bronzebeigaben zeigen, da6 die Leiche mit den Schmuck- 
sachen dem Scheiterhaufen iibergeben wurde. Verschiedenartige 
BeigefaCe, die die Urne umgeben (Fig. 92) oder zum Teil 
auch in sie und ineinander gepackt sind, waren vielleicht Weih- 
gaben, die Speise- oder Trankopfer enthielten. Anzeichen einer 
friiheren Benutzung lassen sich an diesen GrabgefaGen nicht fest- 
stellen. Manche Urnen tragen ein durch die Korperwand ge- 
stofienes Loch (Fig. 97), das vielfach auf eine religiose Vor- 
stellung von der Beziehung der Seele zum Korper zuriickzufiihren 
ist. Uber dem Grabe wurde in der ersten Zeit ein Hiigel errichtet; 
bisweilen benutzte man aber auch altere Grabhiigel zur Beisetzung. 
Neben den Hiigelgrabern waren die Flachgraber schon sehr in 
Aufnahme gekommen. Jene erhielten gewohnlich einen Steinschutz, 
diese nur selten. Die Anlage solcher Brandgraber war nicht nur 
wahrend der alteren Bronzezeit herrschende Sitte, sondern wurde 
auch in der jiingeren Bronzezeit und mehr oder weniger noch 
in spateren Perioden beibehalten. 

Die Graber legte man getrennt von den VVohnstatten auf 
besonderen Begrabnisplatzen an. Man wahlte dazu in den meisten 
Fallen leichte Bodenerhebungen, die der Uberschwemmung weniger 
ausgesetzt waren. Auf diesen Urnenfriedhofen oder Urnen - 
feldern, die oft Jahrhunderte lang benutzt wurden und bis zu 
der Grofie von einem Morgen und mehr anwuchsen, finden 
wir die Graber im allgemeinen ohne jede Ordnung, bald in 
kleineren, bald in grofieren Abstanden von einander und in so 
geringer Tiefe, da(J sie oft von dem modernen. tiefgehenden Pfluge 
zerstort werden. Das Verbreitungsgebiet der Urnenfelder erstreckt 
sich iiber Schlesien, Posen, die Lausitz, Brandenburg, Sachsen, 
Bohmen und dariiber hinaus. Innerhalb dieser Grenzen herrscht 
nicht nur die gleiche Bestattungsart, sondern es macht sich auch 
eine durchaus eigenartige Geschmacksrichtung geltend, die haupt- 
sachlich an den iiberaus zahlreichen TongefafSen hervortritt. Eine 

4' 



C2 XI. Die altere Bronzezeit. Formenkreis der BuckelgefaGe 



SO ausgebildete Eigentiimlichkeit mu6 ohne Zweifel einem be- 
sonderen Volksstamme zugeschrieben werden. Friiher wurde 
dieser von den einen fiir germanisch, von den andern fiir slavisch 
gehalten; haute neigt man dazu, in ihm Verwandte der thrakischen 
Volker in den Donaulandern zu sehen. Kossinna bezeichnet die 
Trager dieser Kultur nach einem in historischer Zeit am Siidrande 
der Karpathen angesessenen thrakischen Volksstamme als Karpo- 
daken. Der Formenkreis der von den Urnenfeldern herriihrenden 
Tongefafie fiihrte friiher gewohnlich den Namen Lausitzer Typus. 
Heute ist es iiblich, diese Bezeichnung auf die Gruppe der Buckel- 
urnen zu beschranken und den jiingeren Gefaftformen den Namen 
Schlesischer Typus beizulegen. 

Die GefaCe dieser Gruppe bestehen aus einem mit Steingrus 
(oder GUmmerteilchen) durchsetzten Tone. Sie sind mit iiber- 
raschendem Geschick aus freier Hand und mit ganz primitiven 
Hilfsmitteln hergestellt. Spuren von der Benutzung einer Topfer- 
scheibe sind selbst an den jiingsten GefaGen der Urnenfelder nicht 
nachzuweisen. Die Farbe der Gefafie, die nicht nur vom Tone, 
sondern auch von der Art und dem Grade des Brandes abhangt, 
wechselt zwischen lehmgelb, gelbUchrot und schmutzigbraun; oft 
sind sie jedoch auch im Schmauchfeuer schwarz gebrannt. Die 
alteste Gruppe wird hauptsachUch durch Formen gekennzeichnet, 
deren Korper an der weitesten Ausdehnung mehrere von innen 
herausgedriickte buckelartige Ecken zeigt (Fig. 93 — 95). Die Buckel 
erinnern an die Form der weibhchen Brust, was besonders deuthch 
an den Lausitzer Gefaften hervortritt. Nach dem Buckelornament 
kann man die ganze Gruppe der mit ihm gleichzeitig auftretenden 
GefalSe als den Formenkreis der BuckelgefaGe bezeichnen. Unter 
diesen unterscheiden wir drei Arten : Buckelkriige (Fig. 93), henkel- 
lose BuckelgefaCe mit auslegendem oder zylindrischem Halse 
(Fig. 95) und BuckelgefaCe mit zwei Osen im Halswinkel (Fig. 94). 
Durch eine oder mehrere bogenformige Furchen werden die Buckel 
mehr hervorgehoben, wahrend die Felder zwischen den Buckeln 
oft durch einige vertikale Einstriche oder einzelne runde, flache 
Vertiefungen belebt werden. Einige Gefafie dieser Gruppe, die 
bisweilen schon mit Formen der jiingeren Bronzezeit vorkommen, 
zeigen eine Haufung oder Entstellung der Ornamente: Die 
vertikalen Striche sind in Wiilste iibergegangen und erstrecken sich 
ebenso wie die bogenformigen Furchen bis auf den unteren 
Teil des GefaGes; die Buckel sind oft nach unten gerichtet, der 



XI. Die altere Bronzezeit. Formenkreis der Buckelgefafie 



53 



Gefafikorper ist weniger eckig, oder der ganze Aufbau des Gefafies 
lalSt Symmetrie vermissen. Neben den Buckelgefafien kommen 
doppelkegelformige GefaBe verschiedenerArt und GroBe vor (Fig. 96). 
Sie sind nur selten verziert; als Ornamente zeigen sich horizontale 
Riefelungen und das Tannenzweigniuster iiber der Bauchkante. 
Nahe stehen ihnen die Getalie mit Bauchkante und gewolbtem 
Unterteil, der gewohnlich durch radial verlaufende Striche ge- 
rauht ist (Fig. 97). Bald sind diese mit den Fingern tiach ein- 








97 9^ 

Fig. 93 — 98. Formenkreis der Buckclgcfasse, '/s- 



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XI. Die iiltere Bronzezeit. Bronzegegenstande. Nadeln 



gestrichen, bald mit einem breiten oder spitzen Instrument ge- 
zogen oder schlieClich auch mit einem gabelartigen Gerat her- 
gestellt. Der obere Teil dieser Gefafie ist bald zylindrisch, bald 
geschweift wie auf der Abbildung (Fig. 97), oder er zeigt einen 
abgesetzten Hals. Die Kriige und Becher haben einen breiten, 
kraftigen Henkel, der sich nie iiber den Gefafirand erhebt. 
Eine sehr haufige Erscheinung bilden Topfe mit eiformigem Korper 
und scharf abgesetztem, ausladendem Halse (Fig. 98). Selten sind 
Fufischalen, und nur zweimal ist ein dosenartiges Hangegefafi mit 
Deckel aus dieser Zeit beobachtet worden. Diesem Formenkreise 
ist ein so ausgepragter, geschlossener Charakter eigen, daC er als 
etwas Fertiges von auswarts iibertragen zu sein scheint. In der 
Tat werden wir, falls die Anzeichen seiner Entstehung innerhalb des 
Verbreitungsgebietes nicht sehr viel zahlreicher werden, annehmen 
miissen, daft er von einem eingewanderten Volke eingefiihrt worden 
ist (S. 52). Jedenfalls blieb dieses so lange im Lande, als sich die 
alten Formen in stetem Entwicklungsgange umbildeten. 

Die Veranderungen wahrend der alteren Bronzezeit spiegeln 
sich in den Grabbeigaben aus Bronze weniger bestimmt wieder 
als in denen aus Ton oder in der Bestattungsart. Nur unter den 
Gewandnadein lafit sich eine altere Gruppe aus Skelettgrabern 
einer jiingeren aus Brandgrabern gegeniiberstellen; doch auch vmter 

ihnen gibt es Ubergange. Die Nadeln 
aus Skelettgrabern haben meist einen 
kraftigen Stiel und einen Kopf in Form 
einer runden Platte (Fig. 102) oder eines 
Spundzapfens (Fig. lOO, 10 1), oft mit 
zentraler Erhebung. Bisweilen ist der 
Kopf mit einem Sternmuster innerhalb 
konzentrischer Kreise verziert (Fig. lOO). 
Dasselbe Ornament finden wir auch auf 
den Osennadeln dieser Graber (Fig. 99). 
Sie bilden einen eigenen Typus (A), 
fiir den der bogenformige Stiel, die am 
Halse nach auften organisch herausge- 
wachsene Ose und der grofte, scheiben- 
formige Kopf charakteristisch sind. Am 
Halse, auf der Ose und am Rande der 
Scheibe, der gewohnlich abgeschragt ist, 
^'^- 's7"et;,rlb°rr"%'" "" befiudcu sich oft Strichgruppcn. Osen- 




XI. Die altere Bronzezeit. Nadeln aus Urnengrabern 



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nadeln dieser Art sind, abgesehen von zwei ahnlichen Fundstucken 
aus Ungarn und Bohmen, nur aus Schlesien bekannt. 

Unter den Nadeln aus Urnengrabern sind zwei neue 
Arten der Osennadel bemerkenswert. Den einen Typus (B) stellen 
Nadeln dar, die Fortbildungen des Typus A sind (Fig. io8). Sie 
haben wie ihre Vorbilder einen gebogenen Stiel und eine seitlich 
herausgewachsene Ose; ihr Kopf zeigt jedoch nur eine Verkiim- 
merung der alten kraftigen Scheibe oder nimmt ganz neue Formen 
an (Fig. 107). Zu dem 
anderen Typus (C) ge- 
horen kraftige, knie- 
formig gekriimmte 
Nadeln mit verhaltnis- 
mafiig kurzem Stiel. 
Ihre Ose hat die Form 
eines Ringes, einer 
durchlochten Scheibe 
(Fig. 104) oder einer 
Rohre und umfafit den 
Hals, wahrend der 
Kopf bald trompeten- 
formig, bald umge- 
kehrt kegelformig, 
bald unausgebildet ist. 
Die beiden Nadeltypen 
B und C waren auCer 
in Schlesien auch in 
Ost- undWestpreufien 
beliebt, wo sie jedoch 
meist eine etwas ge- 
bogene Spitze haben. Ganz vereinzelt sind sie in Hinterpommern, 
Brandenburg, der Nieder- und Oberlausitz, Bohmen, dem Konigreich 
Sachsen und Oberbayern aufgetreten. Entsprechend dieser Ver- 
breitung eignet sich der von Tischler fiir die Osennadel im all- 
gemeinen vorgeschlagene Name ,,Ostdeutsche Osennadel" besonders 
fiir die beiden Typen B und C, wahrend die von Undsel stammende 
Bezeichnung ,,Schlesische Osennadel" am besten auf Typus A be- 
schrankt wird. Von diesen Formen erhalt sich Typus B am langsten; 
entstellt und ungeschickt gearbeitet, kommt eine solche Nadel 
einmal mit Gefafien der jiingeren Urnenfelder vor. Eine andere 




N'adein, Knopfe und Rasiermesser, Bronze. Fig. lo 
und 106 1 3, die iibrigen '/j. 



56 



XI. Die altere Bronzezeit. Schmuck 



Nadelform, die am Kopfe in eine groGe Schleife mit eingerolltem 
Ende auslauft (Fig. 105), gehort dem Anscheine nach gleichfalls 
dieser Gruppe an. Zu den Typen der alteren Bronzezeit miissen 
wir aiich einige Nadeln zahlen, deren Fundverhaltnisse nicht bekannt 
sind, wie z. B. Nadeln mit geschwollenem Halse und verdicktem 
Kopf (Fig. 103) und Nadeln mit geschwollenem, geriefeltem Kopf- 
ende (Fig. io6j. Am Ende der alteren Bronzezeit begegnen wir 
auch den spater haufig werdenden Nadeln, deren Kopf doppel- 
kegelformig verdickt (Fig. 148) oder in Form eines stark zusammen- 
gedriickten Mohnkopfes profiliert ist (Fig. 142). 

Die besprochenen Nadeln mit dem reich entwickelten oder 
verzierten Kopfe dienten als Gewandhalter nicht nur einem rein 
praktischen Zwecke, sondern wurden vielleicht noch mehr als 
Schmuckstiicke geschatzt. Eine ahnliche Bedeutung hatten 
in dem zweiten Abschnitte der alteren Bronzezeit die grofien 
scheibenformigen Osenknopfe (Fig. no); neben ihnen waren auch 
kegelformige Osenknopfe mit kugeligem Kopfe inGebrauch(Fig. 109). 
Zu diesen Schmuckgeraten tritt Korperschmuck in Gestalt mehrerer 
Arten von Armbandern. Aus einem Skelettgrabe stammt ein 
stulpenformiges Armband mit horizontalen Rippen (Fig. 114), das 






Fig. 112 — 116. Armschmuck. Bronze, '/s. 



an einen Typus der altesten Bronzezeit erinnert (Fig. 83). Aus 
Skelettgrabern riihren auch Armspiralen her, die einer Form der 
altesten Bronzezeit nahe stehen (Fig. 84), ferner Armbander mit 
stollenartig verdickten Enden (Fig. 112) und sogenannte Arm- 
berge (Fig. 113), Ringe, deren Enden zu zwei grofien Spiral- 
scheiben aufgerollt sind. Diese treten fast stets paarweise auf und 
sind in etwas abweichender Form wohl noch in der jiingeren 
Bronzezeit in Gebrauch gewesen. Gegen SchluB der alteren 
Bronzezeit wurden durch Handler neue Arten von Armringen ein- 
gefiihrt, z. B. Armbander mit Gruppen horizontaler und vertikaler 



XI. Die altere Bronzezeit. Rand-, Absatz- und Lappenaxte 



57 



tiefer Furchen (Fig. ii6) oder tordierte Ringe (Fig. 115), die aus 
einem kantigen Stabe durch Langsdrehung hergestellt sind. Auf 
der obercn und unteren Seite erscheinen sie oft abgeplattet, weil sie 
in Garnituren iibereinander getragen wurden. Sehr viel seltener 
sind Halsringe. Ein soldier Ring mit osenartigen Enden, in dem 
die Windungen einer gedrehten Schnur eingeschlagen oder ein- 
gefeilt sind, gehorte mit zwei breiten Spiralarmbandern, einigen 
Nadeln (Fig. lOi, 102) und einem TongefaCe (Fig. 90) zu dem 
Inhaite eines Skelettgrabes. 

Sehr beliebte Geriite waren die Bronzeaxte, von denen 
ein Fundstiick (Fig. 117) mit langen Randleisten den Typen der 
altesten Bronzezeit (Fig. 80 — 82) nahe steht. Der Ausschnitt am 
Schaftende zeigt, dafi es italischer Herkunft ist. Urn das Scbaft- 
ende in dem Spalt des knieformigen Stieles noch besser zu 
befestigen als friiher, erhohte man die Rast zu Absatzen und 
erweiterte die Randleisten etwa in der Mitte zu lappenartigen An- 
satzen. So entstanden Absatzaxte (Fig. 1 18 — 120) und Lappen- 
axte (Fig. 121). Unter den ersteren werden mehrere Typen 




118 119 120 

Fig. 117— 121. Schaftceltc. B^on^e, '/j. 



unterschieden, und zwar Axte mit rechtwinkligen oder rundlichen, 
mit spitzwinkligen und mit lappigcn Absatzen. Von diesen Typen 
treten die Axte, die spitzwinklige, lappige Absatze haben 
(Fig. 1 20), in Schlesien besonders oft auf; analoge Stiicke 
kommen aber auch auGcrhalb Schlesiens, vor allem in Ungarn, vor. 



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XI. Die altere Bronzezeit. Sicheln, VVaffen 



Diese Gerate dienten wie ihre Vorbilder teils als Werkzeuge, 
teils als Waffen. Eine gleiche Bestimmung hatten die Tiillen- 
axte Oder Hohlcelte (Fig. 172), die ebenso wie die Randaxte 
mit einem knieformigenStiele versehen wurden, diesen jedoch in sich 
aufnahmen. Eine kleine Ose erleichterte ihre Befestigung vermittels 
einer Schnur. Sie erscheinen in Schlesien gegen Ende der alteren 
Bronzezeit in groCen Exemplaren, die fast ganz glatte, ornament- 
lose Breitseiten haben oder eine schwache Andeutung der langen 
seitlichen Schaftlappen mit einem dazwischen stehenden flachen 
Riicken zeigen. 

Eigentliche Messer aus dieser Periode sind in Schlesien noch 
nicht bekannt geworden. -Dagegen ist einmal im Verein mit 

Osennadein ein breites 
Bronzeblech aufgetreten, 
das hier das alteste 
Rasiermesser darstellt 
(Fig. Ill); leider ist der 
Griff nicht erhalten. 
Messer dieser Art wurden 
wahrend der Bronzezeit 
im Norden wie im Siiden 
von Europa zum Ab- 
nehmen des Bartes be- 
nutzt und den Toten 
ins Grab gegeben, viel- 
leicht um ihre vornehme 
Geburt anzudeuten. Fer- 
ner tritt uns in einem 
Depotfunde gleichfalls 
zum ersten Male die 
Sichel in zwei Formen 
entgegen. Die Knopf- 
sichel (Fig. 123) hat eine 
maGig gebogene Klinge, 
verstarkten Riicken und 
hohen Griffdorn, wahrend 
die Lochsichel (Fig. 124) 
einen von der Klinge 
abgesetzten Stiel hat, der ahnlich den Randaxten (Fig. 117) von 
zwei Randleisten eingefafit wird. Das Loch diente ebenso wie 




Fig. 122 — u8. 



Waflfen und Sicheln, 1/3; Schwert l/si 
Pfeilspitze l,'.>. Bronze. 



XI. Die altere Bronzezeit. Ansiedlungen Jq 



der Griffdorn zur besseren Befestigung der Handhabe. Die Sicheln 
dieser iind der spateren Zeit sind fast ausnahmslos auf der unteren 
Seite eben und waren daher fiir die rechte Hand bestimmt. Die 
Lochsichel fehlt im Norden, wurde aber sehr oft in Ungarn benutzt. 

Schlesien ist im Gegensatz zu vielen andern Landern, insbe- 
sondere zu Ungarn und dem skandinavischen Norden, wahrend der 
Bronzezeit sehr arm an Schwertern, wie iiberhaupt an Waffen. 
Ein Dolch aus dem ersten Teile der alteren Bronzezeit (Fig. 125) 
hat eine flache Klinge mit schwachem IMittelgrat und zwei dicken 
Nieten zur Befestigung des GrilTes. Das Schwert, das sich aus 
einer alteren Dolchform entwickelt hat, tritt in Schlesien zu Beginn 
dieser Periode auf; es hat eine lange Klinge von rappierartiger 
Form und eine Griffzunge, die urspriinglich mit Beschlagen ver- 
sehen war (Fig. 122). Zum ersten Male begegnen wir audi Pfeil- und 
Lanzenspitzen mit Schafttiille (Fig. 127, 126), Einige Bronze- 
streitaxte (Fig. 128) stehen durch ihre Ornamente den Nadeln 
Fig. 99 — 102 nahe; sie sind ganz besonders in Ungarn heimisch 
und wohl auch von dort importiert. In veranderter Form kommen 
sie auch in der jiingeren Bronzezeit vor. 

Das Bild, das uns die Bronzealtertiimer vom Kulturbesitze der 
Bewohner Schlesiens geben, lafit einen betrachtlichen Reichtum an 
Formen und Ornamenten, aber keinen einheitlichen Stil erkennen, 
wie wir ihn z. B. an den Buckelgefafien im zweiten Teile der 
alteren Bronzezeit fanden. Selbst einige eigenartige Formen weist 
Schlesien auf; trotzdem kann seine INIetallindustrie nicht von 
gro(3er Bedeutung gewesen sein , denn einen grofien Teil seiner 
Metallgerate oder wenigstens seiner typischen Formen verdankt 
es dem Auslande, vor allem Ungarn. Von dem Einflusse der 
mykenischen Kultur, der sich im skandinavischen Norden wahrend 
dieser Zeit in der Verwendung der Spirale glanzend wiederspiegelt, 
sind in Schlesien kaum merkliche Spuren vorhanden. 

Ansiedlungen, die uns Aufschlusse iiber die Art geben, 
wie der Mensch der Bronzezeit wohnte und lebte, sind bisher 
nur in diirftigen Resten beobachtet worden. Wohl ist auBer 
den besprochenen TongefaBen und Bronzegegenstanden noch 
mancherlei aus seinem Haushalte auf uns gekommen, wie z. B. 
Spinnwirtel in Form runder, durchlochter Tonscheiben, schwere, 
schwachgebrannte Webestuhlgewichte von zylindrischer Gestalt, 
trogartige Mahlsteine und kugelige Getreidequetscher aus Stein. 
Immerhin erscheint das Gesamtbild des Kulturbesitzes noch sehr 



6o XII. Die jiingere Bronzezeit 



liickenhaft. Das Fehlen von Ansiedlungsstatten aus der ersten 
Halfte der alteren Bronzezeit, in der das Land offenbar nur 
schwach besiedelt war, ist nicht iiberraschend; seltsam bleibt es 
jedoch, dafi davon aus dem spateren Verlaufe der Bronzezeit, in der 
die Bevolkerung viel dichter wurde, nur geringe Spuren erhalten 
sind. Aus dem Vorhandensein groCer gemeinsamer Begrabnisplatze 
konnen wir indessen wohl schliefien, daC die Bewohner sefihaft 
waren und in Dorfern lebten. Die Statten, an denen sie wohnten 
und wirkten, werden wir uns nicht fern von ihren Urnenfriedhofen 
und in vielen Fallen an derselben Stelle denken miissen, an denen 
die heutigen Ortschaften angelegt sind. 

L I T E R A T U R 
SoPHUS MuLLER, Nordischc Alter tumskunde. Strassburg 1896; Urgeschichte 
Europas. Strassburg 1905. — Oscar Montelius, Om tMsbestdmning inom 
bronsaldem. Stockholm 18S3. — Hans Seger, Hiigelgrciber von Deutsch-Warten- 
herg, Kr. Grnnberg. Schles. Vorz. VI. Fundchronlk. — Otto Tischler, Schrift. 
d. Phys.-Okonom. Ges. 1890. Sitzungsber. — Ingvald Undset, Das erste Auf- 
treten des Eisens in Nordeuropa. Hamburg 1882. — Oskar Mertixs, Zivei 
Grdberfelder der Bronzezeit {Deutsch-Wartenberg und Polkau. Kr. Bolkenhain). 
Schles. Vorz. VII. — Dazu die aicf S. 4S angefiihrten Schriften. 



XII. Die jiingere Bronzezeit 

Die Bronze ist in dieser Periode noch durchaus das herrschende 
Metall. Hochst selten tritt das Eisen auf, und zwar nur in Form 
von Schmuckstiicken in Grabern. Wie das Material zeigen uns 
auch die typischen Formen der Fundstiicke, wie z. B. der hilufig 
vorkommenden Tiillenaxte und Sichein in den Depots und der 
Schmucknadeln in den Grabern, dafi wir es noch mit der Bronze- 
zeit zu tun haben. Die Altertiimer dieser Zeit gehoren der Stufe 
der Entwicklung an, die sich mit der vierten und einem Teile der 
fiinften Periode des nordischen Bronzealters deckt. In Schlesien 
geht sie dem ersten Abschnitte des Eisenalters unmittelbar voran, 
in Griechenland und Italien lauft sie ihm parallel. Wahrend der 
jiingeren Bronzezeit treten in Schlesien auch Formen hervor, 
die der Hallstattkultur eigen sind. Dieser Formenkreis, der 
nach dem inhaltsreichen Graberfelde auf dem Hallstatter Salzberge 
in Oberosterreich bezeichnet wird und viele siidliche Elemente 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Keramik 6l 

in sich aufgenommen hat, gehort in seinem alteren Teile meist noch 
der Bronzezeit, in seinem jungeren der altesten Eisenzeit an. Sind 
die Formen der aus schlesischen Depots stammenden Gegenstande 
auch von denen der Grabaltertiimer im ganzen verschieden, so 
haben sie doch mit ihnen im einzelnen, wie z. B. in Messern, 
Sicheln, Nadein, Arm- und Halsringen, so viele Beriihrungen. daB 
wir sie nicht als eine eigene Gruppe in dem Kulturbesitz des 
Volkes zu betrachten brauchen. 

Nach den Grabfunden bezeichnet man diese Zeit auch als die 
Periode der jungeren Urnenfelder, an die sich dann die der 
jiingsten Urnenfelder kniipft. Fiir sie sind neben der Grab- 
form die auf den Urnenfriedhofen stets sehr zahlreich vertretenen 
TongefaGe besonders charakteristisch. Die Grabanlage aus der 
Zeit der Buckelurnen hat man beibehalten (S. 50). Auch jetzt 
fehlt dem Grabe gewohnlich die Steinsetzung; nur in steinreichen 
Gegenden, besonders auf der rechten Oderseite, scheint man sie 
in der Regel dem Grabe hinzugefiigt zu haben. 

In der Keramik herrschen Formen und Ornamente, die sich 
fast alie auf Vorbilder in der Gruppe der BuckelgefafSe (Fig. 93 — 98) 
zuriickfiihren lassen, jedoch nicht mehr einen so stark ausgepragten, 
strengen Charakter tragen. Die alten, schweren Formen, die 
kraftigen, scharf abgesetzten Linien des Profils, die ausdrucksvollen, 
einfachen Ornamente sind verschwunden ; weichere, zierlichere 
Formen und eine grofiere MannigfaJtigkeit in den Gefafitypen und 
der Ornamentierung haben sich herausgebildet. 

Zur Aufnahme der Reste des verbrannten Korpers benutzte 
man gewohnlich doppelkegelformige Urnen (Fig. 129). Ihre Bauch- 
kante tritt nur selten scharf hervor, oft sind sie an dem untcren 
Teile mit drei leistenartigen Vorspriingen versehen. Die jiingsten 
GefafSe dieses Typus zeigen eine leichte Schweifung und Verengung 
des Halses, bisweilen auch einen etwas umgclegten Rand und 
gewohnlich einen eigcnartigen Halswulst mit rohen Eindriicken 
(Fig. 131). Auch unter den kleinen Napfen dieser Art sind 
die mit ausgepragter Bauchkante die selteneren (Fig. 133). An 
Stelle des Tannenzweigornaments, das in der vorigen Periode 
vorkam (Fig. 96), finden wir nun Sparren, die gegeneinander 
oder gegen eine vertikale Linie gestellt sind. Die Napfe mit 
abgerundetem Profil sind in dieser Periode gewohnlich von einem 
Bande ineinander geschobener, schraffierter Dreiecke umzogen 



62 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Keramik 



(Fig. 1 30). Dieses beliebte Ornament vvird im Verlaufe der 
Periode auch auf andere Gefafte als die Napfe angewendet (Fig. 139, 
140) und bufit allmahlich seine Regelmafiigkeit ein. 






"35 






156 





^ 



139 V4 't" 'li 

Fig. 129—141. TongefSsse der jiiugeren Urneiifelder. 




Die kantigen Buckelgefalie von Terrinenform, mit und ohne 
Henkel, nehmen in der Zeit der jiingeren Graberfelder einen runden 
Korper an; das abgebildete Gefiifi Fig. 136 indessen, das eine 
verhaltnismafiig friihe Form darstellt, la(k das Eckige noch etwas 
erkennen. Auch solche Gefafie wurden ofters als Urnen benutzt. 
Die Buckelkriige verlieren ihren hohen Aufbau und werden zu 
Bechern, deren Henkel den Rand stets iiberragen (Fig. 134). Die 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Keramik 63 

kraftigen, von innen herausgedriickten Buckel der alteren Periode 
verkiimmern zu kleinen, aufgesetzten Vorspriingen oder werden 
sogar zu eingedriickten Griibchen. Die wenigen Linien, die um 
den Buckel gruppiert waren, entwickeln sich dagegen zu breiten 
Strichbandern (Fig. 136, 134). Dazu treten bisweilen einige hori- 
zontale Linien, die sich am Halsansatze um das Gefafi ziehen. Schrag 
geschweifte Rippen, die am Schlusse der Buckelurnenzeit auf 
Henkelkriigen und terrinenartigen Gefafien in Aufnahme kommen, 
erhalten sich eine zeitlang in der jiingeren Periode (Fig. 132), 
sind spater aber steiler gerichtet und gehen schlieBIich in 
einzelne Vertikalrippen iiber. Zu den gewohnUchsten Grab- 
beigaben dieser Zeit gehoren Henkeltassen, die in mehreren 
Formen auftreten, und flache Henkelschalen, die oft mit einer 
inneren Bodenerhebung versehen sind (Fig. 135). Haufiger als 
friiher kommen dosenformige Hangegefafie mit flachem Deckel 
vor (Fig. 139J. Kleine birn- oder kissenformige Tongebilde 
(Fig. 140), die sich wie die vorigen auf eine Schnur ziehen lassen, 
enthalten lose Steinchen und sind als Klappern benutzt worden. 
Sie dienten wahrscheinlich, ebenso wie die sehr kleinen Gefafie, 
als Kinderspielzeug. Recht oft findet man in den Grabern auch 
einen rauhen Topf mit zwei Henkelosen (Fig. 138). Haufig sind 
auch:tonnenformige Gefalie mit abgesetztem Halse und zwei Osen 
(Fig. 141 1. Die grolie Tonscheibe, die man auf der Brandurne, 
aber auch unter oder neben ihr findet, ist oft mit Eindriicken 
von Fingerspitzen verziert. Die Schiisseln haben anfangs wie im 
vorigen Abschnitte einen abgesetzten, nach aufien gelegten Hals, 
spater fehlt jeder Halsabsatz, und der Rand wird eingezogen. 
Beim Cbergange in die jiingste Zeit beginnt sparliche, aber kraftige 
Innenverzierung in Form von vier ineinander geschobenen ge- 
strichelten Dreiecken, fransenartigen Bandern oder konzentrischen 
Kreisen aufzutreten (Fig. 137). 

Die grofie Menge der Tongefafie hat hier nur in einigen Ziigen 
gekennzeichnet werden konnen. Die Anzeichen einer Weiterbildung, 
die unter ihnen unverkennbar hervortreten, reichen noch nicht 
aus, um eine weitere Gliederung der jiingeren Bronzezeit in Schlesien 
durchzufiihren. 

Die Entwicklung dieser Tongefafie aus denen der alteren 
Gruppe ist dem Anscheine nach von Metallvorbildern beein- 
flufit worden. Schon am Ende der alteren Periode treten z. B. Ton- 
tassen auf, die in der Form eine auffallende Cbereinstimmung mit 



64 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Metallvorbilder. Nadeln 



gleichzeitigen BronzegefaGen zeigen. Wir kennen eine solche 
Tasse aus dem Depotfunde von Rohow, Kr. Ratibor. Ihre Form 
entspricht ungefahr auch der abgebildeten Tasse aus Seifenau, Kr. 
Goldberg-Haynau (Fig. 174), die jedoch mit ihren Reihen getriebener 
Buckel schon der jiingeren Periode angehort. Die hohen Nieten- 
kopfe an den Henkeln der Bronzetassen scheinen auf TongefaGen in 
zwei kleinen Hockern am oberen Henkelansatze wiedergegeben zu 
sein (Fig. 132, 93), Auf Vorbilder, wie sie die abgebildete 
Bronzeschale darstellt, weisen auch Griibchen hin, die in manchen 
Schalen oder Tassen aus Ton zu beiden Seiten des unteren 
Henkelansatzes auftreten (Fig. 135) oder sich unterhalb des Randes 
in Reihen hinziehen. Vielleicht haben wir auch die gefurchten 
Henkel mancher Tongefafte (Fig. 132, 93) auf solche Beziehungen 
zuriickzufuhren. 



142 145 144 14 




Fig. 142—150. Bronzenadeln der jiingeren Bronzezeit, 1/2. 



Unter den Bronzebeigaben der Graber sind die gestielten 
Gewandnadeln bei weitem am haufigsten vertreten. Die VorHebe 
fiir die Schmucknadeln teilten die Bewohner Schlesiens und des 
zu ihm gehorenden Kulturgebietes mit denen Suddeutschlands 
und der Schweiz. Manche Nadeln dieser Zeit kamen in ahnlicher 
Form schon gegen Ende der alteren Periode vor (S. 56); 



XII. Die jiingeie Bronzezeit. Bugelnadeln 65 

von ihnen werden die mit doppelkegelformiger Verdickung am 
Kopf jetzt ganz gewohnlich (Fig. 148). Ihnen stehen die unver- 
zierten Nadeln mit abgeplattet kugelformigem Kopf (Fig. 149) 
nahe. Friih in dieser Periode treten audi Nadeln mit grofiem 
vasenformigem Kopf (Fig. 143) auf, wahrend die mit verziertem 
oder kleinem zylindrischem Vasenkopf meist mit jiingeren GefalS- 
formen vorkommen. Ihre Vorbilder liaben diese Typen vielleicht 
in den Vasenkopfnadeln Siiddeutsclilands und der Schweiz, Von 
den Nadeln, deren Stiel abwechselnd mit Spanenbandern und 
Gruppen von Riefelungen verziert ist (Fig. 144), begegnen wir den 
meisten im Vereine mit alteren Gefafien dieses Abschnittes. 
Auch die sorgfaltig gearbeiteten Nadeln mit aufwarts gewolbtem 
Scheibenkopf und einigen scheiben- oder knopfartigen Vor- 
spriingen am Nadelhals (Fig. 146) begleiten itltere GefaBe, wahrend 
die ungeschickt gegossenen Nadeln dieser Art mit Verdickung am 
Stiel jiingere Nachbildungen sind. Ebenso treten mit friihen 
Formen die Nadeln auf, die eine kleine Kopfscheibe und einen 
reich gegliederten Hals haben (Fig. 145); als altere Formen dieser 
Periode konnen wir auch die Nadeln ansehen, die als Kopf eine 
vertikal gestellte, ringformige Scheibe nebst Aufsatz tragen (Fig. 147). 
Nadeln mit einem reich verzierten kugeligen oder doppelkegel- 
formigen, grofien Kopf (Fig. I50)scheinen dem Ende dieser Periode 
anzugehoren. 

Eine neue Art der Gewandnadel stellt die sogenannte Fib el 
oder Biigelnadel dar, die in primitiven Formen in einzeinen 
Landern, wie in Oberitalien und dem skandinavischen Norden, schon 
wahrend der alteren Bronzezeit in Gebrauch war. Den siidlichen 
Fibeltypus in seiner einfachsten Form stellt eine Nadel dar, deren 
Verlangerung zuriickgebogen, wie unsere Sicherheitsnadel, in eine 
federnde Spiralwindung iibergeht und darauf den Biigel mit dem 
Nadelhalter bildet; der nordliche setzt sich dagegen aus zwei 
Teilen zusammen, dem Bugel, der an einem Ende zu einem ein- 
fachen Nadelhalter wird, und der Nadel, die sich urn das andere 
Ende des Biigels frei bewegen kann und keine Federkraft besitzt. 
Die Fibel wurde zu einem beliebten Schmuckstiick, das sich bis 
gegen den SchlulS der vorgeschichtlichen Zeit erhielt und mehr 
als irgend ein anderes vorgeschichtliches Gerat dem Wechsel der 
Mode unterworfen war. Aus den mehr oder weniger vorge- 
schrittenen Stadien ihrer Entwicklung konnen wir zuverlassige An- 
haltspunkte fiir Altersbestimmungen gewinnen. 

5 



66 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Bugelnadelri 



Die in Schlesien auftretenden altesten Typen haben sich von 
den beiden Grundformen schon sehr entfernt. An dem einen, der 
sogenannten Brillenfibel (Fig. 151), geht die Nadel riicklings in 

eine Spiralscheibe iiber, bildet 
darauf eine 8 und rollt sich dann 
zu einer zweiten Spiralscheibe 
ein, in deren Mitte sie schliefilich 
zum Nadelhalter wird. Diese aus 
einem Stiick bestehende Fibel 
ist weit verbreitet und besonders 
in Griechenland und auf dem 
Graberfelde von Hallstatt haufig. 
Sie kommt in Schlesien auch 
mit einem Kettengehange vor, 
wie es an Hallstattgeraten oft 
angebracht ist. Auf die nordische 
Grundform gehen groCe zwei- 
gliedrige Spiralfibeln zuriick (Fig. 154). Ihr Mittelstiick wird bald 
von einer verzierten rautenformigen oder ovalen Scheibe, bald 
von einem um seine Langsachse gedrehten (tordierten) Stabe 
gebildet, und die beiden Spiralscheiben erheben sich nach der 




Fig. i;i — 153. Fibel und Knopfe, Bronze. 




Fig. 154. Bronzefibel aus Schweidnitz, i/g. 



Mitte zu buckelartig. Die mit zvvei oder drei Quersprossen ver- 
zierte Nadel dreht sich um das eine Ende des Mittelstiickes und 
legt sich an dem anderen in den Nadelhalter. Die abgebildete 
Fibel aus Schweidnitz ist eine der stattlichsten und am besten 
erhaltenen, die bekannt geworden sind; bei ihrer GroBe von 34 cm 
mu6 sie einen imj)osanten Brustschmuck gebildet haben. Eine 
jiingere Form dieses Typus stellt eine Fibel aus Kolzig, Kreis 



XII. Die jungere Bronzezeit. Ringe. Messer 57 



Griinberg, dar, die statt der Spiralen niassiv gegossene Flatten 
hat und auf diesen die Spirale als Ornament tragt. Ihr Bugel 
ist mit Vogelfiguren besetzt. AUe diese zwcigliedrigen Fibeln 
unterscheiden sich von den nordischen hauptsachlich durch ihre 
GroCe. Man findet sie in dem Gebiet zwischen Ungarn und 
Mecklenburg; das Zentrum ihrer Verbreitung scheint in dem 
ostlichen Mitteldeutschland zu liegen. 

Aulier den Kadeln und Fibeln wurden auch Bronzeknopfe 
zum Schliefien der Kleidcr verwandt. Einige v'on ihnen bestehen 
aus zwei runden Flatten, die in der JNIitte durch einen Stift zu- 
sammengehalten werden (Fig. 152J. Sie dienten vielleicht auch 
als GiiitelschlieBen. Aus ihrer oberen Flatte, die durch konzentrische 
Kreise und Strichgruppen verziert ist, wachst bisweilen eine Stange 
mit Kopfscheibe heraus (Fig. 153J. Andere Bronzeknopfe werden 
von einer grofien, gewolbten Bronzescheibe gebildet und von Osen 
gehalten; sie dienten offenbar mehr als Schmuckstiicke. 

Kin beliebter Schmuck der damaligen Bewohner Schlesiens 
waren die Armringe, die wie friiher fast nie geschlossen sind, 
Ihr Querdurchschnitt ist plankonve.x (Fig. 156J oder bikonvex 
(Fig. 157); meistens sind sie auf der AulSenseite verziert. Die 




i>6 

Fig. 155 — 157. Ringschmnck. Bronze, '/g. 

Ornamente bestehen in Gruppen vertikaler, horizontaler, schrager 
oder sparrenartig gegeniibergestellter Linien. Ringe dieser Art 
sind auch in Ungarn wiederholt zu Tage getreten. Manche Arm- 
ringe tragen statt der Strichsysteme auf der AuBenseite plump 
gegossene Rippen, durch welche eine Drehung uni die Langsachse 
(Torsion) nachgeahmt werden soil. Halsringe waren nicht so 
beliebt wie Armringe. Sie bestehen aus einem diinnen Reifen 
(Fig. 155), der bisweilen tordiert ist, und dessen Enden osenartig 
umgeschlagen oder eingerollt sind. Manchmal zeigt sich auf diesen 
diinnen Halsringen auch wechselnde Torsion. 

Wie die Schmuckstiicke sind auch die Gerale durch Mannig- 
faltigkeit der Formen ausgezeichnet. Das Bronzemesser, das 
in Schlesien erst in dieser Feriode aufzutrcten scheint, zeigt in der 



68 



XII. Die jiingere Bronzezeit. Sicheln 



nach oben geschwungenen Spitze schon eine vorgeschrittene Stufe 
der Entvvicklung. Der Griff der meisten Messer besteht aus einer 
mit Nietlochern versehenen Schaftzunge (Fig. 158), die mit Horn- 
oder Knochenplatten belegt war und am Ende durch einen Ring 
abgeschlossen wird. Ihr Riicken ist meist mit geometrischen 
Ornamenten versehen, die wir zum groften Teil auf den Gewand- 
nadeln wiederfinden. Eine andere, seltenere Messerform hat einen 
reichgegliederten vollen Bronzegriff (Fig. 161), der sich bei einem 
Fundstiick aus Grabschen, Kr. Breslau, an eine eiserne Klinge 
ansetzt. Dieses eigenartige Fundstiick, das offenbar dem Ende 
der Peride angehort, weist auf Verbindungen Schlesiens mit Siid- 
deutschland und der Schweiz. 

Die beiden Sichelarten, 
die mit Griffdorn wie die mit 
Griffloch (Fig. 159, 160), haben 
eine durch Rippen verstarkte, 
krumme Klinge, deren Spitze 
in den meisten Fallen bereits 
eine mehr oder weniger nach 
oben gerichtete Schwingung an- 
genommen hat. Die Klinge der 
Lochsichel geht in dieser Periode 
ohne Absatz in die Schaftbahn 
iiber. Wahrend diese Sichel- 
form, die besonders haufig in 
Ungarn angefertigt wurde, nur 
in Depotfunden vorkommt, be- 
gegnen wir der Knopfsichel auch 
in Grabfunden, bisweilen jedoch 
in Exemplaren von so geringer 
Grofte, dafi sie nicht als Mah- 
werkzeuge, sondern hochstens 
als eine Art Taschenmesser 
gedient haben konnen; wahr- 
scheinlich aber sind sie als eigens 
hergestellteVotivgegenstande an- 
zusehen, denen man wegen ihrer 
nur symbolischen Bedeutung keine kraftigere Gestalt zu geben brauchte. 
Dunne,oblongeBronzebleche mitkurzem,hakenartigemGriff(Fig.i62) 
sind in dieser Periode die gewohnliche Form der Rasiermesser. 




Fig. 158—162. Bronzemeser, 1/3. 



XII. Die jungere Bronzezeit. Axte 



69 



Die Axte (Celte) waren bei den Bewohnern Schlesiens haufiger 
in Gebrauch als die eigentlichen VVaffen. Die Zeit der Absatzaxte 
ist beinahe voriiber. Die Lappeniixte, denen man bisweilen 
begegnet, haben sich von ihrer urspriinglichen Form sehr entfernt 
(vgl. Fig. 121); ihre Klinge ist nach der Schneide zu verbreitert, 
ihre Lappen er- 
scheinen gewolbt 
iind sind bisweilen 
schon an das Schaft- 
ende geriickt. An 
die Stelle der Ab- 
satzaxt ist die 
Tiillenaxt getreten, 
deren Stielloch an- 
nahernd quadra- 
tisch, seltener oval 
ist. DieseAxte sind 
nicht mehr so grofi 
wie die der alteren 
Bronzezeit (S. 58), 
aber meist reicher 
verziert. Manche 
tragen als Orna- 
menteAndeutungen 
langer Schaftlappen 
(Fig. 1 72 )oder einige 
nach unten konver- 

gierende, diinne 
Rippen (Fig. 170), 
zu denen meist noch Horizontalrippen treten. Eine andere, dem 
Anscheine nach jungere Gruppe weist kurze Vertikalfurchen auf 
(Fig. 169). Diese Motive der Verzierung finden sich auf jiingeren, 
meist kleineren Exemplaren zu verschiedenartigen Mustern zu- 
sammengestellt, aber verwischt wieder. Die unverzierte meiBel- 
artige Axt ohne Ohr, die Figur 171 darstellt, ist ein seltenes 
Fundstuck, das wohl dem Beginne dieser Periode angehort. Viele 
Typen zeigen eine grofSe Verwandtschaft mit ungarischen Formen. 

Das Schwert tritt wiihrend des mittleren Abschnittes der 
Urnenfelderzeit in zwei charakteristischen Formen, aber auch nur 
in zwei Exemplaren auf; das eine (Fig. 163) mit ausladender Klinge, 




Fig. 163 — 172. Schwert, '/g, Lanzenspitze, '/s. Pfeilspitie, '/?, Pferde- 
schmuck uml Gebissstange, ','3, Ringgeld 3/4, Tiillenaxte, '/.•), Tiillenaxt 
mit Griff, '/g, Bronze. 



70 Xll. Die jungere Bronzezeit. WafFen 

vollem, ovalem Griff unci rundem, durchlochtem 

y^^i^^r^ Knauf, die beide fein verziert sind (Fig. 173), 

/OWooVi^OX '•''^ ^^^^ 8^"^ hervorragende Leistung der Bronze- 

{ ^y^ /^^P C ^\ industrie und dem Anscheine nach von Ungarn 

K^^Jr^^^^rJC^i eingefiihrt; das andere mit kurzer, rapierahnlicher 

Vjj^'^%Q^^=*^^/ Klinge und aufgerollten Spiralen am Griffende, 

\^OgjV]^^^ ein sogenanntes Antennenschwert, gehort schon 

der Hallstattstufe an. Einige Dolche haben eine 

Fig. 173. ^ 

zeichnung auf dem Knauf wcidenblattformige Klinge, die am Griffende in 

des Schwertes Fig. i6}. i/a- 

eine Zunge mit Nietlochern auslauft. Auch 
Lanzen- und Pfeilspitzen scheinen die Bewohner Schlesiens 
wahrend dieser Periode v^erhaltnismafiig wenig benutzt zu haben. 
Das Blatt der Lanzenspitze hat gewohnlich die grofite Breite am 
unteren Ende, wo es sich kurz gerundet an die mit einem Nietloch 
versehene Tiille ansetzt (Fig. 164). Der Pfeilspitze (Fig. 165) gab man 
zu Anfang dieser Periode nur wenig starkere Fliigel als der alten 
Form (Fig. 127); sie wird spater aber plumper und nimmt nicht 
nur stark entwickelte Barte, sondern auch eine ungleichmafiig ge- 
formte Rohre an (Fig. 165). Von der Benutzung des Pferdes, 
wahrscheinlich durch Krieger, haben wir aus dieser Periode be- 
stimmte Anzeichen. Es wurde nicht mehr einfach durch Riemen- 
zeug gelenkt, sondern erhielt zu dem Zwecke ein Gebifi, an das 
sich zu beiden Seiten Stangen aus Hirschhorn oder Bronze an- 
setzten (Fig. 167J. Die Anwendung der Stangen reicht vielleicht 
schon in eine friihere Zeit zuriick und stammt dem Anscheine 
nach aus dem Orient. Als Pferdeschmuck w-urden grolSe, durch- 
brochen gegossene Zierscheiben (Fig. 166) und geschlossene, diinne 
Ringe von verschiedener Grofie verwendet. Von den grofieren 
Schmuckringen ist eine Gruppe kleiner, flacher, roh gegossener 
Ringe (Fig. 168) abzusondern, die in Schlesien mit zahlreichen 
anderen Bronzen zu Hunderten in einem Topf enthalten waren 
und einzeln auch als Beigaben in Brandgrabern vorkommen. 
Sie sind auch auCerhalb Schlesiens, besonders in Osterreich-Ungarn, 
in Mengen beobachtet worden und werden als Ringgeld gedeutet, 
das als Zahlmittel den Handelsverkehr erleichterte und vielleicht 
auch in den Grabern den Toten als Geld dienen sollte. 

In der bunten Menge von Geratschaften aus jener Periode 
erscheinen als hervorragende Fundstucke einige zierliche, diinn- 
wandige Tassen (Fig. 174) mit getriebenen Buckel- und Perl- 
reihen und breitem Henkel, der durch dicke Nieten befestigt ist. 



XII. Die jungere Bronzezeit. BronzegefaCe 



71 




Fig. 174. Bronzeschale, -/s. 




Fig. 175. Broiizewagen, 1/3. 



Unverziert treten solche Henkel- 

schalen schon am Ende der 

alteren Bronzezeit auf (S. 64). 

Wahrscheinlich sind sie von 

Italien alsHandelswaren nach den 

nordlichen Gegenden gelangt. 

Eine andere charakteristische 

Form stellt ein grofies^ getriebenes 

Bronzegetafi dar (Fig. 176), das einen kugelformigen Korper, 

ausladenden Hals und zwei feste, mit eingehangten Ringen 

versehene Handhaben hat. Der GefaBkorper besteht aus zwei 

Teilen, die an der grofiten Ausbauchung ineinandergeschoben sind 

und mit spitzkopfigen Nieten zu- 
sammengehalten werden. Uber und 
unter dieser Zone ziehen sich 
mehrere Reihen kleiner Buckel und 
je eine Reihe aus dem Innern 
herausgetriebener Vogelfiguren hin. 
Reihen solcher Wasservogel bilden 
ein Ornament, das sich von Nord- 

itahen meist im Gefolge der Hallstattkultur iiber Europa verbreitet 

hat. Diese fremden BronzegefalJe haben einen deutlich erkenn- 

baren Einflufi auf die schlesische Keramik ausgeiibt (S. 75 — 78). 
Ein merkwiirdiges Fundstiick ist auch ein kleiner, dreiradriger 

Bronzewagen mit tullenformiger Deichsel (Fig. 175), die zur 

Aufnahme eines Stieles bestimmt war. Sie wird durch eine Gabel 

mit derWagenachse ver- 

bunden. AufderDeichsel 

und der Gabel stehen 
riickwarts gerichtete 

Vogelfiguren, und an den 

beiden langauslaufenden 

Enden der Gabel befindet 

sich ein durch die Horner 

angedeuteter Stierkopf. 

Wagen dieser eigentiim- 

lichen Form sind zwischen 

dem Mitteilauf von Oder 

und Elbe in mehreren 
Exemplaren bekannt Fig. 176. Broazegeuss, 1/5. 




72 XII. Die jiingere Bronzezeit. GuCformen 



geworden und gewifi auch innerhalb dieses Gebietes hergestellt 
worden. Einige davon stimmen in den Einzelheiten so sehr mit 
einander iiberein, dafi sie sehr wahrscheinlich aus derselben Werk- 
statte herriihren. Verwandt mit diesen Deichselwagen oder Rad- 
gestcllen sind die vierradrigen Wagen, die ein kesselartiges GefaG 
tragen und sich von Etrurien durch Bohmen und Norddeutschland 
bis nach Danemark verfolgen lassen. Wie diese wurden hochst 
wahrsclieinlich auch die dreiradrigen Wagen im Kultus verwendet. 
Wenn selbst so kunstvolle Gebilde wie die dreiradrigen Wagen 
im Inlande hergestellt werden konnten, so diirfen wir dies mit 
um so groCerem Rechte von der grofien Masse gewohnlicher 
Schmucksachen, Werkzeuge und Waffen voraussetzen. Als Beweise 
konnen wir nicht nur unfertige, mifiiungene und ausgebesserte Stiicke 
anfiihren, wie sie schon in den alteren Perioden des Bronzealters vor- 
kamen, sondern auch GuCkuchen und eine Reihe von Gufiformen. 
Die vorhandenen Fundstiicke dieser Art dienten 
zur Herstellung von Tiillenaxten, Pfeilspitzen 
(Fig. 177), Sicheln und Nadeln. Sie bestehen 
aus Ton, Serpertin, Sandstein und Bronze und 
befinden sich bisweilen noch in unfertigem 
Zustande. Wahrend fiir die Sicheln, die auf 
einer Breitseite eben sind, nur eine einteilige 
Form erforderlich war — die andere konnte durch 
jeden ebenen Stein ersetzt werden — bestand 
Stein, 1/3 (jjg Form fiir die iibrigen Gegenstande aus 
zwei symmetrisch gebauten Teilen, die genau zusammenpassen 
mufiten. Die Locher dienten zum Zusammenhalten der beiden 
Teile. Zur Herstellung der Hohlraume wurde vor dem Gufi ein 
Ton- oder Steinkern in die Form eingefuhrt. Die so erzeugten 
Gegenstande lassen meistens noch deutlich die GuGnaht er- 
kennen, die dort entstand, wo sich die beiden Teile der Form 
berijhrten. 

Auch das Giefien in verlorener Form war damals schon 
bekannt. Es wurde z. B. bei der Herstellung gegossener Gefafte 
angewandt. Man iiberzog zu diesem Zwecke ein Tongebilde, 
das genau dem Innern des zu gieCenden Gefafies entsprach, 
mit einer diinnen Wachsschicht und gestaltete diese so, wie die 
Wandung des Gefafies sein sollte. Die Wachsschicht wurde 
dann von einer Tonmasse umschlossen, die die aufSere Form 
darstellte. Dem Feuer ausgesetzt, schmolz nun das Wachs und 




XII. Die jungere feonzezeit. Ansiedlungen 73 

trat durch eine Offnung heraus, so daft der zwischen der inneren 
und der aufteren Form frei werdende Raum von dem geschmolzenen 
Metalle eingenommen werden konnte. Um das so gegossene Gerat 
von der Form zu befreien, muftte diese zerstort werden. Daher 
der Name Guft in verlorener Form. Die Heni<el der Gefafte 
wurden angenietet, denn das Loten war nocli unbekannt. 

Aus der Zeit der jiingeren Urncnfelder sind die erhaltenen Reste 
von Ansiedlungen ebenso selten wie die aus der vorigen 
Periode. In Jordansmiihl enthielt eine Abfallgrube aufter zahl- 
zeichen charakteristischen Gefaftscherben und Tierknochen viele 
gebrannte, dicke Lehmstiicke, die gewohnlich eine glatte Flache 
mit Holz- oder Blattabdrucken zeigten. Diese Stiicke sind Teile 
eines Lehmbewurfs, mit dem man, wie schon in friiheren Perioden 
(Fig. 18), die Hiitten versah, um sie gegen Witterungseinfliisse 
widerstandsfahiger zu machen. In dieser Periode scheint man auch 
einzelne Hohen mit einem Steinwalle umgeben und langerc Zeit 
bewohnt zu haben, wie z. B. den Schloftberg bei Jagerndorf, den 
Breiten Berg bei Striegau und den Geiersberg am Zobten. Ob 
diese Wallanlagen einst als Schutzwehr gedacht oder nur eine 
Abgrenzung fiir einen dem Kultus gewidmeten Bezirk waren, muG 
noch dahingestellt bleiben. Sichere Beweise dafiir, daft Burgwalle 
schon in friiheren Perioden errichtet wurden, wie dies anderwarts, 
z. B. in Slid- und Westdeutschland oder der Lausitz, der Fall war, 
fehlen bis jetzt. Wenn auch auf vielen der umwallten Hohen 
Altertiimer aus der Stein- und der alteren Bronzezeit gefunden 
worden sind, so beweist ditjs doch nur, daft dort schon damals 
Menschen auf eine kiirzere oder langere Zeit gewohnt haben; 
fraglich bleibt es jedoch, ob auch die Wallanlage aus jener Zeit 
stammt. Durchaus gebrauchlich ist die Errichtung von Burgwallen 
erst in der Schluliperiode der vorgeschichtlichen Zeit (S. 129). 



L I T E R A T U R 

Joseph Hampel, Allertiimer der Bronzezeit in Ungarn. Budapest 1887. — 
MoRiTZ HoERNES, Urge8chichte der bildendtn Kunst m Europa. Wien 1898. — 
Julius Naue, Die Bronzezeit in Obcrhagern. Wien 1894. — Sophus Muller, 
Urgeschichte Europas. Slrasshurg 1905. — von Sacken, Das Graberfeld von 
Halhtntt in Oberbsterreich. Wien 1808. — .\l\vin Langenhan, Fibelfnnde in 
Schlesien. Schles. Vorz. V. — HansSeger, Schles. Vorz. VI und VII. Fundchronik. 
— Oscar Mertins, Das Graberfeld von Otttcitz, Kr. Strehlen. Schles. Vorz. VII. 



74 XIII. Die alteste Eisenzeit im allgemeinen 



DIE EISENZEIT 

XIII. Die alteste Eisenzeit 

Der Formenkreis, der uns auf den jiingsten Urnenfeldem ent- 
gegentritt, ist im allgemeinen mit dem der vorigen Periode so eng 
verwandt, dafi er in manchen Einzelheiten nicht von diesem unter- 
schieden werden kann. Gekennzeichnet wird er indessen vor allem 
durch eine Reihe keramischer Typen, unter denen die haufig auf- 
tretenden mehr oder weniger gedriickt kugeligen Formen, meist 
mit weit ausladendem Halse (Fig. 178 — 183), und die bemalten 
Gefafte (Fig. 185 — 189) die augenfalligsten Erscheinungen sind. 
Gleichzeitig mit diesen Arten der Tongefafie zeigt sich das Eisen 
schon in soldier Menge, daC man diese Kulturperiode die alteste 
Eisenzeit nennen kann. Sie fallt mit dem zweiten Abschnitt der 
Hallstattzeit zusammen und entspricht ungefahr dem Teile des 
nordischen Bronzealters, der von Montelius dem Schlusse der 
fiinften und der ganzen sechsten Periode zugezahlt wird. 

Die Verwendung des Eisens als Werkmetall ist eine Er- 
findung, die allem Anscheine nach aus dem Orient iiber Agypten 
nach Europa gelangt ist. In Italien kam es um die Wende des 
zweiten zum ersten Jahrtausend v. Chr. in Aufnahme. In Schlesien 
werden wir fiir den Beginn des Eisenalters zwei oder drei Jahr- 
hunderte spater ansetzen miissen, wenn vereinzelte Funde von 
Schmuckstiicken auch schon einer friiheren Zeit angehoren. 

Die ersten Eisengerate sind jedenfalls aus dem Siiden im- 
portiert worden. Wahrend der Periode der jiingsten Urnenfelder 
gewann man das Eisen jedoch auch hier im Lande aus dem oft 
vorkommenden Raseneisenerz und verarbeitete es, zunachst wohl 
noch unterstiitzt durch wandernde Metallarbeiter, zu vielen Gegen- 
standen, die im allgemeinen die Form der gleichzeitig auftretenden 
Bronzen erhielten. Reste von Eisenschmelzofen sind uns an ein- 
zelnen Stellen, z. B. in Kronendorf, Kr. Ols, und Tarxdorf, Kr. 
Steinau, in engen Gruben mit hartgebrannten Wanden in einer 
grofieren Zahl erhalten. Ihr Bau ist so primitiv, daG man sich 
kaum vorstellen kann, wie es moglich gewesen ist, darin das Erz 
in Eisen umzusetzen. Wie die Bronze kam auch das Eisen nur lang- 
sam und ungleichmafiig in Aufnahme. Selbst aus dem Ende dieser 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Sclimelzofen. Graber 



75 



Periode gibt es noch viele Grabfunde, die ausschlieGlich Bronze- 
beigaben enthalten. In den Depotfunden ist die Bronze iiberhaupt 
noch fast immer das herrschende Metall. Im allgemeinen sind 
Waffen und Gerate haufiger aus Eisen hergestellt als Schmuck- 
sachen; indessen auch zu diesen hat man das Eisen schon oft 
benutzt. 

VVie friiher legte man jetzt Brandgraber auf Friedhofen an 
(Fig. 92). Gegen Ende der Periode zeigt sich jedoch auf einigen 
oberschlesischen Graberfeldcrn Skelettbestattung, wie z. B. in 
Adamowitz, Tschammer-Ellguth, Rosmierska u. a. m. Diese alteste 
Form der Totenbestattung kommt also von Siiden her wieder in 
Aufnahme, jedoch nur vereinzelt. Es vergehen noch viele Jahr- 
hunderte, bis sie allgemeine Sitte wird, Es ist kein neues Volk, 
das die Kenntnis des Eisens oder die der Skelettbestattung nach 
Schlesien bringt ; denn wie die Eisengerate sich noch durchaus in 
dem alten Formenkreise bewegen oder sich an ihn aniehnen, so ent- 
halten auch die Skelettgraber dieser Zeit fast nur Formen, denen 
wir auch in Brandgrabern begegnen. Die wenigen neuen Typen, 
die im Gefolge des Eisens oder der Skelettbestattung auftreten, 
lassen sich durch Handelsbeziehungen oder Kulturiibertragung hin- 
reichend erklaren. In einigen Brandgrabern aus dem Ende dieser 
Periode, z. B. in Peisterwitz, Kr. Ohlau, macht sich die Neigung 
geltend, die Graber nicht mit einer so groBen Zahl von Bei- 
gefaften auszustatten, wie es sonst auf den schlesischen Urnen- 
feldern Branch war. Vielleicht haben wir es in diesem Falle jedoch 
mit einer rein lokalen Eigentiimlichkeit zu tun. Abweichungen von 
dem allgemeinen Brauche lassen sich auch sonst verschiedentlich 
beobachten. In Cantersdorf bei Brieg z, B. waren die Reste der 
verbrannten Toten nicht in Urnen beigesetzt, sondern fanden sich 
frei im Boden unter den Beigefafien. 

In der Keraniik erfahren die alten Formen und Ornamente, 
zum Teil unter dem Eintiusse fremder Vorbilder, eine auGerordent- 
lich reiche Ausgestaltung, die die Kunst des immer noch ohne 
Drehscheibe arbeitenden Topfers auf einer Stufe der Entwicklung 
zeigt, wie sie in keiner anderen vorgeschichtlichen Periode erreicht 
wird. 

Unter den henkellosen Gefatien kommt die Urne mit gekerbtem 
Halswulst auch noch in dieser Periode vor (Fig. 131). Ihre Off- 
nung verengt sich mehr und mehr, der Rand legt sich um, und 
es entsteht wahrscheinlich unter dem Einflusse von italischen 



76 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Keramik 



Bronzegefafien, die dem in Fig. i;6 abgebildeten Fundstiicke ent- 
sprechen, eine mehr oder weniger gedruckt kugelige Form 
(Fig. 178—183). Bisweilen zeigt sie am Unterteile mehrere leisten- 
artige Vorsprunge, wie die verwandten alteren Gefafie (Fig. 129). 




180 i/e 
Fig. 178 — i8i. Tongefasse der jungsten Urnenfelder. 

Der Halswulst wird zum Abbilde eines metallenen Halsringes, auf 
dem oft auch die gleichlaufende oder wechselnde Torsion ange- 
deutet ist (Fig. 180), ja mehrere Urnen sind mit einem wirklichen 
tordierten Halsringe aus Bronze oder Eisen behangt gefunden 
worden. Oberhalb des Ringes nimmt der Hals gewohnlich eine 
leichte, nach innen gerichtete Schweifung an. Oft tragen die Gefafie 
unterhalb des Halsansatzes drei buckel- oder hornartige, nach oben 
gerichtete Erhebungen (Fig. 1/8), an deren Stelle auch drei 




Fig 182. Tongefass mit Vogelliguren, 1/7. 



kleine Vasen oder Vogelfiguren vorkommen (Fig. 182). Durch 
Ruckbildung des breiten, trichterformigen Halses entstehen neue, 
haufig vorkommende Formen (Fig. 179, 181). 

Die Gefafie sind meistens fein gearbeitet; viele von ihnen 
sind mit tlach eingestrichenen Furchen oder mit kraftigen Wiilsten 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Keraniik 



n 



verziert (Fig. 178, 179). Das triangulare Strichsystem, das in der 
vorigen Epoche hauptsachlich auf den kleinen Gefafien dieser Art 
vorkam, erscheint in dieser Zeit gewohnlich sehr entartet oder in 
der Auflosung begriffen. Seine Zickzacklinien treten stark hervor, 
indem sie verdoppelt oder vervielfacht werden, wahrend die 
Schraffierung der Felder vernachlassigt wird, neue Formen annimnit 
oder ganz wegfallt (Fig, 186, 182, 183, 188). An Stelle der Zick- 
zacklinien erscheinen bisweilen audi kleine Gruppen schrag ge- 
stellter Linien, die sich an eine grofie, runde Vertiefung anlehnen 
(Fig. 181). Manchmal werden die Zickzacklinien an ihrem oberen 
Ende mit kurzen, sparrenartig gerichteten Seitensprossen versehen. 
Sie leiten so zu einem Ornament iiber, das als Aufien- wie als 
Innenverzierung auf graphitierten oder bemalten Gefafien vorkommt 
und oft zu reichen Strichmustern ausgestaltet erscheint (Fig. 182, 189J. 

Unter den GefaCen dieser Gruppe wie iiberhaupt dieser Zeit 
sind viele, besonders die zierlichen und sorgfaltig gearbeiteten, durch 
einen Graphituberzug metallglanzend gemacht worden. Das Material 
hierzu, den Graphit, lieferte der Boden Schlesiens und seiner 
Nachbargebiete. Er wurde bisweilen schon in der vorigen Periode 
dazu benutzt, Gefafien eine gewisse Gliittung zu geben. Die Vor- 
liebe fiir den Metallglanz ist wahrscheinlich durch Metallgeriite 
genahrt worden, die fiir die TongefaBe als Vorbilder benutzt wurden. 
Auf eine solche Verbindung scheint z. B. eine typisch auftretende, 
glanzend graphitierte Henkelschale (Fig. 184) hinzuweisen; sie tragt 
als Innenverzierung ein sternartiges Motiv, das wir auf der Scheibe 
von Spindelknopfnadeln und in der iilteren Bronzezeit auf den ihr 
verwandten Scheiben-, Spundkopf- und Osennadeln (Fig. 99, lOO) 
antreffen. In der iilteren Keramik gibt es fiir dieses Ornament 
keine Vorbilder. 

War fiir die Anwendung dieser Verzierungsarten im all- 
gemeinen auch die Mode maligebend, so folgte der Topfer doch 
in der Haufung, Anordnung und Ausgestaltung der Motive seinem 
eigenen Empfinden viel mehr als in der friiheren Epoche und 
besonders wahrend der Buckelurnenzeit. Wie sehr sich jetzt die 
Personlichkeit in der Ausiibung der Kunst geltend macht, zeigt 
uns das Auftreten figurlicher Darstellungen auf Urnen der bisher 
besprochenen Art. Ein besonders interessantes Beispiel ist ein 
grofies, graphitiertes Gefali aus Lahse (Fig. 183), das uns einen 
Einblick in das Leben der damaligen Bevolkerung gewiihrt, indem 
es uns in den Feldern eines Zickzackbandes cine Hirschjagd in 



78 



XIII. Die iilteste Eisenzeit. GefaC mit Hirschjagd 




Fig. 183. Tongefass mit Hirschjagd, l/g 



neun Bildern vorfuhrt. Wir sehen 
zwei Jager hoch zu R06, einen 
grofien Hirsch und zwei kleine, 
jenen mit sehr starkem, diese 
mit schwachem Geweih, einen 
Jager zu Fu6, im Begriff, mit 
seinem Bogen den Pfeil auf ein 
Hirschpaar abzuschiefien,u. a. m. 
Die Art der Darstellung ist 
aufierst primitiv. Der Korper, 
die Arme und Beine warden 
durch Striche, der Kopf des 
Menschen und die FiiBe der Tiere durch Vertiefungen bezeichnet. 
Ein Punkt mit einem langeren und zwei kiirzeren Strichen stellt 
den Kopf und die Ohren der Tiere dar. Solche figiirliche Dar- 
stellungen sind auch in Westpreufien und anderen Provinzen, sowie 
im Siidwesten von Ungarn auf Gefafien dieser Zeit beobachtet 
worden. 

Die hochste Entwicklung der schlesischen Keramik bezeichnen 
die bemalten Gefafie. Unter ihnen sind am haufigsten die 
zierlichen, diinnwandigen, flachen Schalen mit und ohne Henkel 
(Fig. 185); aber auch der ganze Formenkreis der kugeligen GefaBe, 
bald hoch gebaut, mit breit ausgelegtem oder kurz abgeschnittenem 
Halsteile, bald flach gedriickt, den niedrigen Schalen ahnUch, ist in ihr 
neben manchen anderen Formen dieser Zeit vertreten. Ihre Verzierung 
lehnt sich auch vielfach an die alten Motive an, insbesondere in der 
Verwertung des triangularen Strichsystems und seiner zahh-eichen 
jiingeren Entwicklungsstadien. Sehr beliebt ist die ZergHederung 
grofier Dreiecke in viele kleine. Die bemalten Gefafte bestehen 
aus einem feinen, zartgelben Tone; sie sind regelmafSig geformt 
und mit Erdfarben, wie z. B. Ocker und Rotel, ein- oder mehrfarbig 
reich bemalt. Oft sind sie vor der Bemalung in ein Bad getaucht, 
das rot gefarbten_, fein geschlammten Ton enthielt. Viele von 
ihnen, besonders die zierlichen, diinnwandigen Schalen, sind so 
schwach gcbrannt, dafi sie in feuchtem Erdboden fast aufgelost 
erscheinen. Diese Gruppe hat, wie iiberhaupt die Keramik der 
Urnenfelder, viele Beziehungen zu GefaBen von Osterreich- Ungarn, 
bildet aber doch einen eigenen geschlossenen Formenkreis, der 
selbst innerhalbSchlesiensseinbestimmtesVerbreitungsgebiet hat; als 
Zentrum ihres Vorkommens und ihrcr Entstehune ist das nordliche 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Bemalte Gefafie 



79 



Mittelschlesien anzusehen. Indessen nicht nur osterreich-ungarische 
Beziehungen, sondern auch italische Vorbilder scheinen sich in 
diesen Erzeugnissen schlesischer Keramik geltend gemacht zu haben. 
Einen solchen Einflufi verraten z. B. manche bemalte Tassen, die 
durch einen langen, knieformig gekriimmten Stiel gestiitzt werden 
(Fig. 1 88); sie scheinen nach etruskischen Bronzetassen ahnlicher 
Art geformt zu sein. 




184 — 189. Tongefasse Jer jiingsten Urnenfelder. 



Mit den bemalten GefaGen treten viele neue Motive in Schlesien 
auf: der Widderkopf (Fig. 185, 187), das Hakenkreuz oder Svastika 
(vgl. Fig. 251), das Triquetrum, ein dem v ahnliches Zeichen, der 
Kreis, der oft von einer Punktreihe eingefafit vvird, aber auch die 
Form eines Zahnrades oder Strahlenkranzes annimmt und bisweilen 
eine horn- oder buckelartige Erhebung umgibt. Dieses letztere 
Ornament zeigt offenbar Verwandtschaft mit den drei Buckeln oder 
Hornern auf den kugeligen GefaBen (Fig. 178) und weiterhin mit 
den kleinen Vaschen und plastischen Vogelfiguren (Fig. 182). Der 
Farbstoff der gemalten Ornamente ist so wenig wiederstandsfahig, 
dali er sich, ebenso wie die Gefafie selbst, in der Feuchtigkeit 
auflost. Die bemalten Gefafie konnen daher kaum eine praktische 
Bedeutung gehabt haben. Wahrscheinlich sind sie nur fiir den 
Toten im Grabe bestimmt gewesen. Deshaib sind auch viele ihrer 
Ornamente, die auf anderen Gefafien fast garnicht vorkommen, mit 
religiosen Vorstellungen in Verbindung zu bringen. Aus Italien 
und dem Norden liegen bestimmte Anzeichen vor, da6 dort schon 



8o 



XIII. Die altestc Eisenzeit. Neue Formen der Tongefafie 



wahrend der alteren Bronzezeit ein unpersonlicher Sonnenkultus 
herrschte. Wenn wir auf bemalten Gefafien, wie z. B. auf der 
Schale Fig. 185, einen Kreis mit dem als heilig geltenden Zeichen 
des Triquetrum von einem Strahlenkranze umgeben sehen, so 
konnen wir ohne Zweifel auch in diesen Ornamenten ein Abbild 
Oder Sinnbild der als gottlich verehrten Sonnenscheibe erblicken. 
Vielleicht steht auch der Deichselwagen mit Vogelfiguren (Fig. 175), 
den wir schon unter Funden der vorigen Periode kennen lernten, 
mit diesen religiosen Anschauungen in Verbindung. 

Den beiden eigenartigen Gruppen der kugeligen und der be- 
malten GefaCe reihen wir eine Anzahl anderer Formen an, die im 
Vergleich zu denen der vorigen Periode niir geringe Veranderungen 
erfahren haben. Im allgemeinen sind sie sorgfaltiger gearbeitet, 
reicher verziert und meistens ganz mit Graphitglanz iiberzogen. 
Manche Tassen haben einen stark ausgebildeten zyUndrischen Hals 
(Fig. 191) und zeigen auf dem gedriickten Gefaftkorper, oft zwischen 




'94 1/4 '9^ '/7 

Fig. 190 — 197. Tongefasse der jiingsteii Urnenfelder. 



Fransen, drei nebeneinanderstehende runde Vertiefungen, An 
anderen ist von dem Halse nur ein schwach umgelegter Rand iibrig 
geblieben. Die tiefen bombenformigen Tassen (Fig. 195) sind ofters 
durch drei zu einem Dreieck angeordnete Griibchen verziert. Von 
den terrinenartigen Urnen dieser Periode kann nur im allgemeinen 
gesagt werden, dafi viele als Reste der alten Buckel knopfartige 
Vorspriinge innerhalb eines Hofes tragen (Fig. 192), und daB andere 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Neue Formen der Tongefafie gl 



mit verschiedenen Strichsystemen , die sich auch auf den Hals 
erstrecken, iiberladen sind (Fig. 190). Um die rohen, blumentopf- 
artigen Gefafie zieht sich gewohnlich eine Reihe von Fingernagel- 
eindrucken (Fig. 193). Napfe und Schusseln dieser Zeit zeigen oft 
einen etwas eingezogenen Rand, auf dem mehrere kleine Vorsprunge 
stehen. 

Zu diesen Formen, die ihre Vorbilder in Gefafien der vorigen 
Periode haben, treten noch mehrere neue Typen, wie z. B. : 
Zwillings- und Drillingsgefafie, bisweilen bemalt (Fig. 186), deren 
Teile durch Rohren mit einander verbunden sind, und die daher von 
manchen als Lampen gedeutet werden, RiiuchergefaCe mit durch- 
brochenen Wandungen (Fig. 194), gewolbte Topfdeckel mit durch- 
lochtem Griff (Fig. 193). Andere, scheibenformige Deckel tragen 
eine lange, hohe, rechteckige Leiste (Fig. 196), an deren Enden 
sich die Kanten zu Vorspriingen erheben; oft sind sie mit bogen- 
formigen Furchen verziert. Eigenartig sind bemalte oder graphitierte 
Trinkgefafte in Form eines stark gekriimmten, zusammengedriickten 
Homes, dessen Spitze abgeschnitten ist. Den Klappern gab man 
ofters die Gestalt von Vogeln (Fig. 1S7), Schildkroten und anderen 
Tieren. Diese Tongebilde, die im Innern einige kleine Steinchen 
enthalten, waren bei den damaligen Bewohnern vielleicht, ebenso 
wie bei manchen Naturvolkern, dazu bestimmt, bose Geister zu 
verscheuchen; wahrscheinlicher ist es jedoch, dafi sie wie die birn- 
und kissenformigen Klappern als Kinderspielzeug dienten (S. 6}). 
Andere Nachbildungen von Vogeln und Vierfufilern haben auf dem 
Riicken eine Offnung, auf die sich meist sogar ein hoher Gefafihals 
aufsetzt. Ob sie als Lampen oder als Kultgefafie aufzufassen sind, 
mufi dahingestellt bleiben. 

Sind die hier angedeuteten Ziige in bezug auf die Formgebung 
und Ornamentierung der Gefafte im allgemeinen auch fiir ganz 
Schlesien und z, T. sogar dariiber hinaus geltend, so lassen sich 
doch auch lokale Eigentiimlichkeiten erkennen. Besonders 
deutlich treten sie unter den Funden hervor, die aus dem nord- 
westlichen Schlesien, dem Kreise Freystadt und seinen Nachbar- 
gebieten, stammen. Diese GefalSe stehen dem von V06 gekenn- 
zeichneten Typus von Billendorf (im Kreise Sorau) nahe. Abgesehen 
von der gleichmaftig helleren Farbung, fallen sie durch ihren 
hochgestreck'ten Bau auf, der sich besonders an dem Halse und 
dem Henkel aufiert (Fig. 19;). Diese Eigenart scheinen dort schon 
die altesten GefaBe der Urnenfelder zu zeigen. 

6 



82 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Gewandnadeln 



Den hervorragenden Leistungen der damaligen Bewohner 
Schlesiens auf keramischem Gebiete lassen sich tiichtige Metall- 
ar be it en an die Seite stellen. Unter ihnen sind die Schmuck- 
sachen und Toilettengegenstande, wie schon unter den Funden 
der vorigen Periode, sehr viel zahlreicher vertreten als die Waffen. 
Wir konnen daraus schlieCen, dafi der friedliebende Charakter der 
Bevolkerung sich unverandert erhalten hat. 

Unter den Schmucksachen ist die Gewandnadel zwar nicht 
mehr so beliebt und formenreich wie in der vergangenen Periode, 
aber immerhin noch haufig im Gebrauch. Aus der Cbergangsform 
mit langem, geriefeltem Kopfende und verstarktem EndgUede 
(Fig. 200) entwickelt sich eine Nadel mit linsenformigem Kopf 

und gegliedertem 
Halse (Fig. 201 ), die 
bisweilen schon aus 
Eisen besteht. Eine 
andere Cbergangs- 
form ist die Nadel 
mit hoch umran- 
detem Scheiben- 
kopf(Fig. 198a, b,c). 
Der Rand ist an 
einer dieser Nadeln 
so erhoht, dali sie 
alsVorgangerin der 
Tiillenkopfnadel er- 
scheint (Fig. 199). 
Sie tragt auch wie 
diese als Ornament 
Bander vertikaler, 

horizontaler und 
schragerStriche auf 
Kopf und Hals. 
Eine Eigentumlichkeit beider Nadeln ist es auch, daft zuerst 
ihr Stiel hergestellt und auf ihn dann der Kopf in verlorener 
Form aufgegossen wurde. Gewohnliche Erscheinungen sind 
Nadeln, deren Kopf zu einer Ose umgeschlagen (Fig. 203) 
oder zu einer Spiralscheibe eingerollt ist (Fig. 202). Zu den 
haufigsten Fundstiicken gehoren auch die Schwanenhalsnadeln 
(Fig. 204), die am Kopfende eine doppelte Windung haben. 




198 — 204. Broiuenadeln, l/o. 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Nadeln. Fibeln 



83 




Fig. 205 — 20S. Broiizefibeln, i/j. 



Der Kopf der Schvvanenhalsnadeln ist gewohnlich reich prohliert 
Oder osenartig umgeschlagen; oft hat er auch die Form 
eines Knopfes oder einer Scheibe. Die letzteren Arten dieser 
Nadel treten meistens in Eisen auf und erhalten sich bis in die 
La Tenezeit, 

In der altesten Eisenzeit zeigen sich die Fibeln schon haufiger 
als friiher, und zwar in ganz neuen Formen. Mit der Gestalt 
einer Lyra vergleichbar sind einige Fibeln (Fig. 205), deren Nadel 
riicklings in eine lange 
Spiralrolle iibergeht, 
dann sich zuriick- 
wendet, um den Biigel 
zu bilden, und schliefi- 
lich seitwarts abbiegt, 
um die Nadelspitze zu 
halten und sich in 
eine groGe Spiral- 
scheibe zu verlaufen. 
Nadeln dieser Art, die 
mit ungarischen Formen verwandt sind, kommen in Schlesien 
nur mit bemalten Schalen und anderen Gefafien dieser Periode 
vor. Eine andere Gruppe bilden die italischen Biigelnadeln. 
Die Certosafibel (Fig. 206), die bereits einen Nadelfufi mit 
aufgerichtetem Knopfe hat, kommt in unsern Gegenden nur 
selten vor; in Oberitalien ist sie haufig und gehort nachweislich 
dem fijnften Jahrhundert v. Chr. an. Einige Biigelnadeln, die 
noch einen geraden, nicht nach oben aufgerichteten NadelfuG 
haben (Fig. 207), besitzen ein verwickelteres Kopfende als 
die Certosafibel: der ruckwartige Teil der Nadel rollt sich 
zunachst zu einigen Spiralwindungen auf, legt sich wie eine Arm- 
brustsehne nach der entgegengesetzten Seite um, bildet wieder 
einige Spiralwindungen, die sich nach der Mitte zu an die zuerst 
gebildeten anschlieCen, und tritt dann oberhalb der Sehne als 
Biigel heraus. Anderen Fibeln ist auGer dem armbrustformigen 
Kopfe und dem Nadelhalter mit aufgerichtetem FuGende eine 
Verdickung oder Verbreiterung des Biigels eigen (Fig. 208). 

Zahlreiche Funde verschiedenartig geformter Arm- und 
Halsringe sprechen dafur. dafi dieser Schmuck in der altesten 
Eisenzeit sehr beliebt war. Selbst Armspiralen treten noch auf 
(Fig. 209); sie bestehen aus einem Bronzeband, das der Lange 

6* 



84 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Arm- und Halsringe 



iiach einen gewolbten, scharf abgesetzten Riicken tragt und mit 

Punktreihen, Strichgruppen und umkreisten Punkten verziert ist. 

Eigenartige Formen stellen die wulstartigen, hohlen Ringe dar 

(Fig. 210), die vielleicht als Fufischmuck getragen wurden. Sie 





Fig. 209 und 210. Armschmuck. Bronze, '/3. 

sind sehr diinnwandig und auf der Innenseite der Lange nach 
offen. Ihr Ornament besteht in Gruppen von je drei feinen 
Vertikalrippen. Sie kommen geraeinsam mit alteren Formen dieser 
Periode vor, wie sie z. B. in Fig. 209 und 211 dargestellt sind. 
Verwandt mit ihnen sind diinnere Arm- und Halsringe, die 
gleichfalls hohl und auf der Innenseite offen sind (Fig. 212); 

ihre Enden lassen sich 
ineinander schieben. Auf 
ihnen treten die Vertikal- 
rippen schon mehr hervor, 
und die dazvvischen liegen- 
den Felder sind entweder 
mehr gewolbt oder mit 
rautenformig und kreuz- 
formig gestellten Furchen 
und tiefen, kleinen Kreisen 
besetzt, in denen der Mittel- 
punkt scharf bezeichnet ist. 
Viele Armringe, die in 
Bronze oder Eisen auf- 
treten, tragen auf den 

Fig. 21.-215. Hals- und Armschmuck, Bronze. Vertikal abgeSChnittenCn, 




XIII. Die alteste Eisenzeit. Arm- und Halsringe 



85 



nahe gegeneinander gestellten Enden (Fig. 213) oder auch auf der 
ganzen aufieren Seite abwechselnd Gruppen starker Querrippen 
und gewolbter Flachen; andere bestehen aus einem diinnen Reifen 
mit kugelformigen Enden (Fig. 215). Die tordierten Halsringe, die 
durch hakenformige Enden geschlossen werden (Fig. 21 1 ), sind altere 
Formen als die, welche an den Enden flache Kegel, Knopfe oder kleine 
Vasen tragen. Ringe dieser letzteren Art bestehen meistens aus Eisen 
undreichen ebensowie die eisernen Halsringe mit wechselnder Torsion 
(Fig. 214) wahrscheinlich bis in die La Tenezeit hinein. Andere 
Halsringe aus Bronze sind mit spiralig verlaufenden Furchen dicht 
besetzt und an den Enden stollenartig verdickt (Fig. 216). Mit 
ihnen treten Armbander auf, 
die mit tiefen Langsfurchen 
und an den Enden mit 
tiefen Querfurchen bedeckt 
sind (Fig. 217). In Posen 
sind die beiden letzteren 
Ringformen u. a. mit einer 
Certosafibel gefunden wor- 
den, wodurch sie als sehr 
junge Stiicke gekennzeich- 
net werden. 

Aufier alien diesen 
Nadeln, Fibeln, Hals- und 
Armringen war eine Menge 
K 1 e i n s c h m u c k in Ge- 
brauch. Sehr oft begegnet 
man kleinen, diinnen, halb- 
kugelformigen Osenknopfen 
ausBronze(Fig.233). Andere 
Schmuckknopfe bestehen aus Bronzeblech und sind durch getriebene 
konzentrische Kreise ornamentiert (Fig. 219, 220). Sie wurden durch 
zwei umgeschlagene Spitzen befestigt. Man schmuckte sich aber auch 
mit Perlen. Sie sind oft ringformig und bestehen aus Bernstein, 
blauem Glasflufi (Fig. 221) oder Emailmasse. Neben diesen wahr- 
scheinlich importierten Stucken trug man auch Perlen aus Ton 
und kleine Anhanger aus Ton (Fig. 222) oder Stein, die man 
selbst anfertigte. Als Schmuckgerate dienten auch Giirtelhaken 
(Fig. 223), die in dieser Periode zum ersten Male auftreten. Diese 
meistens aus Eisen hergestellten Gurtelschliefien waren mit den 




Fig. 214— 217. Hals- 11. Armschrauck. Bronze, 1/3; 215, '/j. 



86 



XIII. Die iilteste Eisenzeit. Ringe. " Toilettengegenstande 






schwalbenschwanzartigen En- 
den an dem Giirtel befestigt 
und griffen mit dem freien 
Haken in eine Ose, die an 
dem anderen Ende des Giirtels 
saC. Schnallen kannte man 
damals in Schlesien noch 
nicht. 

Mit der groften Vorliebe 
fiir den Schmuck verbanden 
die damaligen Bewohner einen 
gewissen Sinn fur Korper- 
pflege, der sich in dem Vor- 
kommen von Rasiermessern 
und anderen Toiletten- 
geraten auCert. Das Rasier- 
messer, das man ja schon 
seit der Zeit der Buckelurnen kannte (S. 58, 68), erscheint jetzt in 
zwei Formen. An einigen Messern (Fig. 224), die auf italische 
Vorbilder hinweisen, laufen Schneide und Riicken bogenformig in 
eine Spitze zusammen, wahrend das andere Ende in einen Griff mit 





Fig. 218 — 223. Nippzange, 1/2, Schmnckknopfe, 1/1, 

Bronze; Perle, '/i, Glas ; Anhanger, I/21 Ton; Giirtel- 

haken, 1,3, Eisen. 




Fig. 224 und 225. Rasiermesser, Bronze, 1 3. 



Ring iibergeht. Die zweite, grifflose Form (Fig. 225), deren 
bogenformige Schneide mit dem Riicken parallel lauft, erinnert 
an nordische Fundstucke. Wie diese Messer zum Rasieren 
des Barthaares dienten, wurden zierliche Nippzangen, die an der 
Kneifflache nur wenig breiter als am Stiel sind (Fig. 218), wahr- 
scheinlich zum Ausziehen von Haaren benutzt, die an irgend einer 
Stelle des Gesichtes nicht erwunscht waren. Bisweilen finden wir 
sie zu Garnituren verbunden mit einem gedrehten Stifte, der am 
Ende ausgehohlt und als Ohrloffel anzusehen ist, oder der 
schwalbenschwanzartig geteilt ist und zum Reinigen der Nagel 



XIII. Die alteste Eisenzeit. Waffen und Gerite 



87 



geeignet erscheint. Der Stab zeigt auch die Form eines spitzen 
Griffels; er hat dann vielleicht die Bestimmung einer Tatowier- 
nadel gehabt. 

Von den bisher besprochenen 
zahlreichen Gegenstanden sind die 
meisten aus Bronze hergestellt. Da6 
sie trotzdem schon zur Eisenzeit zu 
zahlen sind, wird uns klar, wenn wir 
die Zusammenstellung der Gerate 
und Waffen iibersehen, die fast aus- 
schliefilich aus Eisen bestehen. Sehr 
haufig sind die eisernen Messer. Ihre 
Spitze ist entweder nach unten ge- 
richtet oder nach oben geschweift 
(Fig. 228), und am Griffende befindet 
sich eine kurze Angel, die meist 
unabgesetzt in den Riicken iibergeht. 
Messer mit Schaftzunge sind schon 
selten. Die Tiillenaxt (Hohlceltj spielte 
damals, sei es als Gerat oder als 
Waffe, nicht mehr die grofie Rolle 
wie in der vorigen Periode. Sie ist 
stets aus Eisen (Fig. 230), ebenso wie 
die neu auftretende Sprossenaxt 
(Fig. 229), ein flaches Eisen mit Quer- 
armen am Schaftende. Die eigent- 
lichen Waffen sind nur durch eine 
Anzahl eiserner Lanzenspitzen mit 

Schafttulle(Fig. 227) und wenige eiserne Schwerter (Fig. 226) vertreten. 
Die letzteren gehoren dem Anfange der Periode an. Sie haben eine 
lange, in der Mitte etwas verbreiterte Klinge, einen geschweiften 
Griff, dessen unterer AbschluG gewolbt ist und im Innern einen 
tiefen bogenformigen Ausschnitt aufweist. 

Die Zeugnisse fiir den Gebrauch des Pferdes sind in dieser 
Periode nicht inehr so selten wie friiher. Wiederholt sind eiserne 
Gebisse vorgekommen. Ein besonders wertvoller Fund, der aus 
einem Paar Gebisse, zwci Pferdeketten und Pferdeschmuck, sowie 
aus anderen Bronzegegenstanden besteht, ist in Lorzendorf, Kreis 
Namslau, zu Tage getreten. Die Pferdegebisse (Fig. 231) bestehen 
aus einem zweigliedrigen Mittelstiick und zwei hufeisenformigen 




Fig. 226 — 250 



Waffen und Gerate, I/4; 
Schwert, 1/9. Eisen. 



88 



XIII. Die iilteste Eisenzeit. Pferdegeschirr 




Knebeln. Die Ketten (Fig. 234) setzen sich aus sechzehn Gliedern 
zusammen, die aus drei iind vier neben einandergestellten Staben 
bestehen und von quadratischen Rahmen zusammengehalten werden. 
Das Riemenzeug, das einst zu dem Gebisse gehorte, ist in der 

Erde verwittert; erhalten sind 
jedoch die grofien Schmuck- 
knopfe aus Bronze, mit denen es 
besetzt war. Ihre Form erinnert 
254 an den in Fig. 236a u. b ab- 
gebildeten Knopf, der gleichfalls 
Pferdeschmuck darstellt. Andere 
Schmuckstiicke des Pferdege- 
schirres waren stangenformig, 
oben reich profiliert, unten liach 
und mit zwei Osen versehen 
(Fig. 232). Zu demselben Zwecke 
wurden auch halbkugelformige, 
hohle Osenknopfe aus Bronze 
verwandt (Fig. 233), die sich von 
den in Grabern gefundenen 
Knopfen nur durch ihren krafti- 
geren Bau unterscheiden. 
Mit den besprochenen Teilen von Pferdegeschirren sind auch 
einige Bronzecisten gefunden worden. Diese eimerformigen 
Gefafie treten in zwei Arten auf. Die eine hat bewegliche, obere 
Henkel und zahlreiche gewolbte Horizontalrippen (Fig. 235), die 
andere ist mit festen, seitlichen Handhaben versehen und mit 
einer geringen Zahl horizontaler Rippen besetzt. Die Eimer mit 
beweglichen Henkeln sind die jiingeren und haben das Zentrum 
ihrer Verbreitung in Venetien, wahrend die mit festen Handhaben 
aus der Gegend von Bologna zu stammen scheinen. 

Dem Ende dieser Periode oder dem Anfange der nachsten 
gehort der Goldring von Vogelgesang, Kr. Nimptsch, an 
(Fig. 237). Er wurde mit zwei Goldbarren im Jahre 1821 gefunden 
und zwanzig Jahre spater aus dem Schlosse Sanssouci entwendet. 
Dank dem Interesse Biischings sind uns davon vvenigstens einige 
Nachbildungen und Zeichnungen erhalten worden. Die beiden 
Enden des Ringes stellen Lowenkopfe dar, die mit groGen ]\Iahnen 
in Gestalt griechischer Palmetten ausgestattet sind. In bezug auf 
das Material , die Form und das Ornament erscheint er als 



Fig. 231—256. 



Gebiss, l/g, Schmuck und Kette, I/3, 
Eimer, l/g. Bronze. 



XIII. Die iilteste Eisenzeit. Bronzecisten 



89 




Goldring von Vogelgesai]<», 1 o. 



ein Fremdling in den bisher 
besprochenen Gruppen von 
Fundstucken. Seine Heimat 
ist am Schwarzen Meere zu 
suchen, wo sich durch den 
Verkehr skythischer Stamme 
mit griechischen Kolonisten 
eine eigentiimliche Mischkunst 
gebildet hatte. Sie brachte 
viele kostbare Goldschmuck- 
sachen und andere Metall- 

arbeiten mit klassischer 
Ornamentik und barbarischen 
Tiermotiven hervor. Erzeug- 
nisse dieser Art lassen sich vom Schwarzen Meere durch Sieben- 
biirgen, Ungarn, Galizien bis nach der Niederlausitz verfolgen, 
wo in Vettersfelde ein besonders grofiartiger Fund zu Tage 
getreten ist. Mag man diese Funde durdi Handelsbeziehungen, 
Beuteziige oder, wie es von einigen geschehen ist, durch Einfalle 
der Skythen selbst erklaren, jedenfalls beweist der Goldring von 
Vogelgesang, daft auch Schlesien von skythischer Kultur beriihrt 
worden ist. 

Die Gruppe der Altertiimer, die uns ein Bild von dem 
hauslichen Leben geben, ist bei der Seltenheit von Wohn- 
stattenfunden immer noch recht durftig. Es gehoren dazu u. a. 
die stets wiederkehrenden Tonwirtel und Webegewichte (S. 37). 
Als neue Erscheinungen seien eiserne Reifen und Henkel von 
verwitterten Holzeimern erwahnt. Bemerkenswert ist es, daC in 
dieser Periode der Roggen zum ersten Male auftritt, wie Professor 
Pax an Halmabdriicken auf einem TongefaCe hat feststellen konnen. 
Neu und auffallend ist in dieser Zeit auch das Auftreten der 
drehbaren Miihlsteine. In Beichau, Kr. Glogau, waren namlich zur 
Steinsetzung eines Grabes zwei Bodensteine einer drehbaren Hand- 
miihle benutzt worden. Sie unterscheiden sich von denen der 
letzten vorgeschichtlichen Periode (Fig. 331) dadurch, dafi sie sehr 
viel dicker und nicht vollkommen durchbohrt sind; nur eine Ver- 
tiefung befindet sich in der zentralen Erhebung der Mahlflache. 
In sie wurde die Stange eingesetzt, urn die der durchbohrte 
Laufstein gedreht wurde. 



90 



XIII. Die iilteste Eisenzeit. Haushalt. Ruckblick 



Ein Ruckblick auf die Gesamtheit der Altertiimer dieser 
Periode zeigt uns nicht nur fremde Erzeugnisse von verhaltnis- 
mafiig hohem Werte, sondern auch hervorragende einheimische 
Leistungen in bemerkenswerter Zahl. Die damalige Bevolkerung 
Schlesiens erfreute sich offenbar eines gewissen Wohlstandes. Ihr 
Besitz war seit ihrem Einzuge in Schlesien, d. h. im Laufe von 
mehr als einem Jahrtausend bestandig gewachsen, und mit ihm 
hatte sich auch ihre schaffende Kraft mehr und mehr entfaltet. 
Sie iibte auf dem Gebiete der Keramik wie der Metallarbeiten 
die von den Vorfahren ererbten Fertigkeiten, indem sie die her- 
kommHchen jMuster allmahlich weiter ausgestaltete; sie eignete 
sich jedoch unter dem Einflusse fremder, meist siidHcher Vorbilder 
auch neue Arten der Herstellung, der Formgebung und der Ver- 
zierung an. Dabei erhob sie ihre bisherige handwerksmaCige 
Tatigkeit ofters zu einem freien^ mehr kiinstlerischen Schaffen. 
Zugleich entwickelten sich ihre reUgiosen Anschauungen, die sich 
nun in verschiedenen Formen auch auCerlich kund gaben. Dieser 
kulturelle Aufschwung war allem Anscheine nach dadurch begiinstigt 
worden, daft die friedUche Beschaftigung des Volkes durch keine 
grofieren Kriegswirren oder politischen Umwalzungen gestort wurde. 
Seit seiner Ansiedlung in Schlesien war es auch an Zahl nicht 
unbetrachtlich gewachsen. Aufier einem Bezirk im siidostlichen 
Oberschlesien und den Gebieten, die wegen ihres bergigen 
Charakters oder sumpfigen Untergrundes damals zur Besiedlung un- 
geeignet waren, hatte es im Laufe der Zeit ganz Schlesien ein- 
genommen; am dichtesten wohnte es allerdings in dem alten Kultur- 
lande, das sich zwischen dem Zobten und der Oder bei Breslau 
hinzieht. 

L I T E R A T U R 
Ausser den auf S. 73 angefiihrten Schriften: Oscar Montelius, Das erste 
Auftreten des Eisens. Correspond. -Blatt XXXI, 1900. — Moritz Hoernes, Die 
Hallstattpsriode. Archiv f. Anthrop. 1905. — Martin Zimmer, Die bemalten 
Tongefdsfie Schlesiens. Breslau 1889. — Lindensch.midt, Altertiimer unserer 
heidnischm Yorzeit. Bd. I V. T. 50. — Conwen'tz, Bildliclie Darstellungen von 
Tieren, Menschen, Bdumen tmd Wagen an westpreussischen Grdberunien. Schrift. 
d. naturf. Gesellsch. in Danzig, N. F. VIII, 3. 1894. — H. Seger, Bildliclie 
Darstellungen auf schlesischen Grahgefdssen. Globus 1897: Grabftmde aus 
Peisterivitz, Kr. Ohlau. Schles. Vorz. N. F. II: Die Urne von Lalise. Schles. 
Vorz. VII. Fundchronik. — W. Grempler, Die Bronzefnnde von Lorzendorf, 
Kr. Xamslau. Schles. Vorz. VII; Etruskische Bronzegefdsse als Vorbilder vorge- 
schichtlicher Topferarbeiten. Schles. Vorz. X. F. II: Die Bronzeciste von Klein- 



XIV. Die altere vorromische Eisetizeit 



91 



Zbllnig, Kr. Oels. Schles. Vorz. N. F. TIL — H. Soehn'el. Tkrfiffuren nus 
schlesisdiai Grabern. Schles. Vorz. VI. — P. Reinecke, Der Goldring von Togel- 
gesang. Schles. Vorz. TIL — O. W'ilpert, Die Axcsgrahungen bei Adamowitz. Kr. 
Gross- Strehlitz. Schles. Vorz. V. — Pax, Ftmd prdhistorischer Pflanzen atis 
Schlesien. Ber. d. Schles. Ges. f. vaterl. Cultur 1902. — A. Voss, Keramische 
StUarten der Frovinz Brandenburg und benachbarter Gebiete. Zeitschrift fiir 
Ethnologic. 1903. 



XIV. Die altere vorromische Eisenzeit 

Um die Mitte des letzten Jahrtausends v. Chr. war auf 
keltischem Boden eine neue, eigenartige Kultur entstanden. Sie 
hatte sich wahrscheinlich in Frankreich unter griechisch-italischem 
Einflusse gebildet und dehnte sich von dort nicht nur iiber das 
von keltischen Volkern besetzte Gebiet aus. zu dem die Schweiz, 
Siiddeutschland, Osterreich und Bohmen, sowie Belgien und 
England gehorten, sondern folgte ihnen audi auf ihren Eroberungs- 
ziigen nach Italien, Ungarn und dariiber hinaus; ja selbst die 
Gegenden, die nie von einem keltischen FuCe betreten worden 
sind, wie das germanische Nordostdeutschland und Skandinavien, 
wurden von dieser Kultur erobert. Unter ihrem Einflusse 
entwickelte sich die Eisenindustrie im mittleren und nordlichen 
Europa zu hoher Bliite. Aus Eisen wurden nun nicht nur 
Waffen und Gerate wie friiher, sondern auch zierliche Schmuck- 
sachen gearbeitet. Die Herrschaft der neuen Kultur fallt in 
unseren Gegenden etwa in die letzten vier bis fiinf Jahrhunderte 
V. Chr. Diese Periode erreicht ihr Ende, als sich romischer Ein- 
flu6 geltend zu machen beginnt; man bezeichnet sie daher auch 
als die vorromische Eisenzeit. Den Namen La Tenezeit fiihrt sie 
nach der Untiefe bei dem Dorfe Marin am Nordende des Neuen- 
burger Sees in der Schweiz, wo eine militarische Niederlassung 
mit zahlreichen Geraten aus dem jiingeren Abschnitte dieser 
Periode aufgedeckt wurde. 

In Schlesien hat man den neuen Formenkreis in einer Anzahl 
von Grab- und Einzelfunden festgestellt. Das Fundmaterial ist 
jedoch im Vergleich zu den grofien Mengen von Altertumern, die 
wir aus der Zeit der jungsten Graberfelder von so vielen Fund- 
platzen besitzen, verschwindend klein, so dafi das Land nur'schwach 
bewohnt erscheint. Unzweifelhaft sind gegen Ende der vorigen 



Q2 XIV. Die altere vorromische Eisenzeit. Skelettgriiber 

Periode in der Besiedlung Schlesiens groGe Veranderungen vor 
sich gegangen. Die alte Bevolkerung ist dem Anscheine nach 
zum groCten Tell verschwunden; Spuren von ihr scheinen sich 
in dem gemeinsamen Vorkommen von schlesischen Typen der 
jiingsten Urnenfelderzeit und von La Teneformen erhalten zu 
haben. Andererseits treten zu Beginn dieser Periode einige Funde 
auf, die sich diirch allgemeine Kulturiibertragung nicht geniigend 
erklaren lassen und auf Einwanderungen hinweisen. 

Die La Tenezeit lafit sich in Schlesien in einen alteren und 
einen jiingeren Abschnitt einteilen. Unter den Funden der 
alteren La Tenezeit heben sich zwei Gruppen von einander 
ab. Zu der ersten Gruppe gehoren Skelettgraber, wie z. B. 
die BUS Oberhof, Kentschkau und Merzdorf, Kr. Breslau, Lorzen- 
dorf, Kr. Ohlau, Langenau, Kr. Leobschiitz. Sie liegen, wie schon 
die Skelettgraber aus dem Ende der vorigen Periode (S. 75) im 
siidlichen Schlesien. Die Art der Bestattung hat sich gut an dem 
reich ausgestatteten Grabe in Oberhof beobachten lassen. Das 
Skelett fand man 1,5 m tief im Boden auf dem Riicken liegend, 
den Kopf nach Norden gerichtet und die Arme an den Seiten des 
Korpers ausgestreckt. Bronzeringe schmiickten Arm- und Fufi- 
gelenke, zwei Bronzefibeln lagen auf der Brust, ein Ring fand 
sich in der Hiiftgegend, und ein Tongefafi stand rechts vom 
Kopfe. 

Die Grabbeigaben sind im ganzen von denen der friiheren 
Periode verschieden, lassen jedoch vielfach eine gewisse Ver- 
wandtschaft mit ihnen erkennen. Die alteren LaTene-Fibeln 
z. B. (Fig. 238) werden durch das Schluftstiick, das am Nadelfufi 
gegen den Biigel zuriickgeschlagen ist, als Weiterbildungen von 
Fibeln der vorigen Periode gekennzeichnet (Fig. 208); an diesen ist 
das SchluGstiick nur erhoht. An den La Tene-Fibeln nimmt es 
bisweilen die Form von Scheiben oder Tierkopfen an. Die Spirale 
ist stets zu beiden Seiten der Nadel angeordnet und tragt 
meist eine obere Sehne. Die langgestielten Gewandnadeln sind 
in dieser Gruppe noch nicht beobachtet worden; dagegen 
erinnert ein diinner, unverzierter Hals ring aus Bronze mit 
hakenformigen Enden durchaus an Formen der vorhergehenden 
Periode (Fig. 211). Auch viele Armringe der La Tenezeit er- 
scheinen in ihrer perlstabartigen Gliederung (Fig. 240) als Um- 
bildungen alterer Ringformen. Die einzelnen Verdickungen treten 
an manchen Ringen auseinander und werden zu dicken Knopfen 



XIV. Die iiltere vorromische Eisenzeit. Fibeln. Schmuck 



93 



(Fig. 241) Oder zu grofien Zierscheiben. Die Neigung, in die 
Verzierung figiirliche Motive aufzunehmen, tritt nicht nur an 
Fibeln, sondern auch an gegliederten Armringen hervor (Fig. 240). 
In den verdickten SchluBstiicken befinden sich ofters Hohlungen, 
die vielleicht mit einem Glastiufi ausgefiilll waren. Eigen- 
tiimlich ist ein hohl gegossener Armring, def- ahnlich den Bronze- 
blechringen der vorigen Periode auf der Innenseite offen ist 
(Fig. 239a, b). Er besteht aus zwei Teilen, von denen der kleinere 




Fig. 238 — 241. Schmuck. Bronze, ' 



nach dem Anlegen des Ringes in den grolieren eingelassen und 
durch eine Niete festgehalten werden kann. Verwandt mit ihm 
sind kronenartige Ringe mit Scharnierverschlufi. Ein in Schlesien 
auffallendes Fundstiick ist ein glatter, kreisrunder, geschlossener 
Ring von fast rundem Querschnitt, der aus Lignit, einer Art 
Braunkohle, besteht. In Bohmen sind Ringe aus Lignit nicht 
selten; in westHchen, gleichfalls von Kelten bewohnten Gegenden 
wurde zu diesem Zwecke ein ahnlicher Stoff verwendet. Von 
Schmucksachen besitzen wir aus dieser Gruppe ferner noch Perlen 
aus Glas und Bernstein, durchbohrte Anhanger und Schmuckketten 
aus kleinen Bronzeringen. Eine eiserne Lanzenspitze, die durch 
ihre lange SchafttiiUe auffaUt, ist die einzige Waffe, die mit Fund- 
stiicken dieser Gruppe vorgekommen ist. 

Die Gefafie aus den Skelettgrabern sind vvenig zahheich; 
besonders bemerkenswert sind unter ihnen zwei Typen. Ein 
henkelloser, eiformiger Topf mit rauher Oberfiache, dor von einer 
mit Eindriicken versehenen Halsleiste umgeben wird (Fig. 242), 
erinnert an Gefafie der jungsten Urncnfclder. Eine fremdartige, 
vvahrscheinHch auf sudHche Einfliisse zuriickzufiihrende Form stellen 



94 



XIV. Die altere vorromische Eisenzeit. Tongefafie 





Fig. 242 — 245. Tongeftsse der alteren La Tenezeit, etwa '/fi_ 



dagegen aufierst sorgfaltig 
unci regelmafiig gearbeitete, 
schwarze, henkellose Topfe 
mit ausladendem Rande dar 
(Fig. 243 j; das abgebildete 
Gefafi aus Oberhof tragt 
unterhalb des Randes einen 
von innen herausgehobenen 
Langswulst. In ihm tritt 
uns zum ersten Male 
eineDrehscheibenarbeitent- 
gegen. Die Benutzung der 
Topferscheibe lafit sich fur 
die La Tenezeit nur in ein- 
zelnen Fallen nachweisen; 
allgemeine Aufnahme findet 
sie erst in der letzten 
Periode der vorgeschicht- 
lichen Zeit (S. 140). 
Unter den aus Skelettgrabern stammenden Funden zeigt der 
von Oberhof in alien seinen Bestandteilen seiche enge Beziehungen 
zu bohmischen Grabfunden, die auf die keltischen Bojer zuriick- 
gefiihrt werden, dafi wir annehmen miissen, auch er riihre von 
Angehorigen dieses Volksstammes her. Er spricht dafur, dafi 
Bojer aus dem nordlichen Bohmen wahrend der alteren La Tene- 
zeit einen VorstofS nach dem benachbarten siidlichen Schlesien 
gemacht haben. Die iibrigen Funde weisen weniger bestimmt auf 
die Einwanderung eines fremden Volkes hin, denn die in ihnen 
vertretenen neuen Formen konnen zu den Bewohnern Schlesiens 
sehr wohl auch durch einen Handelsverkehr mit den im Suden 
wohnenden Kelten gedrungen sein. Bemerkenswert ist es, da6 die 
sogenannten Regenbogenschiisselchen, barbarische Nachbildungen 
griechischer und makedonischer Miinzen, die in Bohmen und 
anderen keltischen Gebieten haufig sind, in Schlesien fehlen. 

Die zweite Gruppe " von Funden der alteren La Tenezeit 
stammt aus Brandgrabern, die hauptsachlich dem nordlichen 
Telle von Schlesien angehoren, wie z. B. die von Carlsruhe, Kr. 
Steinau, Kauhvitz, Kr. Namslau, Grofi-Peterwitz, Kr. Trebnitz, 
Wittgendorf, Kr. Sprottau, Zocklau, Kr. Freystadt. Die Reste der 
verbrannten Leiche sind in einer Urne enthalten, und diese findet 



XIV.- Die altera vorromische Eisenzeit. Brandsrraber 



95 



sich. bisweilen im Verein mit Beigefafien, von grofien Steinen uni- 
packt oder in regelrechten Steinkisten beigesetzt (Fig. 246), wie sie 
hauptsachlich in einem Teile von Westpreufien Branch waren. 
Manche TongefaGe erinnern an Typen der jiingsten Urnenfelder, 
wie z. B. die ungegliederte, ausgebauchte Form (Fig. 244) oder das 
rauhe, eiformige Gefafi mit Halswulst (Fig. 242), das wir schon 
unter den Gefafien der Skelettgraber erwahnten. 



^^ ^ ^ -■k^^.-J^V^^ 'j!^:.-...^*! 




Fig, 246. Steinkiste von Zocklau, Kr. Freystadt, 1/13. 



Durchaus neue GefaiSformen stellen in den Brandgrabern die 
Gesichtsurnen dar (Fig. 245). Sie haben meist einen grolSen, 
kreiseUormigen Korper, von dem sich ein hoher Hals abhebt. 
Auf diesem befinden sich Teile des menschlichen Gesichtes, 
wie Nase, Augen, Ohren und Mund, mehr oder weniger geschickt, 
jedoch stets ganz unverkennbar nachgebildet. Darunter sind 
bisweilen Zeichnungen eingeritzt, die Schmuck darstellen. Die 
abgebildete Urne tragt einen guirlandenformigen Halsschmuck; 
auf zwei anderen Gefafien finden sich Nadeln mit groBem, kreis- 
formigem Kopfe dargestellt. Die Gesichtsurnen, aber auch andere 
Gefafie dieser Gruppe, tragen ofters einen miitzenformigen Deckel 
(Fig. 245) oder statt seiner einen halbkugelformigen Napf. Ihre 
Heimat ist das westlich von der Weichsel gelegene WestpreulSen 
mit den angrenzenden Gebieten, wo man sie in Steinkistengrabern 
beigesetzt findet. Seltener treffen wir sie in Posen und noch 
seltener in Schlesien, wo bisher sieben Exemplare festgestellt sind. 
In den iibrigen Provinzen des nordostlichen Deutschlands treten 
sie nur ganz vereinzelt auf. Wahrend die Gesichtsurnen West- 
preufiens der jiingsten Hallstattzeit angehoren, reichen dieschlesischen 
Funde dem Anscheine nach schon in die La Tcnezeit hiniiber. 



q6 XV. Die jiingere vorromische Eisenzeit 

In ihrer Begleitung wurde u. a. eine eiserne, armbrustartige La Tene- 
Fibel mit zuriickgeschlagenem Fu6e und unterer Sehne und ein 
eiserner, perlschnurformiger Ring gefunden, wie er im skandi- 
navischen Norden wahrend der La Tenezeit als GiirtelschlieCe 
getragen wurde. Soweit wir heute urteilen konnen, weisen die 
eigentiimlichen Erscheinungen der Gesichtsurnen und der Stein- 
kistengraber auf eine Einwanderung aus dem Norden, die statt- 
fand, als in Schlesien die ersten La Teneformen aus dem Siiden 
bereits Eingang gefunden batten. Wahrscheinlich begann damals 
das Vordringen der germanischen Bevolkerung, die fiir die Zeit 
urn Christi Geburt in unseren Gegenden durch romische Schrift- 
steller bezeugt ist. Vielleicht wurde nun auch schon der 
ostpreuftische Bernstein bekannt und als Handelsartikel gesucht, 
wie es der jiitische schon seit der Steinzeit war (S. 26)." 



XV. Die jiingere vorromische Eisenzeit 

Aus dem jiingeren Abschnitte der La Tenezeit, der sich in 
Schlesien noch nicht, wie in einigen anderen Gegenden, in zwei 
Teile zerlegen laCt, besitzen wir aufier mehreren Einzelfunden 
einige Graberfelder von mafiiger Ausdehnung; sie gehoren haupt- 
sachlich dem nordlichen Schlesien an. Die auf diesen Fund- 
statten beobachtete Bestattungsweise ist nicht gleichartig, 
obgleich bisher immer nur Brandgraber zu Tage getreten sind. 
In ZoUing, Kr. Freystadt, z. B. stand in jedem Grabe eine 
mit einer Schiissel bedeckte Urne, welche die sparlichen Knochen- 
reste und zum Teil auch die Beigaben enthielt. In Zeippern, 
Kr. Guhrau, und dem benachbarten Schlichtingsheim, Kr. Fraustadt, 
fanden sich dagegen Brandgruben, breite, steilwandige Vertiefungen 
von rundlicher Form, die einen schwarzen, von Kohlenstaub durch- 
setzten Sand, diirftige Reste von Knochenbrand, dazu Scherben 
oder ganze Gefafie und Eisenbeigaben enthielten. Einzelne 
Kohlenstiicke schienen von Fichtenholz zu sein; auch verkohlte 
Haselniisse kamen vor. Die Anlage solcher Brandgruben war 
wahrend der La Tene- und friihromischen Zeit im germanischen 
Norden Branch; besonders zahlreich sind sie in Bornholm auf- 
gedeckt worden. 



XV. Die jiingere vorromische Eisenzeit 



97 



Die Tongefafie haben mit der Keramik der alteren La Tene- 
periode oder der der jungsten Urnenfelder keine Ahnlichkeit. 
Viele sind durch gefallige Form, sorgfaltige Arbeit und eigenartige 
Ornamente ausgezeichnet. Mehrere gut gearbeitete Gefafte. die 
wahrscheinlich auf der Topferscheibe angefertigt sind, haben einen 
birnformigen Korper und einen engen Hals, der von einem breiten 
Randwulst eingefafit ist (Fig. 250). An diesen setzt sich oft der 





249 




Fig. 247 — 2;o. Tongefiisse der jungeren La Tinezeit, etwa 1/4- 



obere Teil eines kleinen Henkels, der knieformig gebogen und 
eine Xformige, an den Ansatzstellen verbreiterte Gestalt hat. 
Auch an anderen Gefafien begegnet man dieser charakteristischen 
Henkelform, z. B. an den halbovalen Topfen mit stark iibertreten- 
dem Randwulst (Fig. 247). Ornamente fehlen gewohnlich auf den 
Gefafien; wo sie auftreten, haben sie P^ormen, die von den bisher 
beobachteten verschieden sind. Auf dem abgcbildeten Topfe 
finden wir z. B. zwischen zwei 
horizontalen Linien zahlrciche 
Punkte, schrag sich kreuzende 
Linien und ein nach links ge- 
richtetes Hakenkreuz (Fig. 251). 




98 



XV. Die jiJngere vorromische Eisenzeit. TongefaCe. Fibeln 



Auf der aufieren Bodenflache eines anderen GefaCes stellt ein 
dicht gestricheltes, von zwei Linien begrenztes Band ebenfalls ein 
Hakenkreuz dar. Dieses weit verbreitete Zeichen stammt aus dem 
Orient und scheint iiberall, wo es auftritt, einen religiosen Sinn 
gehabt zu haben (S. 79). Bemerkenswert ist in dieser Periode 
auch das Auftreten des Maanders (Fig. 249), eines Ornamentes, 
das seinen Namen dem durch seine zahlreichen Windungen 
bekannten Flusse Maander in Kleinasien verdankt. Die eckigen 
Bander dieser Verzierungsart sind auf den schlesischen Fund- 
stiicken durch kurze, schrage Striche schraffiert. Sie tritt 
besonders oft in der nachsten Periode, der romischen, auf; in 
Griechenland und Italien ist sie jedoch schon sehr viel friiher 
bekannt. Verwandte Motive, aus denen sich der Maander in 
den ostlichen Mittelmeerlandern gebildet hat, sahen wir bereits 
an steinzeitlichen Gefafien Schlesiens (S. 24, Fig. 19). An den 
besprochenen La Tenegefafien deuten die knieformigen Henkel, 
das Maanderornament, das Hakenkreuz und zum Teil auch die 
Gefafiform auf siidliche Einfliisse hin. Anderseits finden wir fiir 
einen kleinen schwarzen Napf mit Vertikalrippen (Fig. 248) ver- 
wandte Formen im Norden. 

Die Metallarbeiten der jiingeren La Tenezeit bestehen fast 
ausschliefilich aus Eisen. Unter den Schmucksachen sind die 
langgestielten Nadeln, die auf den Urnenfeldern der fruheren 
Perioden so hilufig waren, nur diirftig vertreten; an jene Zeit er- 
innert jedoch noch u. a. eine eiserne Nadel mit spiralscheiben- 
formigem Kopf. Die Fibeln dieses Ab- 
schnittes unterscheiden sich von denen des 
vorigen (Fig, 238] wesentlich dadurch, daft 
das nach oben zuruckgeschlagene Schluftstiick 
nun den Bugel umfafit (Fig. 252) und in der 
jiingsten Zeit mit ihm sogar organisch ver- 
wachst (Fig. 253), sodaft Nadelhalter, Schlufi- 
stiick und Biigel einen Rahmen bilden. Alle 
diese Fundstiicke haben eine obere Sehne 
und bestehen nur aus einem Stiick. Manche 
Fibeln erscheinen reich ausgestattet; an einer 
z. B. ist das SchluCstiick mit zwei Kugehi 
verziert, an einer anderen, die aus Bronze besteht, wird der breite 
Biigel von einem Schlufistiick umklammert, das mit Korallen oder 
einer Emailmasse besetzt ist. 




Fig, 252 und 253. 
JiingereLaTenefibeln. Eisen, 1/2. 



XV. Die jungere vorromische Eisenzeit. Gerate 



99 



Hals- und Armschmuck tritt verhaltnismiifiig selten auf. Ein 
Halsring, der wie die iibrigen vorhandenen Ringe tordiert ist und 
aus Eisen besteht, wird durch knopfformige Haken geschlossen. 
Auch in diesem Ringe und manchen ahnlichen Fundstiicken scheinen 
sich Reste der bodenstandigen Kultur aus der Zeit der jiingsten 
Urnenfelder erhalten zu haben (vgl. Fig. 213, 214). Haufiger wurden 
in der jiingeren La Tenezeit Giirtelhaken getragen; bald sind sie 
kurz mit seitlichen Sprossen, bald langgestreckt mit einer Ose am 
breiteren Ende (Fig.259), an das sich friiher wahrscheinlich ein zweites 
died scharnierartig anschlofi. Ein eiserner Giirtelbeschlag ist mit 
Reihen herausgetriebener Punkte verziert. Zum SchlieGen des 
Giirtels bediente man sich in dieser Zeit zum ersten Male auch 
der Schnalle (Fig. 255). 




Fig. 2)4— 260. Schildbuckel, Schnalle, Schere, 1/4; Schwert und Scheide, 1,6; Giirtelhaken, I/3; 

Messer, 1/0. Eisen. 

Pinzetten waren in der vorromischen Eisenseit ebenso wie 
fruher in Gebrauch (Fig. 218). Als eine neue Erscheinung treten 
eingliedrige Scheren in Form unserer Schafscheren auf (Fig. 256). 
Sie waren wie die Pinzetten Toiletten gerate und wurden zum 
Kiirzen des Haupt- oder Barthaares benutzt. Auch die Rasier- 
messer haben sich erhalten, sie bestehen jetzt aber aus Eisen. 
Ein henkelloses Messer, dessen bogenformiger Rucken zur Schneide 

7* 



jQO XV. Die jiingere vorromische Eisenzeit. Waffen 



parallel laiift, stimmt mit einem Typus der jungsten Graberfelder 
uberein (Fig. 225); ebenso scheint das Messer, das sich aus einer 
spitzen, stark nach oben geschweiften Klinge und einem bogen- 
formigen Griff mit Ose zusammensetzt (Fig. 260J, einer Form aus 
der altesten Eisenzeit zu entsprechen (Fig. 224). Neben den zier- 
lichen Messern kommen haufig kraftige Exemplare, die urspriinglich 
wohl fur den Gebrauch im Haushalte bestimmt waren, als Grab- 
beigaben vor. Nur ausnahmsweise ist ihre Klinge so geschweift 
wie an Messern der jiingeren und jungsten Graberfelder; meist 
haben sie einen geraden Riicken, der an dem Cbergange zur 
Angel einen leichten Vorsprung oder Absatz tragt und bisvveilen 
schon an die der romischen Periode eigene Form erinnert 
(Fig. 283). 

Einige groCe Messer, die wie ein Dolch in der Scheide ge- 
tragen wurden, dienten hauptsachlich als Waffen. Das Schwert 
hat jetzt eine lange, verhaltnismaCig schmale Klinge mit 
parallelen Schneiden und spitzbogenformigem Ende 
(Fig. 257). Eigentiimlich ist ihm ein glockenformiger 
Bogen an dem Cbergange der Klinge in die Griffangel. 
Die Schwertscheide besteht aus zwei gewolbten eisernen 
Blechplatten, die am Mundstiick wiederum den eigen- 
artigen glockenformigen Schnitt zeigen (Fig. 258). Eine 
breite, aufgenietete Ose nahm den Riemen auf, an dem 
die Scheide getragen wurde. In dem abgebildeten ver- 
bogenen Schwerte auGert sich die Sitte dieser Zeit, die 
Waffen, die man dem Toten ins Grab gab, durch Ver- 
biegen so unbrauchbar zu machen, dafi sie niemals 
wieder benutzt werden konnten. Die Lanzenspitzen 
bestehen aus einem grofien lanzettformigen Blatt mit 
scharfem Mittelgrat und einer kurzen konischen Tiille 
(Fig. 261). Bisweilen verzierte man die Waffen mit 
zahlreichen flachen, verschiedenartig geformten Ver- 
tiefungen, die man jedoch nicht mit dem Meifiel ein- 
schlug, sondern durch Atzung erzeugte. Zu diesem 
Fig. 261. Zwecke bediente man sich iedenfalls einer organischen 

GcJtzte Lanzen- -■ ° 

spitze. Eisen,i/4- Saurc. Man iiberzog den zu atzenden Eisengegenstand 
mit einem die Saure abhaltenden Stoffe, grub aus diesem die 
geplanten Ornamente aus und legte das ganze in die Saure, die 
nun an den Stellen, wo sie mit dem Eisen in Beriihrung kam, 
Vertiefungen hervorbrachte. Zum ersten Male treten jetzt in Schlesien 



XVI. Die romische Eisenzeit loi 



Schutzwaffen auf, grofie eiseine Schildbuckel mit breitem Rande 
(Fig. 254), die das Mittelstiick von Schilden bildeten und durch Nagel 
mit breitem Scheibenkopf befestigt warden. Auf der Innenseite des 
Schildes iiber einer vom Buckel gedeckten Offnung befand sich die 
Schildfessei, ein Griff, der mit einem eisernen Beschlag versehen war. 
Im allgemeinen treten in Schlesien unter den Metallgegenstanden 
der jiingeren La Tenezeit die Waffen sehr viel mehr in den Vorder- 
grund als zu den Zeiten der schlesischen Urnenfelder; wir durfen 
daraus schliefien, daft in dem Leben der neuen Bevolkerung, die 
allem Anscheine nach ostgermanischer Herkunft war, der Kampf 
eine viel grofiere Rolle spielte als in dem der fruheren Bewohner. 
Aus den vielen gut geschmiedeten, geschmackvoll geformten und 
auch im einzelnen fein gearbeiteten Eisengeriiten, die bisweilen reich 
ornamentiert sind, ersehen wir, daih die Eisenindustrie der La Tene- 
zeit auch in Schlesien hoch entwickelt war. 

L I T E R A T U R zu Kap. XIV und X\' 
H. Seger, Schlesische Fimde der vorromischen Eisenzeit. Schles. Vorz. VI; 
Fund von Kauhcitz, Kr. Namslan. u. a. Schles. Vorz. VIT. Fundchronik ; 
Ein Begrcihnisplatz der mittleren La Tenezeit. Schles. Vorz. X. F. II; Der 
G-rahfund von Oberhof, Kr. Breslau. Schles. Vorz. X. F. III. — G. Kossinna, 
Zur Arcliaologie der Ostgermanen. Zeitschr. f. Ethnol. 1905. — Sophus MCller, 
Urgeschichte Enropas. Strassburg 1905. — Olshausex, Gesichtsurnen. Verhandl. 
d. Berlin . anthrop. G esellsih. 1899. — A. Lissauer, Die prdhistorischen Denhnaler 
der Provinz Westpreussen. Leipzig 1887. — Otto Tischlli?, Uber Gliedcrung 
der La Tene-Pericde und iiber die Dekorierung der Eisenwaffe7i in dieser Zeit. 
Corresp. Blatt 1885. — Oscar Mon'telius, Den nordiska jernalderns kronologi. 
Svetiska Fornminne^f. Tidskr. IX. 



XVI. Die romische Eisenzeit 

Als zu Beginn unserer Zeitrechnung das romische VVeltreich 
seine Grenzen bis zum Rhein und zur Donau vorgeriickt hatte, 
gaben die neugegriindeten Provinzen ihre Beziehungen zu den 
nordlichen Landern auf und wurden zu Pflanzstatten romischer 
Kultur, die sich hier unter dem Einflusse des cinheimischen 
keltischen Gewerbefleisses vielfach eigenartig entwickelte. Die 
Versuche romischer Herrscher, auch Deutschland ihrer Macht zu 
unterwerfen, das sich vom Rhein bis zur Weichsel und von der 
Donau bis zur Ostsee erstreckte, waren nur von geringem, voruber- 
gehendem Erfolge. Am langsten erhielt sich ihre Herrschaft im 



I02 XYl. Die romische Eisenzeit. Geschichtliche Zeugnisse 

siidwestlichen Deutschland innerhalb des vom mittleren Rhein 
nach der oberen Donau fiihrenden Grenzstreifens (limes), den sie 
als Grenzsperre gegeniiber ihren germanischen Nachbarn mit 
Wallen, Graben, Pfahlreihen, Kastellen und StraCen ausgestattet 
hatten. Im Laufe des dritten Jahrhunderts mufiten sie jedoch auch 
dieses Gebiet aufgeben. 

Weiteireichend war die Eroberung durch romische Kaufleute, 
die besonders seit der Zeit Neros (54 — 68 n. Chr.) mit den 
deutschen Volkern in Handelsverkehr traten, romische Gerate in 
grofier Zahl bis nach dem skandinavischen Norden importierten 
und dadurch auch die hier herrschende La Tenekultur in ihrer 
Entwicklung beeinflufiten. In Deutschland haben die Funde, die 
dem so entstandenen neuen Formenkreise angehoren, zwar im 
ganzen einen einheitlichen Charakter, enthalten jedoch auch einzelne 
Ziige, nach denen sich das Kulturgebiet in eine westliche und eine 
ostliche Provinz teilen laCt. Die erstere reicht bis zur Elbe, die 
letztere wird von dem Oder- und Weichselgebiet gebildet. 

Den vorgeschichtlichen Altertiimern, die uns einen Einblick 
in diese Kulturverhaltnisse gewahren, lassen sich geschichtliche 
Zeugnisse — die ersten, denen wir begegnen — erganzend an 
die Seite stellen. Aus den Werken griechischer und romischer 
Schriftsteller der Kaiserzeit, wie Strabo, Plinius, Tacitus, Ptole- 
maus u. a., erhalten wir auch nahere Kunde iiber die Bewohner 
der deutschen Gaue. Nach ihnen wurde das Gebiet des heutigen 
Schlesiens in seiner Ebene bis zur Weichsel von dem machtigen 
Volke der Lygier, einem ostgermanischen Stamme, bewohnt, 
wahrend der nordwestliche Teil, die Gegend des Riesengebirges, 
von dem ostgermanischen Volke der Silinger, einem Zweige der 
Vandalen, eingenommen war. Im Laufe des zweiten Jahrhunderts 
verschwand der Name der Lygier aus diesen Gegenden und an 
seiner Stelle erschien der der Vandalen. 

Aus den geschichtlichen Quellen ersehen wir auch, wie weit- 
gehend schon im ersten Jahrhundert n. Chr. die Handelsverbindungen 
der Romer waren. Unter dem Kaiser Nero unternahm niimlich 
ein romischer Ritter von Carnuntum, einem damals wichtigen Platze 
an der Donau oberhalb Prefiburgs, eine Reise nach der Bernsteinkiiste 
an der Ostsee. Die von ihm und dem Handel eingeschlagene Route, 
die sogenannte Bernsteinstrafte, lafit sich an der Hand der Itinerarien 
des Ptolemaus und mit Beriicksichtigung vorgeschichtlicher Funde 
in Schlesien ungefahr verfolgen. Sie fiihrte ins Odertal durch die 



XVI. Die romische Eisenzeit. Graber. Miinzen 



103 



Mahrische Pforte, ging dann auf der linken Oderseite nordlich, 
uberschritt den Flufi vielleicht bei Oppeln oder zog sich bis nach 
Striegau hin, von wo sie sich schliefilich nach Kalisch (dem 
Calisia des Ptolemaus) wandte. 

Eine Stoning erfuhren diese Handelsbeziehungen, als die 
deutschen Stamme im zweiten Jahrhundert n. Chr. zu Angriffs- 
kriegen gegen das romische Reich iiberzugehen begannen. Ja 
nach den langjahrigen Kampfen, die Mark Aiirel gegen die Marko- 
mannen Bohmens und benachbarte Volker zu bestehen hatte, und 
die sein Nachfolger i. J. 180 durch einen erkauften Frieden be- 
endete, trat ein vollstandiger Umschwung im Handelsverkehr 
Germaniens ein, der direkte Import romischer VVaren ging auf ein 
geringes MaC zuriick oder horte ganz auf. Die Zeit des romischen 
Einflusses dauerte also bis gegen das Ende des zweiten Jahr- 
hunderts. Auf sie folgte die spatromische Eisenzeit. 

Die hauptsachlichste Quelle, aus der die Funde der romischen 
Epoche stammen, sind wiederum Graber. Sie werden bei uns 
immer nur in kleinen Gruppen angetroffen. Die Bestattungsart 
unterlag keinem einheitlichen Brauche, denn neben den Brandgriibern 
treten Skelettgraber auf. Die Brandreste wurden in einer Urne, oft 
mit stark geschmolzenen INIetallbeigaben, in die Erde gesetzt. In 
den Skelettgrabern scheint die Leiche meistens ausgestreckt auf 
dem Riicken gelegen zu haben. Bisweilen war das Grab in Form 
eines Rechteckes stark von Steinen umsetzt. In einer solchen 
Steinsetzung befand sich z. B. der hervorragendste Fund der 
romischen Periode, der von Wichulla, Kr. Oppeln. Wohnstatten 
aus der romischen Zeit sind bisher nur in diirftigen Resten 
und in geringer Zahl festgestellt worden und haben sich an 
Fundstiicken wenig ergiebig gezeigt. Haufiger sind die Einzel- 
funde, auf die man gelegentlich im Boden gestofien ist. Nach 
dem vorhandenen Fundmaterial zu urteilen, war das Land jetzt 
dichter besiedelt als in der vorromischen Eisenzeit; die Be- 
volkerung war jedoch bei weitem nicht so zahlreich wie zur Zeit 
der jiingsten Urnenfelder. 

In der romischen Periode treten in Schlesien zum ersten Male 
Miinzen auf. Sie sind romischen Ursprungs und bestehen meist 
aus Silber, daneben auch aus Kupfer und Gold. GrolSere Funde 
von Miinzen dieser Art, der Mehrzahl nach Denare, sind besonders 
in der Gegend zwischen Katscher und Leobschutz in Oberschlesien 
zu Tage getreten. Der Pragung nach gehoren sie, ahnlich wie die 



I04 



XVI. Die romische Eisenzeit. Fibeln 



Funde aus anderen Teilen Deutschlands und Skandinaviens, am 
haufigsten der Zeit der Kaiser Trajan, Hadrian und Antoninus 
(98 — 161 n. Chr.) an. Nur wenige romische Miinzen dieser Zeit sind 
bald nach ihrer Pragung in die nordlichen Gebiele gelangt; fast 
nie kommen sie mit Importwaren italischer Herkunft vor. Oft 
dagegen finden wir sie im Verein mit Gegenstanden, die auf 
Beziehungen zu den Germanen am Schwarzen Meere wahrend des 
dritten Jahrhunderts hinweisen (Fig. 318). Auch in den grofieren 
Schatzfunden treten die alteren Miinzen meist mit einzelnen jiingeren 
Exemplaren auf, die erst nach dem Markomannenkriege entstanden 
sind und so gleichfalls darauf hindeuten, dafi der ganze Fund erst 
in spaterer Zeit, vielleicht als Kriegsbeute der Germanen, in 
Deutschland eingefiihrt worden ist. 

Zu den Fundstiicken, deren Auftreten in Deutschland sich 
am bestimmtesten zeitlich begrenzen lafit, gehoren die Fibeln. 
Sie waren in der romischen Periode noch mehr als in friiheren 
Zeiten dem Wechsel der Mode unterworfen. Die altesten Fibeln 
lassen eine deutliche Verwandtschaft mit dem Typus der jiingeren 
La Tenezeit (Fig. 252) erkennen. An der Stelle, wo das Schlufi- 
stiick dieser Fibel den Biigel umfaBte, befindet sich jetzt ein ring- 
oder scheibenformiges Ornament, das alien Fibeln dieser Zeit 
eigentiimlich ist (Fig. 262 — 264). Der Nadelfuft, der an der jungsten 





262 263 264 

Fig. 262—264. Fibeln der romischen Eisenzeit. Bronze, !/.>. 



La Tenefibel rahmenformig war (Fig. 253), ist an den altesten 
Formen der romischen Periode mehr oder weniger gitterartig 
durchbrochen, spater nur durchlocht (Fig. 262) und schliefilich 
ganz geschlossen. Die Spiralfeder ist doppelseitig aufgeroUt, die 
verbindende Sehne liegt unterhalb oder oberhalb des Biigels und 
wird im letzteren Falle durch einen Haken oder in einem Loch am 



XVI, Die romischc Eisenzeit. Fibeln. Schmuck loc 

unteren Biigelende festgehalten. Eine Stiitze erhalt die oft sehr lange 
Spiralrolle zugleich durch eine Verdickung oder Verbreiterung des 
Biigelendes, durch Kappen an den Enden der Rolle oder durch eine 
Rollenhiilse. Wahrend die Fibel mit durchbrochenem Nadelhalter 
(Fig. 262) auf Verbindungen mit den Donaulandern hinweist, 
scheinen die stark profiherten Formen (Fig. 263) nordeuropaischen 
Ursprungs zu sein. Die ersteren gehoren dem ersten Jahr- 
hundert n. Chr., die letzteren meistens schon dem zweiten Jahr- 
hundert an. In derselben Zeit und spater tritt auch eine Fibel auf, 
die durch seitliche Sprossen am bandformigen Biigel gekenn- 
zeichnet wird (Fig. 264). Die meisten Fibeln dieser Periode be- 
stehen aus Bronze. Diese setzt sich seit dem Beginne unserer 
Zeitrechnung gewohnlich nicht mehr aus Kupfer und Zinn wie in 
der Bronzezeit, sondern aus Kupfer und Zink zusammen. Manche 
Fibeln sind mit aufgelegtem Silberdraht verziert, andere tragen 
geperlte Rander auf den Biigehviilsten (Fig. 263). In einigen 
Frauengrabern, z. B. in Jaschwitz, Kr. Breslau, traten Fibeln paar- 
weise auf; in Mannergrabern scheinen sie immer nur einzeln vor- 
gekommen zu sein. Wahrscheinlich wurde das Gewand des Mannes 
auf der Schulter mit einer Fibel geschlossen. Aufier der Fibel 
diente ein Giirtel, an dessen Ende eine Schnalle befestigt war, zum 
Zusammenhalten der Kleider. Die Schnallen, die in der vorigen 
Periode zum ersten Male auftraten, trifft man mit Fundstiicken 
dieser Periode recht haufig, und zwar in wenig veranderter Form. 
Bronzeknopfe, die in der Bronzezeit zum Schliefien der Kleider 
und als Schmuck benutzt wurden, sind aufier Mode gekommen, 
wahrscheinlich haben sie den Fibeln weichen mussen. 

AuGer der Fibel besafi die damalige Bevolkerung Schlesiens 
nur wenig Schmuck. Halsringe, die man mit Bestimmtheit dieser 
Periode zuweisen kann, sind kaum vorhanden. Als Halsschmuck 
wurden jedoch bisweilen einfache, farbige Glasperlen getragen. 
Die Form einer runden Perle hat auch ein kunstvoli gearbeitetes 
Berlock mit Ose aus Goldblech (Fig. 266). Auf ihm sind Bander 
aus geflochtenem Golddraht oder geperlten Faden und zahlreiche 
kleine Kiigelchen oder Kornchen in geschmackvollen Mustern auf- 
gelotet. In Skandinavien und Norddeutschland werden Perlen und 
vasenformige Hangezierrate mit einer derartigen Filigranverzierung 
haufig gefunden. und man nimmt daher an, daG sie auch dort 
verfertigt worden sind. Die Anregung dazu ist jedoch sicherlich 
von sudlichen Arbeiten ausgegangen. Zu dieser Gruppe nordischer 



io6 



XVI. Die romische Eisenzeit. Gerate 




Fig. 26;, 266. Armband, Silber, 1/9; 
Anhanger, Gold, l/j. 



Goldschmiedearbeiten gehoren auch 
Armbander mit breiten, halbkreis- 
formigen Enden. Gevvohnlich bestehen 
sie aus Silber und sind dann mit auf- 
gelotetem Bandschmuck reich verziert. 
Sie treten, ebenso wie die Goldperlen, 
wohl erst gegen Ende der romischen 
Periode auf und erhalten sich wahrend 
der spatromischen Zeit. In Schlesien 
ist bisher nur ein Bruchstiick eines solchen Armbandes gefunden 
worden (Fig. 265), 

Unter dem Kleingerat ist die Schere sehr haufig vertreten, 
fast in jedem Grabe begegnen wir ihr. In der Form stimmt sie 
im ganzen mit den Fundstiicken der verhergehenden Periode 
iiberein (Fig. 256). Einzelne Scheren sind aus Bronze und Silber, 
die gewohnlichen, groCeren aus Eisen gefertigt. Zum Rasieren 
wurden Messer benutzt, deren Klinge und Griff, ahnlich wie bei 
einer Form der jiingeren La Tenezeit (Fig. 260), nach entgegen- 
gesetzten Seiten geschweift sind. Ein kleines Bronzemesser mit 
runder, quergestellter Heftplatte ist auf dem Riicken durch 
Tauschierarbeit verziert, d. h. silberne Drahte sind in feine Rinnen 
eingehammert. Es war unzweifelhaft zu feineren Arbeiten bestimmt 
als die gewdhnlichen grofieren, eisernen Messer. Diese haben in 
der romischen wie in der folgenden Periode an dem Ubergange 
von der Klinge zu der Angel einen scharfwinkligen Absatz (Fig. 283). 
Eine neue Erscheinung unter den Geraten sind eiserne Schliissel. 
Sie zeigen an dem einen Ende einen mehrfach gebogenen Haken 
zum Offnen des Schlosses und am anderen oft eine Ose, an der 
sie getragen oder aufgehangt wurden. Vielleicht gehorten die 
Schliissel zu der Ausstattung der Frauengraber. Sie kommen in 
beiden romischen Perioden vor (Fig. 290). 

Die Waff en spielten wahrend der romischen Zeit eine 
bedeutende Rolle; denn in dem Fundmaterial iibertreffen sie an 
Zahl alle iibrigen Arten der Altertiimer ganz bedeutend. Sie be- 
stehen ausschliefilich aus Eisen. Am haufigsten sind Lanzenspitzen, 
die fast in keinem Mannergrabe fehlen. Ihre Formen sind im 
ganzen dieselben wie in der La Tene- und der spatromischen Zeit 
(Fig. 261 u. 292). Lanzenspitzen und Schwerter hat man in 
einzelnen Fallen in verbogenem Zustande ins Grab gelegt, wie es 
in der La Tenezeit Sitte war. Die Schwerter sind kiirzer als in 



XVI. Die romische Eisenzeit. Waffen 



107 



der vorigen Periode und haben statt des glockenformigen Schnittes 
einen winkeligen Absatz an dem Cbergange der Klinge in die 
Angel. Neben den zweischneidigen Schwertern kommen ein- 
schneidige vor, die mit Tauschierungen aiif der Griffzunge ver- 
ziert sind (Fig.267). 16- 

Auch der Schild 
mufi im Leben der 

darrialigen Be- 
wohner Schlesiens 
von grofier Bedeu- 
tung gewesen sein, 
da seine eisernen 
Bestandteile, der 
Buckel, die Schild- 
fessel und die Nagel, 
zu den haufigsten 

Fundstiicken in 
Mannergrabern ge- 
horen. Der Buckel 
hat anfangs die 
Form eines flachen 
Kegels (Fig. 270); 
spater tragt er in 
seiner jNIitte einen 
langen Stachel (Fig- 
268). Die Schiidfessel des iilteren Typus ist schmal und reich 
profiliert (Fig. 271), die des jiingeren breit und einfacher geformt 
(Fig. 269). Im Verein mit Wafifen kommen auch Gerate vor, die 
zur Fiihrung des Pferdes dienten, z. B. . eiserne Gebisse und 
Sporen aus Eisen und Bronze. Unter den erhaltenen friihesten 
Sporen gehoren einige vielleicht schon der La Tenezeit an; die 
meisten sind jedoch unzweifelhaft den beiden folgenden romischen 
Perioden zuzuweisen. Charakteristische Merkmale fiir die Sporen 
der einen oder der anderen der beiden Perioden hat man in 
Schlesien noch nicht feststellen konnen. Im allgcmeincn zeichnen 
sich die Wafifen, die mit wenigen Ausnahmen als cinheiniische 
Erzeugnisse anzusehen sind, durch kunstvoUe Arbeit aus. Sic 
lassen erkennen, da(i die Eisenindustrie, die schon in der 
La Tenezeit Hervorragendes leistete, in der romischen Periode 
noch weiter vorgeschritten ist. 




Schwert, l/s, Schildbeschlag, 1/4; Eisen- 



I08 ^VI. Die romische Eisenzeit. Tongefafie 



Die Tongefafie sind ohne Ausnahme einheimische Arbeiten. 
In manchen Ziigen erinnern sie an die vorromische Keramik. 
Eine derartige Verwandtschaft verraten z. B. die drei knieartigen 
Henkel an der gewohnlichsten Gefafiform dieser Zeit, der Urne 
in Gestalt eines Trichters mit scharf gebrochener, horizontaler 
Kante (Fig. 272). Diese Gefafie sind meist schwarzglanzend, sie 
kommen auch ohne Henkel vor. Ein kleines Exemplar ist auf 
der unteren Seite mit einem Ornament versehen (Fig. 274). Das 




Fig. 272 — 275. TongefSsse der roraischen Eisenzeit. 

Maanderband, das vereinzelt schon in der La Tenezeit auftrat 
(Fig. 249), trifft man nun haufig, besonders auf Gefafien von ab- 
gerundetem Korper (Fig. 273). Dieses Ornament miissen wir 
indessen ebenso wie die trichterformigen TongefafJe und selbst 
die schwarzglanzende Oberflache auf sudliche Einfliisse zuriick- 
fiihren. Neben den bisher besprochenen, gefallig geformten 
Gefaften fallen einige Topfe mit langausgezogenem Henkel durch 
ihre plumpe Form und rohe Arbeit auf (Fig. 275). Sie machen 
den Eindruck, als waren sie Gefafien aus Holz nachgebildet. Sie 
traten wahrscheinlich erst gegen das Ende der romischen Periode 
auf und erhielten sich wahrend der spatromischen Zeit. Merk- 
wiirdigerweise ist an keinem Gefafie der romischen Periode die 
Benutzung der Topferscheibe erkennbar, die sich doch schon in 
der vorromischen Eisenzeit in einigen Fallen nachweisen lie(3. 

Im Gegensatz zu den Tongefafien sind die Bronzegefafie 
Erzeugnisse des Auslandes. Sie treten in der Form von Eimern, 
Kannen, Kasserollen, Schiisseln u. a. in der Zeit des romischen 
Einflusses verhaltnismafiig haufig auf Sie sind in Italien oder in 
romischen Provinzen entstanden und durch den Handel nach 
Schlesien wie nach dem ganzen Norden gelangt. Formgebung, 
Ornamentierung und Technik kennzeichnen sie als Erzeugnisse einer 



XVI. Die romische Eisenzeit. Brouzegefafie 



109 




hochentwickelten Industrie. Aufierdem sind sie durch eine sehr 

solide Arbeit ausgezeichnet. Ein Beispiel gibt uns ein sehr 

charakteristisches Fundstuck, die Kasserolle mit festem, durch- 

lochtem Stiel (Fig. 276a). Im Innern sind Reste der Verzinnung 

enthalten. Der Boden ist so kraftig, dafi in ilim von aufien 

mehrere tiefe kon- 

zentrische Furchen 

als Ornament auf 

der Drechslerbank 

eingedreht werden 

konnten (Fig. 276 b). 

Die Kasserollen der 

nachsten Periode 

sind viel schwacher 

?ebaUt Als eiPen- Fig. 276 a. KasserolU. b. aussere Bodenseite. Bronze, etwa 1/4. 

artige Gerate, die jedoch in der Form den Kasserollen sehr 
nahe stehen, seien hier noch die Schopfgefafie erwahnt. Sie 
haben einen vertieft halbkugeligen Korper mit langem, flachem 
Stiel und nehmen gewohnlich in sich ein zvveites Gefafi von der- 
selben Form auf, dessen Korper aber siebartig durchlocht ist. 
Diese Doppelgefafie waren offenbar fiir die Bediirfnisse der Kiiche, 
etwa zur Klarung des Weines, bestimmt. In der nachsten Periode 
treten sie nicht mehr mit abgerundeter, sondern mit ebener Boden- 
flache auf. Eine Reihe von romischen Gefafien und anderen 
Gegenstanden, die wir in unseren Gegenden antreffen, stimmt 
genau mit den Fundstiicken uberein, die die Ausgrabung der im 
jahre 79 n. Chr. bei einem Ausbruche des Vesuvs verschutteten 
Stiidte Herculanum und Pompeji ergeben haben. Diese Feststellung 
gibt uns einen wertvollen Anhaltspunkt fiir die Altersbestimmung 
romischer Altertiimer. 

Das kostbarste Stiick unter den schlesischen Metallgefafien 
ist die silberne Henkelschale aus Wichulla, Kr. Oppeln 
(Fig. 277). In ihrem gefalligen Aufbau, ihrer reichen und geschmack- 
vollen Dekoration und der an ihr hervortretenden technischen 
Fertigkeit erscheint sie als eines der hervorragendsten Erzeugnisse 
alter Goldschmiedekunst. Fufi und Henkel sind gegossen und an 
den Gefaftkorper angelotet. Dieser setzt sich aus zwei halbkugel- 
formigen Wanden zusammen, von denen die auGere eine erhabene, 
durch Treibarbeit erzeugte, reiche Verzierung aufweist. Der figurliche 
Schmuck stellt zwei Paare von Seeungeheuern dar, die sich in den 



no 



XVI. Die romische Eisenzeit. Silberschale von Wichulla 



Wogen kampfend gegeniiber stehen. Zwischen ihnen bewegen 
sich Delphine. Auf die Henkel legem sich erhabene Lorbeerkranze 
Die Silberschale scheint nicht ein Erzeugnis romischen Kunst- 
gewerbes zu sein, sondern ein Werk griechisch-agyptischer Metall- 
arbeiter aus einer etwas alteren Zeit als die Bronzegefafte. 

Im allgemeinen erscheint das Fundmaterial der romischen 
Periode im Vergleich zu dem der La Tenezeit in bemerkenswerter 
Weise durch neue Formen imd Ornamente bereichert. Neu ist 
in dieser Zeit aiich das Loten, Drehen und Treiben, Versilbern, 
Vergolden und Verzinnen, sowie das Tauschieren und die Filigran- 
arbeit. Diese Fortschritte in der technischen Behandlung der 
Metalle lassen sich jedoch fast nur an Erzeugnissen fremden, 
insbesondere romischen Ursprungs verfolgen. 




Fig. 277. .Silberschale von Wichulla, 1/j. 



XVII, Die spatromische Eisenzeit 

An Stelle der Handelsbeziehungen, die die germanischen 
Stamme etwa bis zum Markomannenkriege mit den romischen 
Provinzen unterhielten, trat einige Zeit darauf ein Verkehr mit den 
Gegenden an dem Nordufer des Schwarzen Meeres und der 
unteren Donau. Dieser Umschwung wurde durch eine grofie 
Volkerverschiebung herbeigefiihrt. Wahrend jenes Krieges gaben 



XVII. Die spatromische Eisenzeit m 



namlich viele Vandalen ihreWohnsitzc inSchlesisn auf und liefien sich 
in dem oberen Dacien, dem heutigen sudostlichen Ungarn, nieder; 
spater fanden sie Aufnahme in Pannonien, dem Telle von Osterreich- 
Ungarn, der westlich und sudllch der Donau llegt. Etwa gleich- 
zeltig mit dem Auszuge elnes Teiles der Vandalen aus Schlesien 
drangen Gotenschwarme aus ihrer Heimat an der unteren Weichsel 
nach dem Gebiete der heutigen Walachei vor; in der ersten Halfte 
des dritten Jahrhunderts folgte ihnen die Masse der gotischen 
Stamme und iiberflutete das Land an der unteren Donau ostlich 
der TheiG, das die Romer zu einer bliihenden Provinz gemacht 
hatten, jetzt aber aufgeben muGten. 

Die Goten errichteten hier ein machtiges Reich, das bis zum 
Don reichte und sich allmahlich bis zu der Oder und der Ostsee 
ausdehnte. Unter der Herrschaft dieses begabten Volkes, das 
schon im vierten Jahrhundert dem Christentum zuganglich wurde 
und durch seinen ersten Bischof Ulfilas eine Cbersetzung der Bibel 
und statt der altgermanischen Runen eine eigene Schrift erhielt, 
entwickelte sich in den Gebieten der unteren Donau und am 
Schwarzen Meere friih eine bliihende Industrie, die besonders 
durch die Verarbeitung von Edelmetallen zu Schmuckgegen- 
standen von weitreichender Bedeutung wurde. Ihre eigenartigen 
Erzeugnisse, die durch romisclie Vorbilder stark beeinflufit sind, 
aber auch noch Spuren alterer giechischer Einwirkungen tragen, 
fanden bei den Germanen des iibrigen Europas bald Eingang und 
verdrangten den direkten romischen Import mehr und mehr. 

Der romisch - gotische Kulturstrom hat die meisten Spuren 
in den nordostlichen Gegenden von Deutschland zuriickgelassen, 
aber auch in Schlesien ist er an einer Anzahl charakteristischer 
Funde erkennbar. Nach ihm wird diese Kulturperiode, die etwa 
mit dem dritten Jahrhundert beginnt und um das Jahr 375 mit 
dem Zusammenbruche des Gotenreiches ihr Ende findet, als die 
romisch-gotische bezeichnet. Oft wird sie auch die spatromische 
Eisenzeit genannt. Manche rechnen diese Periode schon zur 
Volkerwanderungszeit, der nachsten Kulturstufe. 

Wahrend jener Zeit war es in Schlesien Sitte, die To ten ent- 
weder unverbrannt zu bestatten oder sie zu verbrennen und die 
Brandreste in Urncn beizusetzen. Im ersteren Falle umgab man 
die Graber gewohnlich mit einer Steinsetzung. Eine solche hatten 
z. B. die drei durch ihren reichen Inhalt ausgezeichneten Graber 



112 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Graber. Tongefafie 



von Sacrau, die wahrscheinlich einer vandalischen Fiirstenfamilie 
angehort haben. Grabfunde bilden auch fiir diese Periode die 
hauptsachlichste Quelle unserer Kenntnis des damaligen Kultur- 
zustandes. Man hat zwar auch einige Wohnstatten aufgedeckt, 
sie waren jedoch wenig ergiebig. 

Unter den TongefaBen bestehen manche alte Formen fast 
unv^erandert fort, z. B. die plumpen Topfe mit lang ausgezogenem 
Henkel (Fig. 275). Auch das Maanderornament erscheint bis- 
vveilen noch ohne wesentliche Veranderungen. Wohl aber zeigen 
sich diese an anderen Gefafien. 

An den trichter- 
formigen Urnen z. B. 
setzen sich die knie- 
formigen Henkel nicht 
niehr wie friiher (Fig. 
272J an den Gefaft- 
rand, sondern sitzen 
tiefer am Halse oder 
auf dem Gefafikorper 
(Fig. 278, 279, 281), 
und zwar meist in 
entstellter Form. Ver- 
anderungen erfahrt 
auch dieGestalt dieser 
Gefafie, wie ein Ver- 
gleich der abgebil- 
detenTypen erkennen 
lafit. Viele zeigen statt 

des kantig gebrochenen Korperprofils ein gerundetes (Fig. 279J; sie 
sind wie ihre alteren Vorbilder von schwarzer Farbe und treten 
ofters in grofien Exemplaren auf, die mit Ornamenten verschiedener 
Art iiberreich besetzt sind. Auf ihnen kommen u. a, die eigen- 
tiimlichen halbmondformigen Griibchen vor, die mit einem hohl- 
meiBelartigen Instrument eingestochen sind und u. a. an Ornamente 
auf einem Giirtelbeschlag dieser Zeit erinnern (Fig. 304). 

Andere GefaCe haben den horizontal gebrochenen Korper bei- 
behalten, bestehen aber aus einem grauen Ton, werden oft von 
horizontalen Wiilsten umzogen und lassen bisweilen schon deutlich 
die Herstellung auf der Topferscheibe erkennen. Sie sind mit- 
unter mit dem. Wellenornament verziert (Fig. 28 1), das mit einem 




Fig 27S — 282. Tongefasse der spatromischen Periode. 



XVII. Die spatromisclie Eisenzeit. Eisengerate 



113 



mehrzinkigen Instrument hergestellt ist. Zu dieser Gruppe gehoren 
auch die Topfe mit breiten, vertikalen Eindriicken im Korper (Fig. 
282). Die grauen, auf der Topferscheibe hergestellten Gelalie 
verraten schon das Herannahen eines neuen Geschmackes. Sie 
sind fast nur in den Sacrauer Grabern vorgekommen. Eine neue 
Erscheinung sind auch die sogenannten Warzengefafte (Fig. 280), 
die in verschiedenen Formen auftreten. 

Auch unter den Eisengeraten gibt es einige, die in dieser 
Periode dieselbe Form haben wie in der vorigen, z. B. die Messer 
(Fig. 283) und die Schliissel (Fig. 290J. Andere erscheinen neu 
oder in veranderter Gestalt. Dazu scheint ein eisernes, spitzes 
Instrument zu gehoren (Fig. 289), das in einen Griff eingesetzt 
als Pfriem benutzt werden konnte. Eine ahnliche Spitze (Fig. 288), 



e 





Fig. 285—290. Messer. .Messerscharfer, Toilettengerate, Pfriem, Schlussel. Fig. 284 Bronze, 
alles andere Eisen ; Fig 283 und 290 1/3, die ubrigen •/'> 



die verziert ist und mit dem ringformigen Kopfende in einer Ose 
hangt, war vielleicht ein Toilettengerat. Eine Gurtelschlielie sehen 
wir in Fig. 287; das eckige, ornamentierte Ende wurde durch eine 
Niete am Giirtel befestigt. Gewohnlich wurde aber der Gurtel 
jetzt durch eine Schnalle geschlossen, die am unteren Teile des 
Rahmens zur besseren Befestigung mit einer Heftplatte ausgestattet 
ist (Fig. 294). Die Schnalle mufite kraftig gebaut sein, wenn sie 
von einem Krieger benutzt wurde, der mit einem festen Riemen 
nicht nur seine Kleidung zusammenhielt, sondern an ihm auch 

8 



114 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Gerate 



manche Waffen befestigte. Sie konnte zierlich sein, vvenn 
sie einer Frau zum SchlieBen des Giirtels diente (Fig. 306). 
Es scheint Sitte gewesen zu sein, daB von den Frauen manche 
Gegenstande am Giirtel hangend getragen wurden, so z. B. Schliissel 
und Toilettengerate (Fig. 290, 288). Hierzu sind vielleicht auch 
kleine, durchlochte Schleifsteine (Fig. 286) und eiserne, gewohnlich 
als Messerscharfer gedeutete Klingen zu zahlen (Fig, 285). Das 
abgebildete Stiick ist durch Verzierungen ausgezeichnet und wegen 
des eingeschlagenen (gepunztenj Hakenkreuzes, das wir als ein sinn- 
bildliches Zeichen bereits kennen gelernt haben (S. 97), besonders 
bemerkenswert. Mit gepunzten Ornamenten sind auch zierliche 
Scheren oder Messer versehen (Fig. 284), die jedenfalls als 
Toilettengerate gebraucht wurden. 




Fig. 291 — 297. Ausrustungsstiicke des Kiiegers, Eisen. 



Unter dem Fundmaterial dieser Periode sind besonders 
reich die Waffen vertreten. Auch sie verzierte man bisweilen. 
Eine Lanzenspitze (Fig. 292) ist nicht nur mit einem System 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Waffen' 



115 



eingeschlagener, kurzer, strichartiger Vertiefungen bedeckt, sondern 
zeigt auch an der Spitze wie an dem Tiillenansatze zu beiden 
Seiten des Grates je ein eingelegtes, dreieckiges iind ein kreis- 
formiges Goldplattchen, Waffen mit ornamentierten Flachen trafen 
wir schon unter den Altertiimern der jiingeren La Tenezeit 
(Fig. 261). Dort waren die Ornamente jedoch durch Atzung 
hervorgebracht und nicht mit dem Punzen eingeschlagen wie in 
der spatromischen Periode. In dieser Zeit hatte man neben den 
blattformigen Lanzenspitzen auch Speerspitzen mit ausgebildeten 
Widerhaken in Gebrauch (Fig. 293). Die erhaltenen Schwerter 
sind kurz und breit (Fig. 291). Sie haben am Ubergange der Griff- 
angel in die Klinke rechtwinklige Absatze und laufen am anderen 
Ende in einen spitzen Winkel aus. Der Schildbuckel dieser Periode 
tragt bisweilen einen spitzen Stachel 
wie in der friiheren Periode, meistens 
jedoch eine stumpfe Rohre (Fig. 296). 
Die Schildfesseln haben gewohnhch die 
abgebildete Form (Fig. 297); ofters sind 
sie durch eingeschlagene DoppeUinien 
verziert. Eine neue Erscheinung unter 
den Altertiimern bildet die Axt mit 
Schaftloch (Fig. 295J, die jetzt die Stelle 
der noch in der La Tenezeit vor- 
kommenden eisernen Tiillenaxt ein- 
nimmt. Das abgebildete Fundstiick 
stellt die Lochaxt schon auf einer 
vorgeschrittenen Stufe der Entwicklung 
dar. Im Verein mit Waffen kommen 
eiserne Pferdegebisse vor. So fand sich 
u. a. bei der besprochenen Axt und der 
kostbaren Lanzenspitze ein prachtiger 
Pferdezaum (Fig. 298). Die kunstvoll 
gegliederte Kette dieses Zaumes ebenso 
wie die beiden grofien Ringe sind aus 
Bronze hergestellt; dagegen hat man zu dem Gebisse, das sich in 
diesem Falle aus zwei Stangen zusammensetzt, wie gewohnlich statt 
der Bronze Eisen werwendet, urn nicht die Gesundhcit des Pferdes 
zu gefahrden. Der abgebildete Bronzesporn (Fig. 299) hat einen hohlen 
Stachel und kurze Schenkel mit Knopfen, die zum Anknupfen eines 
Riemens bestimmt waren. Andere rtimische Sporen sind aus Eisen; 




299 'iij 

Fig. 29!$ u. 299. Bronzezaum mit 
eisernem Gebiss; Bronzesporn. 



ii6 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Fibeln 



sie haben ofters einen vollen, gestielten Stachel unci lange Schenkel. 
Zwei ganz gleiche Sporen sind bisher nocli nicht zusammen ge- 
funden worden; sie wiirden darauf hinweisen, daft der Reiter an 
jedem Fuft einen Sporn trug, was zu dieser Periode jedoch noch 
nicht der Fall gewesen zu sein scheint. 

Manche spatromische Grabfunde sind auch reich an Schmuck- 
sachen, insbesondere an Fibeln, die in dieser Zeit mehr als je 
getragen wurden. Trotzdem scheinen sie zum grofiten Telle als 
Iinportwaren nach Schlesien gekommen zu sein. Schon am Ende 
der romischen Zeit treten Fibeln mit breitem, gedrungenem, band- 
artigem Biigel auf (Fig. 302J. In Schlesien scheinen sie haupt- 
sachlich der spatromischen Zeit anzugehoren. Unter den vielen 
Varianten, in denen sie erscheinen, seien hier nur die Fibeln er- 
wahnt, deren Spiralfedern von einer Rollenkappe oder Rollenhiilse 
eingeschlossen werden. Diese Bandfibeln sind im Osten haufig, haben 
sich aber wahrscheinlich auf nordeuropaischem Boden entwickelt. 
Der hohe Nadelhalter, der diesem Typus eigen ist, tritt besonders 
an einer zweigliedrigen Armbrustfibel hervor, deren Biigel knie- 
formig ist und mit einem Knopf am Fufie endet (Fig. 303). Das 
liohe Fufistiick und den FuCknopf finden wir auch an einer Fibel, 

deren Spirale zu zwei iiber- 
%u einander liegenden RoUen 
aufgewickelt ist. Spirale 
und Nadel dieser Fibel sind 
aus Eisen, die ubrigen Telle 
bestehen aus Bronze und 
sind zum Teil mit feinen 
Drahten aus Silber belegt. 
SolcheRollenfibelnsind u. a. 
wiederholt in Galizien be- 
obachtet worden. Eine in 
Schlesien besonders haufige Form sind die Fibeln mit um- 
geschlagenem Fufi (Fig. 300). Sie sind in siidostlichen Gegenden 
Europas entstanden und von dort nach dem Norden gelangt. 
Sie erinnern stark an die jiingere La Tenefibel (Fig. 252), 
von der sie in Nordeuropa jedoch durch einen Zeitraum von 
mehr als zwei Jahrhunderten getrennt sind. Gleich der La Tene- 
fibel ist sie an alien Teilen des Korpers annahernd von gleicher 
Starke. Besonders auffallend zeigt sich die Verwandtschaft in 
der Konstruktion der Spirale, die sich aus etwa vier Windungen 




Fibeln, Gold {300, 301) iind Bronze 



XVII. Die spairomische Eisenzeit. Fibeln II7 

und einer oberen Sehne ohne Haken zusammensetzt. Der 
Unterschied liegt darin, daih sich das verlangerte FuBende 
nicht nach oben, sondern nach unten umlegt; hier bildet es den 
Nadelhalter und geht dann in einen Draht iiber, der sich um den 
Biigel wickelt. Fibeln dieser Art treten in Bronze, Silber und 
Gold auf. Varianten des Typus mit umgeschlagenem FufS bilden 
Fibeln, die am Kopfende eine eingliedrige Armbrustkonstruktion 
haben. Weiter vorgeschrittene Stufen der Entwicklung stellen 
Fibeln dar, deren Spirale zu zwei oder drei nebeneinander liegcnden 
RoUen aufgewickelt ist (Fig. 301). Ihr Fu6 ist bisweilen noch 
wie bei der in Fig. 300 abgebildeten Fibel nach unten umgeschlagen, 
meist nimmt er jedoch die Form einer rautenformigen Platte 
an, deren grofite Breite der Spitze naher liegt, und die auf der 
unteren Seite einen besonders angesetzten Nadelhalter tragt. 
Zwei- und Dreirollenfibeln dieser Art, von denen Schlesien etwa 
zehn Exemplare aus den Grabern von Sacrau besitzt, sind fast 
stets aus Silber und Gold hergestellt und durch eine sehr kunst- 
volle, feine Arbeit ausgezeichnet. Ihre Rollen werden von einer 
meist halbkreisformigen Kopfplatte bedeckt, die ebenso wie die 
breite Fufiplatte mit einem feinen Goldblech belegt ist. In dieses 
sind mehrfach kleine Ornamente verschiedener Art von der unteren 
Seite eingestanzt Aufier dieser Verzierung tragen die Rollen- 
fibeln reichen Filigranschmuck: geperlte Drahte und Schniire, 
geflochtene Bander, Reihen und Gruppen kleiner Kiigelchen, die 
in kleinen Ringelchen zu ruhen scheinen und mit diesen aui- 
gelotet sind. 

Wie die kostbaren Rollenfibeln bezeugen zahlreiche andere 
aus dem Siidosten importierte Schmucksachen und Gerate, in 
welchem aufierordentlichen Mafie der Wohlhabende damals die 
Pracht und den Luxus liebte, und wie die hochentwickelte Industrie 
im siidostlichen Europa diesem Bediirfnis gerecht zu werden 
suchte, indem sie alle Mittel anwandte, um besonders das Aufiere 
ihrer Erzeugnisse moglichst prachtvoU auszugestalten. Es konnte 
nicht fehlen, daft sie in diesem Bestreben hier und da zu weit ging. 
Schlesien ist nicht arm an Fundstucken, die uns ein Bild von den 
hervorragenden Leistungen dieser Industrie und dem damaligen 
Kunstgeschmack geben; sie stammen jedoch fast ausschlieBlich aus 
den drei Grabern von Sacrau. 

Einen kostbaren Brustschmuck bilden acht aus doppeltem 
Goldblech bestehende Piatten mit zylinderformiger, breiter Ose, 



ii8 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Sclimuck 



die mit reichem Filigran- und Kornchenschmuck verziert sind 
(Fig. 305). Auf einer dieser Schmuckplatten sind die Ornamente 
um einen geschliffenen rotbraunen Stein (Karneol oder Granat) 
gruppiert. In Filigrantechnik sind auch einige Berlocke hergestellt, 
die einen eimerformigen Korper und breite Henkel haben (Fig. 311). 
Ihnen stehen technisch und vielleicht auch zeitlich die Perle 
aus Goldblech Fig. 266 and das Fragment eines silbernen Arm- 
bandes Fig. 265 nahe. Besonders charakteristisch fiir die spat- 
romische Zeit sind auch die Ornamente einiger gestanzten Silber- 
und Goldbleche, von denen das eine die Heftplatte einer Schnalle 
bildet (Fig. 306). Nicht nur Schnurmuster, wie sie in der romischen 
Periode vorkommen, sind auf diesen Schmuckstiicken mit dem 
Stempel eingeschlagen, sondern auch Zickzack- und Nadelkopf- 
ornamente, Vogel- und Fischfiguren. 




Fig. 304 — 307. Schmuckstiicke. Go'd (305, 306J und Silber, 23. 

Zur Verzierung von Silber und Gold wurde damals auch die 
Niellotechnik vervvandt, d. h. man grub Ornamente in das 
Metall ein, fiillte sie mit einem schwarzen Schmelz, setzte sie dem 
Feuer aus und schliff dann die Oberfiache ab, sodafi die Umrifi- 
linien wieder scharf zum Vorschein kamen. Einige silberne Giirtel- 
beschlage zeigen diese wirkungsvolle Verzierung in Formen von 
geometrischen Mustern und stilisierten Pflanzen (Fig. 307), Noch 
abwechslungsreicher gestaltete man eine Flache, wenn man 
Niello und Tauschierarbeit vereinigte, wie z. B. auf dem quadrat- 
formigen silbernen Deckel eines Schmuckkastchens, der mit zahl- 
reichen sich schneidenden Kreisen bedeckt ist. Es verband sich 
hier der schwarze Schmelz mit dem weilSen Silber und dem gelben 
Golde zu harnionischer Farbenwirkung. 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Luxusgerate und Schmuck i ig 



Bemerkenswert ist auch ein Giirtelbeschlagstiick aus zu- 
sammengebogenem Silberblech mit Ose (Fig. 304), das einen Adler 
mit ausgestreckten Fangen und einen Hirsch oder Elch darstellt. 
Die Federn und Haare der beiden Tiere sind durch feine 
Gravierungen angedeutet, wahrend der ubrige Teil der Platte 
mit eingeschlagenen und eingestochenen charakteristischen Orna- 
menten reich bedeckt und mit aufgehammertem Goldblech belegt 
ist. Aus dem goldenen Hintergrunde treten so die Figuren 
wirkungsvoll hervor. Die mit einem Stempel eingeschlagenen 
Ornamente haben die Form von kleinen Ringen, Blattern, Fachern 
oder Sformig geschwungenen Bogen. Hier finden wir auch Reihen 
von halbkreisformigen Stichen, die mit einem hohlen Schneide- 
instrument hergestellt sind und durchaus an Ornamente auf Ton- 
gefafien dieser Zeit erinnern (S. 112). 

Von anderen Luxusgeraten und Schmucksachen er- 
wahnen wir noch silberne Scheren, Messer und Loffel, silberne 
und selbst goldene Pinzetten und Ohrloffel. Auch groGere und 
kleinere Ringe, die als Hals-, Arm- und Fingerschmuck oder als 
Trager von Berlocken dienten, sind meistens aus Edelmetall, be- 
sonders aus Silber, hergestellt. Sie bestehen gewohnlich aus einem 
einfachen Reifen, 
seltener sind sie 
tordiert. Cha- 
rakteristisch ist 
die Art, wie die 

Ringe ge- 
schlossen wur- 
den. Entweder 
legen sich die 
Enden iiberein- 

ander und 
wickeln sich uni 
den Reifen (Fig. 
310), oder sie 
sind zuriickge- 
schlagen, und 

die Schleifen 
bilden denHaken 



und die Ose 
(Fig. 309). Fine 




Fig. }o8— 312. Halsringe, "/a; Fingerringe unJ Bcrlock, '/j. 
Silber (501;, 310) unJ Gold. 



I20 XVII. Die spatromische Eisenzeit. Knochengerate. BronzegefaCe 




dritte SchluGvorrichtung besteht darin, dafi das eine Ende in einen 
Haken mit Knopf auslauft, wahrend das andere eine grofie Ose 
etwa in Form einer Lyra tragt (Fig. 308). Manche Fingerringe 
zeigen gravierte Ornamente (Fig. 312). Beliebten Schmuck bildeten 
audi Perlen und Hangezierrate aus Bernstein (Fig. 316). Die 
Emailperlen sind gewohnlich rund oder melonenformig (Fig. 315). 

In dieser Periode treffen 
wir zum ersten Male lang- 
gestielte Knochennadeln 
mit verziertem Kopf (Fig. 313). 
Sie wurden vielleicht von 
Frauen im Haar getragen. 
Neu erscheinen in Schlesien 
516 jetzt auch Knochenkamme 

Fig. 515—316. Nadel u. Kamm, Horn; Perlen, Email u. (Fig. 3I4). SiC habcn nur Cine 
Bernstein. i/i>. „ , ., , . , 

Zahnreine und smd aus 
mehreren Teilen zusammengesetzt. In anderen Landern lassen 
sich die Haarkamme, einzeilige wie zweizeilige, aus Knochen, 
Bronze und anderen Stoffen, weit zuriick bis in die Bronzezeit 
verfolgen; im Siiden hat man Kamme sogar in steinzeitlichen 
Ansiedlungen nachgewiesen. 

Aus der spatromischen Zeit sind uns auch Reste von Holz- 
gefafien erhalten. Kin ziemUch vollstandiger Eimer stammt aus 
Sacrau; er besteht aus Eibenholz und ist reich mit Bronzebandern 
und halbmondformigen Bronzeblechen beschlagen. Ein kleines 
Gefafi aus Eichenholz, gleichfalls aus Sacrau, ist die alteste 
Drechslerarbeit in Holz, die wir besitzen. 

Die iVIetallgefaCe bestehen ausschUefilich aus Bronze. Sie 
haben ahnHche Formen wie die der vorigen Periode, sind aber 
nicht so solide gearbeitet (S. 109). Eigenartig sind die Ornamente 
vieler Gefafie. Ein flacher Kessel z. B. tragt runde, bewegHche 
Henkel an drei aus Weinblattern heraustretenden Pantherkopfen. 
Denselben figiirUchen Schmuck finden wir auch auf einem etwa 
meterhohen vierfiiftigen Gestell, dessen Fiifie durch diinne, beweg- 
hche Schienen so verbunden sind, dafi sie enger und weiter 
gestellt werden konnen. Die FuCe sind mit Bacchusbiisten 
bekront; darunter steht an den zwei Vorderstaben je eine 
Satyrfigur, zu der ein Panther aufbUckt. Vierfiilie dieser 
Art wurden wahrscheinUch, ebenso wie die entsprechenden 
Fundstiicke aus Pompeji, zum Tragen von Tischplatten benutzt. 



XVII. Die spatromische Eisenzeit. Glasgefafie 



121 



Der Panther tritt auch in dem flachen Bodenstiick eines 
Bronzetellers auf. In seiner INIitte sind auGer dem Panther 
eine Elchkuh, ein Elch und ein Greif in sehr bewegter SteHung 
eingraviert. 

Zu den Luxusgegenstanden konnen wir auch die Erzeugnisse 
der hochentwickehen Glasindustrie zahlen. Glasgefafie treten 
jetzt in Schlesien zum ersten Male auf, und zwar als Importstiicke 
von ganz bewunderungswiirdiger Arbeit. Eine Trinkschale mit drei 
Reihen ovaler und kreisrunder HohlschUffe ist besonders durch 
den Reiz des durchscheinenden, weinroten Glases ausgezeichnet. 
Nicht weniger bewundernswert sind die Schalen aus Milletiori- 
oder IMosaikglas. Ein Beispiel gibt uns eine zierUche Schale, 
die in einem dunkel-violetten 
Grundton farbenreiche Bliim- 
chen zeigt (Fig. 317). Man 
stellte dieses Glas her, indem 
man einen ziegelroten, gelbum- 
gossenen Stab mit mehreren 
ahnUch eingefaCten griinen 
Stabchen umgab und das 
Biindel mit Glasfufi verband. 
Das Ganze wurde darauf mit 
vielen rosaroten Stabchen umstellt und wiederum in einen farbigen 
GlasfluG getaucht. Die so entstandene Stange lieB sich durch 
Erhitzen erweichen, in diinnere Stabchen, die im Querschnitt das- 
selbe Muster hatten, ausziehen und in kurze Stiicke zerteilen. 
Diese setzte man mosaikartig in einen weichen Glasflufi und 
preftte daraus Schalen verschiedener Form. Auch Perlen wurden 
aus diesem buntgebliimten Glase hergestellt. In grolSen Mengen 
treten sie in Italien, Siidrufiland, Ungarn und Nordeuropa auf. 

Zur Kennzeichnung der hochentwickelten romisch-gotischen 
Kultur mogen die bisher besprochenen Gegenstande geniigen. 
Erwahnt sei jedoch, dafi aus den Fiirstengrabern von Sacrau noch 
ein reiches Material dazu vorhanden ware. Diese Grabfunde, die 
Stadtaltester Dr. von Korn dem Schlesischen Museum fiir Kunst- 
gewerbe und Altertiimer zum Geschenk gemacht hat, iibertreffen 
an Reichhaltigkeit und Kostbarkeit alle, die je in Schlesien zu 
Tage getreten sind. Auch die ahnlichen Funde aus spatromischer 
Zeit, die man aufierhalb Schlesiens, besonders in Ungarn und im 
skandinavischen Norden, aufgedeckt hat, sind weniger reich. 




Fig. 517. Millefiorisch.ile, etwa 1/2. 



122 



XVII. Die spatroniische Eisenzeit 




Das absolute Alter dieser Funde laCt sich durch slilistische oder 
technische Eigentumlichkeiten, oft aber auch durch beigegebene 
Miinzen bestimmen. Das dritte Grab von Sacrau z. B. hat 

in einer Goldmunze des Claudius 
Augustus (Gothicus) ein solches 
Mittel geliefert. Zu Ehren dieses 
Kaisers wurden im Jahre 270 bald 
nach seinem Tode Miinzen ge- 
Fig 3,8a b. pragt. Da die gefundene Miinze 

Goldmunze des Claudius Augustus, '/i- nOCh gUt erhalten ist, durftC dCf 

Sacrauer Fund, entsprechend den analogen Funden des Auslandes, 
dem Ende des dritten oder dem Anfange des vierten Jahrhunderts 
angehoren. 

Die Fiirstengraber von Sacrau geben uns ein Bild von der 
Pracht, mit der der Wohlhabende sich in der spatromischen Pe- 
riode umgeben konnte; den Kulturbesitz des Volkes finden wir 
dagegen besser in den gewohnlichen Grabern dargestellt. Diese 
enthalten im allgemeinen verhaltnismafiig wenige importierte 
Arbeiten aus Edelmetallen oder Bronze, sind aber reich an Waffen, 
die in Sacrau ganz fehlen. Das Hervortreten der Waffen, das 
sich schon seit der jungeren La Tenezeit in den Funden beob- 
achten laCt, weist darauf hin, daft sich der kriegerische Sinn 
in den Bewohnern Schlesiens bis in die spatromische Zeit er- 
halten hat. Ein Fortbestehen der alten Bevolkerung geht auch 
aus anderen Grabbeigaben, insbesondere den Tongefafien und 
Eisengeraten, hervor, die im Lande selbst angefertigt sind; sie 
haben die Formen der romischen Periode entweder unverandert 
beibehalten oder nur umeestaltet. 



L I T E R A T U R zu Kap. XVI und XVII 
W. Grempler, Der Fund von Sacrau. Brandenhury-Berlin 1887; Der II. 
und III. Fund ron Sacrau. Berlin 1888. — H. Seger, Der Fund von Wichulla. 
Schles. Vorz. VII; Ein schlesischer Begrdbnisplatz des 3. Jahrkunderls n. Chr. 
hei Koehen a. d. Oder. Schles. Vorz. VI; Fundchronik iiber Georgendorf. Kr. 
Steinau. Schles. Vorz. VI. — Joseph Partsch, Schlesien. Breslan 1896. — 
Berxhaku Salis, Die alfgernianische Tierornamentik. Stockholm 1904. — Gustaf 
KossiNNA, Zur Archdologic der Ostgernianen. Zeitschrift filr Ethnologic 1905. — 
Olshausek, Beitrag zur Qeschichte des Haarkammes. Verhandl. d. Berliner 
anthrop. GesellscJmft 1899. — Oscar Almgreen, Uher norddeutsche Fibelformen. 
Stockholm 1891. — Sophus MCller, Nordische Alfertnniskunde Strassbiirg 1898; 
Urgeschichte Europas. Stras>iburg 1905. — Oscar Montelils, Den nordiska 
jernalderns kronologi. Svenska Fornminnesf. Tidskr. JX. 



I 



XVIII. Die Volkerwanderungszeit 123 



XVIII. Die Volkerwanderungszeit 

Die grofie Volkerbewegung, die im siidostlichen Europa durch 
den Einbruch der Hunnen in das Gotenreich im Jahre 375 begann, 
fiihrte dazu, dafi die Vandalen Schlesiens und Pannoniens ebenso 
wie einige andere germanische Stamme Mitteleuropas zu Beginn 
des fiinften Jahrhunderts (406) ihre Wohnsitze aufgaben, um sich in 
siidlichen Gegenden eine neue, reichere Heimat zu suchen; sie 
zogen iiber den Rhein durch Gallien und liefien sich zunachst in 
Spanien nieder, setzten dann aber im Jahre 429 nach Nordafrika 
iiber und griindeten dort ein Reich mit der Hauplstadt Karthago. 
Ihre Heimat in Schlesien und Pannonien hatten die Vandalen in- 
dessen nicht ganz unbevvohnt gelassen, ein Teil von ihnen war in 
den alten Sitzen zuriickgeblieben. 

Noch in demselben Jahrhundert, in dem die Hauptmasse der 
Vandalen Schlesien verlassen hatte, schoben sich Schwarme 
slavischer Stamme aus dem Innern RulMands zwischen den aus- 
gedehnten Siimpfen des Pripet, eines westlichen Nebenflusses des 
Dnjepr, und den Karpathen nach Westen und drangen in das Land 
der oberen Oder ein. Von hier verbreiteten sie sich, oft durch 
neue Zuziige verstarkt, in dem schwach bevolkerten Ostdeutsch- 
land allmahlich bis zu der Elbe und dem Bohmerwald. Ihrem An- 
drange waren die schwachen Reste der Germanen auf die Dauer 
nicht gewachsen, sie gingen in den neuen Bewohnern auf. Eine 
Erinnerung an sie ist uns durch die Slaven in dem Worte Schlesien 
erhalten. Bei den spateren Slaven fiihrte namlich der Zobten den 
Namen Slenz, ein Wort, das sich lautlich mit dem lateinischen 
Silingis deckt; die ostlich vom Zobten fliefiende Lohe hiefi bei 
ihnen Slenza, lat. Silingia, und der Gau, in dem Nimptsch lag, 
hatte entsprechend dem pagus Silensis des Chronisten Thietmar, 
Bischofs von Merseburg (f 1018), die Bezeichnung Slenzane er- 
halten, v^oraus sich das Wort Schlesien entwickelt hat. Diese 
slavischen Namen gelten als lateinischen Ursprungs, ruhren aber 
moglicherweise von jenen Slaven her, die noch mit den Silingern 
in Beruhrung gekommen sind. Damals mogen Reste dieses 
vandalischen Stammes, der einige Jahrhundertc vorher in der Lausitz 
und im Riesengebirge wohnte (S. 1021, in dem alten, durch Frucht- 
barkeit ausgezeichnetcn Kulturlande um den Zobten angesiedelt 
gewesen sein. 



124 XVIII. Die Volkerwanderungszeit 



Wann der Aufsaugungsprozefi der Reste der germanischen 
Bevolkeruiig durch die Slaven beendet war, lafit sich nur 
schatzungsweise angeben. Als Prokop seinen Vandalenkrieg schrieb, 
also um die Mitte des sechsten Jahrhunderts, soUen keine Vandalen 
mehr in ihren alten Stammsitzen vorhanden gewesen sein. Wie 
in Ungarn, werden sie auch in Schlesien damals schon verschwunden 
gewesen sein. Ihr Ende diirfte in das Ende des fiinften oder den 
Anfang des sechsten Jahrhunderts fallen. Diese Periode des 
Volkerwechsels wird gewohnlich die Volkerwanderungszeit 
genannt, ist aber zu unterscheiden von der Zeit des romisch- 
gotischen Einflusses, auf die ja auch bisweilen dieser Name an- 
gewendet wird. Da manche Funde dieser Ubergangszeit durch 
germanische und slavische Eleraente gekennzeichnet werden, so 
kann sie auch als die germanisch-slavische Periode be- 
zeichnet werden. Mit ihr fallt die Merowingerzeit des Westens 
zum Teil zusammen. 

Wie in friiheren Perioden eines Volkerwechsels ist auch in 
dieser die Zahl der erhaltenen Altertiimer nur gering. An den 
Eisengegenstanden, Tongefafien und anderen einheimischen 
Erzeugnissen treten nur wenige Formen hervor, die man als 
charakteristisch fiir diese Periode bezeichnen konnte. Bisweilen 
miissen wir daraus, dafi Funde sowohl Ziige aus dem Formenkreise 
der vorigen, spatromischen Periode als auch Eigentiimlichkeiten 
der folgenden, slavischen Periode aufweisen, auf ihre Zugehorigkeit 
zu dieser Periode des Obergangs schlief3en. Zu der Volker- 
wanderungszeit zahlen wir z. B. die Funde aus Ludwigsdorf, 
Kr. Oels, Rathen, Kr. Neumarkt und Neuhof, Kr. Liegnitz. 
Sie enthalten groGere ornamentierte Scherben, eine Lanzen- 
spitze mit langer Tiille und vierkantigem Blatt, ein langes Schwert, 
eine Schere, einen Schildbuckel, Teile und Beschlagstiicke eines 
Eimers u. a. m. 

Sicherer datierbar sind die Fundstiicke fremden Ur- 
sp rungs. Eine Dreiknopffibel aus Bronze (Fig. 319), am FuB 
mit tierkopfahnlichem Ansatz, ist eine Weiterbildung von Fibel- 
formen der vorigen Periode. Charakteristisch fiir diese Zeit ist 
auch der kostbare Ring von Ransern, Kr. Breslau, (Fig. 322) aus 
geschmiedetem Feingold, 708 gr. schwer. Der starke Reif hat 
einen kreisformigen Querschnitt und ist mittels eines Einsteck- 
schlosses verschliefibar. Um die Enden winden sich aufgelotete 
Golddrahtspiralen. Das Schliefiende tragt eine Rosette aus acht 



XVIII. Die Volkerwanderunoszeit. Schnmck 



125 




f'K- 5'9 — )2i. Bronzelibel; Schnalle 
und Giirtelbeschlag. Gold, 2^3. 



blattformigen Feldern, die sich um ein viereckiges Mittelstiick 
gruppieren. Diese neun Hohlraume sind mit Gianatplattchen aus- 
gelegt. Schmucksachen aus Edelinetall, die mit groBeren Steinen 
besetzt sind, trafen wir schon in der vorigen Periode, in der sich 
der Einflufi der romisch - gotischen j,, .^^ 

Industrie im siidostlichen Europa be- 
sonders stark geltend machte. Audi 
der Ring von Ransern verrat diesen 
Geschmack: die Behandlungsart der 
Zellen (cloisons) und die kraftige Form 
des ganzen Stiickes bringen ihn jedoch 
mit einer Reihe ahnlicher Funde in 
Verbindung, die der Volkerwanderungs- 
zeit angehoren. Eine Verzierung durch 
farbige Steine finden wir auch auf 
mehreren Fundstiicken aus dem reich 
ausgestatteten Skelettgrabe von Hock- 
richt, Kr. Ohlau. Sechs diinne, recht- 
eckige Goldplattchen (Fig. 321), die als Giirtelbelag gedient haben, 
finden wir dort von Reihen getriebener kleiner Erhohungen 
eingefafit und der Lange nach in zwei Felder zerlegt. Diese tragen 
als Verzierung rotbraune Steine (Granat oder Karneol), die von 
aufgeloteten Rahmen gehalten werden. Auch zwei Schnallen, die 
aus Eisen bestehen und mit Goldblech iiberzogen sind, haben als 
Heftteil ahnlich verzierte Goldplattchen. Eine andere Schnalle 

aus diesem Funde 
besteht aus Gold 
und tragt auf dem 
rechteckigen Heft- 
teil ein Zickzack, 
durch das dicFlache 
in vier dreieckige 
Zellen zerlegt wird ; 

diese sind mit 
Granatenoder einer 
ahnlichen Steinart 
ausgelegt(P^ig.320). 
Aulier diesen und 
einigen anderen 

Fig. 522. Goldriiig von Ransern, 2,5. SchmUckstUCkcn 




126 \IX. Die slavische unci die polnisclie Periode 

aus Gold gehoren zwei eigenartig geforrnte BronzegefaGe zu 
dem Funde. Er befindet sich im Besitze des Museums fiir 
Volkerkunde in Berlin. 

Wahrscheinlich sind die Goldschmiedearbeiten dieser Periode 
nach Schlesien im Gefolge eines Kulturstromes gelangt, der sich 
von den Ufern des Schvvarzen Meeres nicht wie in der vorigen 
Periode nach Nordwesten, sondern in mehr westlicher Richtung 
durch Ungarn bis nach Frankreich und durch westgermanisches 
Gebiet bis nach Skandinavien ergofi. Goldschmuck dieses Formen- 
kreises wird nie oder nur sehr selten in slavischem Besitz an- 
getroffen, und daher gehen wir wohl nicht fehl, wenn wir die 
einstigen Besitzer dieser Funde zu den Resten der alten vandalischen 
Bevolkerung Schlesiens zahlen. 

L I T E R A T U R 
WiLHELM Grempler, Der Goldritig von Ransern. Schlcs. Vorz. N. F. I. — 
J. Hampel, Altertiimer des frilhen Mittelalters. Braunschweig 1905. — Bernhard 
Salin, Die alfgermanische Tierornamentik. Stockholm 1904. — Oscar Montelius, 
Den nordiska jernalderns kronologi Svenska Fornminnesf. Tidskr. IX — Eduard 
Krause, Der Fund von Hockricht, Kr. Ohlan. Schles. Vorz. N. F. III. — J. Partsch, 
Schlesien. Breslmi 1896. — H Seger, Ein Grabfimd der Volkertvanderungszeit 
aiis Neuhof bei Liegnitz. Mitteil. d. Gesch. u. Altert.-Ver. f. Liegnifz. 1906. 



XIX. Die slavische und die polnische Periode 

Der Kulturzustand Schlesiens wahrend der ersten Jahrhunderte 
rein slavischer Besiedlung, also etwa vom sechsten bis neunten 
Jahrhundert, ist noch vollig unaufgeklart. Keine Geschichtsquellen, 
keine zuverlassig datierten Altertiimer besitzen wir, die uns dariiber 
Aufschlufi geben; nur auf Vermutungen sind wir angewiesen. 

Das Fehlen der eigenartigen Formen, die im Westen und 
Norden wahrend dieser Zeit auftreten, spricht dafiir, dali die 
Slaven mit ihren germanischen Nachbarn, gegen die sie bis gegen 
Ende des achten Jahrhunderts langsam, aber erfolgreich vor- 
drangen, in keinen Handelsverbindungen standen. War doch auch 
Karl der Groiie ausdriicklich darauf bedacht, den Verkehr seines 
Volkes mit den Slaven zu erschweren. Als er im Jahre 805 
gegen sie eine Friedensgrenze, den limes sorabicus, festsetzte, 
der sich etwa von Regensburg iiber Bamberg, Erfurt und Magde- 
burg nach der Kieler Bucht hinzog, bestimmte er, dafi Waffen 



XIX. Die polnische Periode 127 

iiber diese Grenze iiberhaupt nicht ausgefiihrt werden sollten; 
einen Handel mit anderen Gegenstanden liefi er an einzelnen 
Hauptpunkten dieser Strecke zu, jedoch mit der Beschrankung, 
daft sich kein slavischer Kaufmann nach Deutschland und kein 
deutscher Kaufmann ins Slavenland begeben diirfe. Wir werden 
also nicht viele westlichen Elemente in der Hinterlassenschaft der 
damaligen Bevvohner Schlesiens zu erwarten haben. Auch von den 
kostbaren Schmucksachen, die Ungarn in der zweiten Haltte des 
ersten Jahrtausends besessen hat, scheint nichts zu den Slaven 
Schlesiens gelangt zu sein. Ihr Kulturbesitz bestand wahrscheinlich 
nur aus dem, was sie aus ihrer Heimat im ostlichen Europa mit- 
gebracht oder von dort empfangen hatten, und war wenig von dem 
der spateren, polnischen Bewohner Schlesiens verschieden. Hat 
man auch von den vorhandenen Funden eine Anzahl durch Miinzen 
und andere datierbare Stiicke bestimmt der spateren polnischen 
Periode zuweisen konnen, so ist es doch noch nicht gelungen, in 
dem iibrigen Material eine altere Gruppe von einer jiingeren zu 
scheiden. Daher werden auch manche von den Erscheinungen, 
die wir im foigenden im Verein mit jiingeren Formen besprechen, 
sicherlich schon der alteren Periode zuzuzahlen sein. 

Von den Zustanden Schlesiens wiihrend des zehnten, elften 
und zwolften Jahrhunderts konnen wir uns eine bestimmtere Vor- 
steliung machen. Graber, Wohnstatten, einzelne und in Gruppen, 
Burgberge und andere Anlagen sind uns aus jener Zeit erhalten 
geblieben und haben zum Teil eine grofie Zahl Gebrauchsgegen- 
stande einheimischen und fremden Ursprungs geliefert. Vielfach 
lassen auch die Ortsnamen, die Dorfanlagen und die Flurgrenzen 
Schliisse auf die damaligen Besiedlungs- und Kulturverhaltnisse zu. 
Dazu kommt, dafi das aus diesen Elementen zusammengesetzte 
Kulturbild zum Teil schon von dem Lichte geschichtlicher Cber- 
Heferung erhellt wird. 

Anfang und Ende dieses Abschnittes werden durch das Vor- 
kommen von Silberschmuck und Silbermihizen eigener Art, den 
sogenannten Hacksilberfunden (S. 142), bestimmt, die ein reger 
Handelsverkehr des Orients mit dem Norden, insbesondere mit 
Norddeutschland und Skandinavien, hierher gebracht hat. Nach 
der Hinterlassenschaft dieses Verkehrs bezeichnet man die Kultur- 
periode oft als die orientalisch-nordische. Der Beginn fallt bei 
uns etwa mit dem Auftreten Meskos zusammen, der die zwischen 
Oder und Weichsel verstreut wohnenden Polen zu einem Staat 



128 XIX. Die polnische Periode. Dreigriiben 



vereinte und Schlesien iinter polnische Herrschaft brachte, dann 
im Jahre 966 zum Christentum iibertrat und allmahlich die 
Bekehrung der ganzen Bevolkerung veranlaCte. Der Schlufi der 
Kulturperiode gehort der Zeit an, in der Schlesien wieder von 
deutschen Einwandern besiedelt und in ein deutsches Land 
umgewandelt zu werden begann; als bestimmtere Scheidegrenze 
mag die Mitte des zwolften Jahrhunderts angesehen werden, 
als Schlesien eigene Herzoge erhielt (1163), die die begonnene 
Einwanderung der Deutschen absichtlich forderten und so die 
Regermanisierung herbeifiihrten. Nach den zahlreichen Alter- 
tiimern, die auf die Tatigkeit der polnischen Bevolkerung in 
Schlesien zuriickgehen, bezeichnen wir diese Zeit auch als die 
polnische Periode. 

Die geschichtlichen Ereignisse dieses Zeitabschnittes konnen 
in dem engen Rahmen unseres Entwurfes nur soweit beriicksich- 
tigt werden, als sie fiir die Beurteilung und Deutung der erhaltenen 
Altertiimer, in Betracht kommen. Im iibrigen sei auf die „Ge- 
schichte Schlesiens" von Griinhagen verwiesen. 

In keiner vorgeschichtlichen Periode tritt die Sorge um den 
Schutz des Landes so deutlich hervor wie in der polnischen. Den 
damaligen Bewohnern Schlesiens geniigte die natiirliche Grenz- 
wehr nicht, die sie in den schwer zuganglichen Gebirgswaldern 
gegeniiber Bohmen und Mahren besafien. Sie errichteten auch 
kiinstliche Verteidigungswerke. Eine solche Bestimmung hatte die 
viele Meilen lange Anlage der Dreigraben. Sie ist nach den 



-f^^"^ 



r^t 



Fig. 323. Normalquerschnitt der Dreigraben. i : i;o. NacVi einer ZeicVinung von Landmesser Hellmich. 

Graben benannt, die sich neben und zwischen zwei groGen, 
parallel laufenden Wallen hinziehen (Fig. 323), Der abgebildete 
Querschnitt veranschaulicht einen Teil der Grenzwehr und deutet 
auch die Form an, die sie urspriinglich vielleicht gehabt hat. 
An vielen Stellen zeigt die Anlage auch ausgedehntere Profile; 
es wechseln bisweilen dreimal Wall und Graben mit horizontalen 
Flachen ab. Die Walle waren ohne Zweifel meistens mit 
Gestrupp, Verhauen und anderen Hindernissen versehen. Diese 



XIX, Die slavisch-polnische Periode. Burgwiille 120 

alte Grenzwehr zieht sich auf der rechtcn Seite des Bobers in 
siidlicher Richtung etwa von Crossen bis nach Eulau, einem Orte 
zwischen Sprottau und der Queismiindung, dann von einem zwei 
Meilen siidlicher gelegenen Punkte am Queis in ostlicher Richtung 
etwa drei Meilen iiber den Bober hinaus. In dem freigelassenen 
Gebiet, sudlich von Eulau, boten die beiden Fliisse Queis und 
Bober hinlanglichen Schutz gegen Westen. 

Die Entstehung dieser Langwalle diirfen wir wohl auf die 
jahrhundertelangen Kampfe zuriickfiihren, die die Fiirsten von 
Polen seit ihrer Besitznahme Schlesiens mit den Herzogen von 
Bohmen zu bestehen hatten. Sie spielten auch eine Rolle in den 
Beziehungen der Polen zu den deutschen Kaisern, die darauf 
bedacht vvaren, ihre Hoheitsrechte geltend zu machen. An den 
Dreigraben bei Eulau fand im Jahre looo zwischen dem Kaiser 
Otto III., der zum Grabe des heiligen Adalbert (f 997) in Gnesen 
wallfahrtete, und Boleslaw Chrobry, dem Nachfolger Meskos, eine 
Begegnung statt, die fiir die selbstandige Entwicklung Polens und 
seiner Kirche von Bedeutung wurde. Etwa anderthalb Jahrhunderte 
spater begegnete Kaiser Friedrich I. auf seinem fiir die Reger- 
manisierung Schlesiens wichtigen Feldzuge gegen Boleslaw IV. von 
Polen auf dieser Grenzwehr geschickt angelegten Baumverhauen, 
die ihm und seinem Heere den Weg versperren sollten. 

Den Dreigraben lassen sich die sogenannten Burgwalle an 
die Seite stellen. Diese aus Erde oder Stein bestehenden Wall- 
anlagen in Gestalt eines Ringes, seltener eines Vierecks kommen 
nicht nur in Schlesien vor, wir finden sie auch in seinen Nachbar- 
landern und weiter in dem ganzen Gebiet von Italien bis England, 
Norwegen und Finnland. Das Volk kniipft an sie mancherlei 
Sagen und sieht in ihnen gewohnlich Schanzen, die in Kriegsnot 
errichtet worden sind. Es nennt sie daher oft Schwedenschanzen, 
Hussitenschanzen oder Tartarenschanzen. Auf eine altere Zeit 
weisen die Namen zuriick, die eine Umbildung des slavischen grad 
(Umfriedigung) enthalten, wie der Grodziskowall bei Loslau, Kr, 
Rybnik, der Groditzberg, Kr. Haynau- Goldberg, u. a. Die Form 
oder den Zweck beriicksichtigen Bczeichnungen wie Ringwall, 
Burgwall, Wallburg oder Schlofiberg. Manche Burgwalle tragen 
auch eigene Namen. 

Liegen die Burgwiille auf felsigen Hohen, wie z. B. auf dem 
Geiersberge oder dem Zobten, so bestehen sie gewohnlich aus 
einem Steinwall, der wahrscheinlich einst die Form einer Maucr 

y 



I30 



XIX. Die slavisch-polnische Periode, Burgwalle 




gehabt hat. Aiif grofieren oder kleineren Hugeln werdeii sie von 
einem Erdwall gebildet. Dieser umschliefit eine geebnete Flache 
oder eine kesselartige Vertiefung (Fig. 324a und b), bisweilen 

auch eine plateau- 
artige Erhebung. 
Die Burgwalle der 
Ebene, zu denen 
man auch wieder 
den in der Nahe 

vorhandenen 
Boden benutzte, 
zeigen meistens 
einen etwas iiber 

Fig. 52^ a. Burguall von Gustau n. d. Modell. i : looo. daS NlVeaU dcS 

Landes erhohten 
Innenraum. Dieser mufite bei Ringwallen auf sumpfigem oder 
moorigem Terrain, den sogenannten Sumpfburgen, sorgfaltig 
befestigt werden, was in einzelnen Fallen, wie z. B. in Grofi- 
Graditz, Kr. Glogau, oder Gnichwitz, Kr. Breslau, dem Anscheine 
nach auch durch Baumstamme , die in den Sumpf versenkt 
wurden, herbeigefiihrt wurde. Manche Burgwalle sind von einem 
Graben umzogen, der urspriinglich einen Teil der Wallschiittung 
geliefert hat, aber auch als Schutzmittel diente. Kunstvollere 
Anlagen sind die Doppelringwalle, wie z. B. die von Dalkau 
und Denkwitz, Kr. Glogau, oder der Rummelsberg, Kr. Strehlen. 
Manche Burgberge enthalten besonders in den Wallen neben den 
Spuren verbrannter Holzer verschlackte Steine, die aus Gneis, 
Diorit oder Basalt bestehen. Solche Verschlackungen sind z. B. 
auf dem Breiten Berge bei Striegau, dem Weinberge bei Peterwitz, 
Kr. Jauer, der Landskrone bei Gorlitz und dem Burgberge von 
Jagerndorf festgestellt worden. Ob in diesen sogenannten Schlacken- 
wallen, die auch weit aufierhalb Schlesiens beobachtet worden 
sind, der Schmelzprozefi der Steine auf ein beim Bau planvoll 
vorbereitetes Feuer, wie Virchow angenommen hat, oder auf 
unbeabsichtigte grofie Brande zuriickzufiihren ist, wie andere 
behaupten, mag dahin gestellt bleiben. 

Die Grofte der Burgwalle zeigt grofie Schwankungen. Zu den 
kleinsten zahlen die Schanze bei Geppersdorf, Kr. Lowenberg, 
oder die auf dem Harte- oder Klapperberg bei Johnsbach, Kr. 
Frankenstein, die nach Vugs Messung eine Lange von 13 m und 



XIX. Die polnische Periode. Burgwalle 



131 




Fig. 524 b. Burgwall von Gustau n. d. Naiur. 

eine Breite von 12 m hatte. Die Ausdehnung der meisten 
Burgwalle ist sehr viel grofier. Die umfangreichste Anlage ist wohl 
das quadratische Wallefeld bei Lubowitz, Kr. Ratibor, das bei einer 
Seitenlange von etwa 550 m einen Flacheninhalt von mehr als 
20 Hektar besitzt. 

Die Burgwalle, von denen wir in Schlesien mit EinschluB der 
Oberlausitz bis jetzt beinahe dreihundert kennen, sind am dichtesten 
in dem Gebirgsvorlande errichtet worden, das sich von der Gorlitzer 
Neisse bis zur Glatzer Neisse und dariiber hinaus bis zur Oppa 
erstreckt. Nur ganz vereinzelt kommen sie auf der rechten Oder- 
seite vor, die ja im allgemeinen auch weniger besiedelt und feind- 
lichen Angriffen von seiten Bohmens nicht so sehr ausgesetzt war. 
Unzweifelhaft sind viele Burgwalle im Laufe der Zeit besonders 
im Flachlande vom Erdboden verschwunden. 

In der Hinterlassenschaft der einstigen Bewohner der Burg- 
berge sind Scherben von hart gebrannten, auf der Drehscheibe 
hergestellten GefafJen am haufigsten vertreten. Sie haben ganz 
charakteristische Eigentiimlichkeiten, die Virchow unter dem Namen 
Burgwalltypus zusammengefafk hat. AufSer ihnen kommen 
dort Gerate sehr verschiedener Art vor, die hauptsachlich auf 
eine fricdliche Beschiiftigung der Bewohner hinweisen; daneben 
finden sich aber auch vielfach VVaffen. Gegenstande, die durch 
edles Material oder kunstvolle Arbeit ausgezeichnet sind, ge- 
horen zu den grofiten Seltenhoiten, sodafJ wir die Bewohner in 
bezug auf Reichtum, Kunstsinn und technische Fertigkeit nur sehr 
niedrig einschatzen diirfen. Bemerkenswert ist in dieser Beziehung 
fast nur der Hacksilberfund vom Burgwall bei Gnichwitz, Kr. Breslau, 

9* 



132 XIX. Die polnische Periode. Burgwalle 



der sich aus Silberbarren, Silberschmuck und Silbermiinzen zu- 
sammensetzt. Ofters stofien wir auch auf groCere oder kleinere 
Mengen von Getreide, wie z. B. von Roggen, Hirse, Hafer, Gerste 
und Erbsen, ferner auf Haustierknochen, namentlich von Pferden, 
Rindern, Schweinen, Ziegen, Schafen, und auf Geweihe von 
Hirschen und Rehen. Diese Funde geben uns in grofien Ziigen 
ein Bild von den Nahrungsmitteln und den Haus- und Jagdtieren 
der damaligen Zeit. In einzelnen Fallen sind innerhalb der Burg- 
walle auch Graber aufgedeckt worden. 

Harte Lehmstucke, die Abdriicke von Staben oder Balken 
zeigen, sind die diirftigen Reste der Wohnhutten, die hauptsach- 
lich aus Holz bestanden und daher leicht verganglich waren. 
Wahrscheinlich erhob sich einst innerhalb mancher Burgwalle auch 
ein hohes Bauwerk, das im Falle des Krieges besonders im flachen 
Lande von Bedeutung war, weil es nicht nur einen weit reichenden 
Ausblick gestattete, sondern auch die Waffenwirkung der Ver- 
teidiger erhohte. An einigen Orten haben sich namlich Reste 
eines alten Mauerwerkes erhalten, das vielleicht zu einer Wall- 
burg gehorte, wie z. B. auf dem Grodziskoberge bei Loslau. Kr. 
Rybnik. Auf dem Hannigberge bei Lampersdorf, Kr. Franken- 
stein, war ein kreisrundes, von einer tiefen Zisterne umschlossenes 
Bauwerk, vielleicht einst ein Wartturm, wahrend ein anderes, in 
der Nahe befindliches Mauerwerk aus Stein einst die Wallburg 
trug. Ob diese Bauwerke aus der polnischen Zeit stammen oder 
wie die mancher anderen Burgwalle einer jiingeren Zeit angehoren, 
lafit sich nicht mit Bestimmtheit sagen; die daneben lagernden 
Scherben der polnischen oder slavischen Periode sind fiir eine 
Altersbestimmung der Bauten zu wenig mafigebend. 

Unter dem von Burgbergen herriihrenden Fundmaterial gibt 
es auch Gegenstande, die sehr viel alter als die bisher besprochenen 
sind; Knochenurnen und Scherben von GefaCen aus der Zeit der 
Urnenfelder, Absatz- und Tiillenaxte, Messer, Nadeln, Pfeilspitzen 
und Ringe aus Bronze, sowie Axte und Pfeilspitzen aus Stein 
weisen darauf hin, dafi die Fundstellen schon in der Bronzezeit, 
ja in der Steinzeit wahrend einer langeren oder kiirzeren Zeit be- 
wohnt waren. Ob damals aber auch schon die Ringwalle vor- 
handen waren, bleibt fraglich (S. 73). 

Eminteressantes geschichtliches Zeugnis fiir die Anlage vonBurg- 
wallen durch die Slaven besitzen wir in dem arabisch geschriebenen 
Bericht des Juden Ibrahim ibn Jakub, d. h. Abraham, Jakobs 



XIX. Die polnis che Periode. Gescliichtliches zu den Burgwallen 133 

Sohn, der sich im Jahre 973 als Mitglied einer spanischen oder 
afrikanischen Gesandtschaft an dem Hofe des Kaisers Otto I. in 
Magdeburg (oder Merseburg?) aufliielt. Er ist audi nach Mecklen- 
burg gekommen und erwahnt in seinem Reisebericht eine Burg 
Wili-Grad (GroBe Burg), deren Namen sjiater ins Deutsche iiber- 
setzt zu Michelenburg und dann zu Meklenburg (bei Wismar) wurde. 
Im Anschluli an sie sagt er (nach Wigger:) „ Wili-Grad ist in 
einem SiiGwassersee erbaut, sowie die meisten Burgen der 
Slaven. Wenn sie namlich eine Burg griinden wollen, so suchen 
sie ein VVeideland, welches an Wasser und Rohrsiimpfen reich ist, 
und stecken dort einen runden oder viereckigen Piatz ab, je nach 
der Gestalt und dem Umfange, welche sie der Burg geben wollen. 
Dann ziehen sie darum einen Graben und haufen die ausgehobene 
Erde auf. Diese Erde wird mit Brettern und Balken so fest ge- 
stampft, bis sie die Harte von Pise (tapia) erhalten hat. Ist dann 
die Mauer (der Wall) bis zur erforderten Hohe aufgefiihrt, so wird 
an der Seite, welche man auswahlt, ein Tor abgemessen und von 
diesem eine holzerne Briicke iiber den Graben gebaut". 

Fiir die Beurteilung der polnischen Burgwalle ist es von Be- 
deutung, dafi wir Nachrichten iiber die alteste Verwaltung im 
Polenreiche besitzen. Boleslaw Chrobry (992 — 1025), der die 
Herrschaft der Polen nicht nur bis zur Elbe und Ostsee ausdehnte, 
sondern seinem Reich audi eine geregelte Verwaltung zu geben 
suchte, setzte Beamte, sogenannte Kastellane, ein, die an seiner 
Stelle innerhalb eines beschriinkten Gebietes die Verwaltung leiteten, 
fiir die Verteidigung sorgten und die Gerichtsbarkeit ausiibten. Die 
Wohnsitze dieser Beamten, die Kastellaneien, konnen wir nur 
in den Wallburgen suchen, die also zugleich Zentren der Ver- 
waltung waren. Der Aufsicht der Kastellane waren jedenfalls be- 
sonders die Burgwalle unterstelJt, die an hervorragenden, expo- 
nierten Punkten, an wichtigen Flufiiibergangen, Passcn oder Strafien 
errichtet und dann meistens auch durch die Art der Anlage zur 
Verteidigung gegen einen Ansturm wohl geeignet waren. Im 
Falle des Krieges mogen in diesen Burgwallen die Bewohner der 
Umgegend, falls sie sich nicht in die Walder fliichteten, Aufnahme 
gefunden haben, um zugleich auch an der Verteidigung teilzu- 
nehmen. 

Eine dieser wichtigen und viel umstrittenen Burgen war 
Nimptsch, die Mesko in einem der vielen Kampfe gegen Bohmen 
im Jahre 990 eroberte. Bemerkenswert ist die Erwahnung der 



1^4 XIX. Die polnische Periode. Burgwalle. Pfahlbauten 



Burg in so friiher Zeit. Ihr damaliger Name Nemzi ist namlich 
nach dem Zeugnisse Thietmars auf die Deutschen (Niemci d. i. 
Deutsche) zuriickzufiihren, die in slavischem Solde bei dem Bau 
der Burg beteiligt waren. Er bildet das erste Zeugnis von einem 
neuen Auftreten von Deutschen in dem slavisierten und spater 
polonisierten Schlesien. Merkwiirdigerweise erscheinen die Deutschen 
also zuerst in dem Gau Slenzane wieder, in dessen Namen ja 
noch eine Erinnerung an die friihere, germanische Bevolkerung, an 
die langst verschollenen Silinger, nachklingt (S. 102, 123). Wie 
Nimptsch haben viele andere Burgen wahrend der polnischen 
Periode eine hervorragende Rolle gespielt. Es wiirde uns jedoch 
zu weit fuhren, dieser Frage nachzugehen; wir verweisen daher auf 
die Ausfuhrungen von Partsch (Schlesien I, S. 342 ff.), der die 
Bedeutung vieler Kastellaneien fiir den Verkehr und die Landes- 
verteidigung mit Beriicksichtigung der geographischen Lage und 
der geschichtlichen Uberlieferungen darlegt. Erwahnt sei nur noch, 
daft man die Burgwalle auch als Statten heidnischer Gotterver- 
ehrung angesehen hat. Diese Annahme scheint nur fiir einzelne 
Falle berechtigt zu sein, wie z. B. fiir den Zobten, auf dem nach 
dem Zeugnisse Thietmars in der Tat Gotzendienst getrieben 
worden ist. 

Die in Siimpfen angelegten Burgwalle, die sogenannten Sumpf- 
burgen, erinnern an eine andere Art von Wohnstatten, an die 
Pfahlbauten. Sie bestanden im allgemeinen in einem System 
senkrecht in den Boden getriebener Baumstamme oder Pfahle, die 
durch Ouerbalken verbunden und mit einer Lage Bretter oder 
Holzer bedeckt waren. Dariiber erhoben sich die Hutten aus Holz, 
Rohr und Stroh. Die Pfahlbauten errichtete man im Wasser, um 
gegen Uberfalle durch Menschen oder Tiere besser geschiitzt zu 
sein. Man wahlte dazu in Seen, Teichen oder Fliissen seichte 
Stellen in der Nahe des Ufers, wo die Errichtung des Pfahlrostes 
nicht durch zu tiefes Wasser erschwert war und sich ein Steg nach 
dem Ufer legen lieB. Solche Wohnungen wurden wahrend der 
Stein- und der Bronzezeit besonders in der Schweiz angelegt; aber 
auch in dem siidostlichen Frankreich, Oberitalien, Osterreich und 
Suddeutschland, also in einem Strich, der zum Alpengebiet gehort, 
war diese Form der Ansiedlung iiblich. 

Die Pfahlbauten von Norddeutschland gehoren dagegen, wie 
aus den im Boden erhaltenen Geriiten der ehemaligen Bewohner 
hervorgeht, der slavischen oder polnischen Periode an. 



XIX. Die polnische Periode. Pfahlbauten in Schlesien 13 c 

In Schlesien sincl bis jetzt nur an wenigen Stellen Reste von 
Pfahlbauten entdeckt worden. Eine solche Anlage nahm nach den 
Feststellungen Goepperts einst den grofiten Teil der Dominsel in 
Breslau ein. IMachtige Pfahle und Balkan aus Eichenholz, die zum 
Teil noch ineinander gefiigt waren, wurden dort an verschiedenen 
Stellen etwa 6 m tief unter dem Strafienpflaster blofigelegt. Die 
hohen Aufschiittungen, zu denen zunachst die Moorerde der Um- 
gebung verwendet worden war, scheinen durch den stark wechselnden 
Wasserstand der Oder schon sehr Iriih notig geworden zu sein. 
Die unmittelbar iiber dem Pfahlroste lagernden Kulturreste, wie 
z. B. hart gebrannte Scherben, zahlreiche Tierknochen, glatt ge- 
schliffene Schlittenkufen oder Schlittschuhe aus Knochen (Fig. 334), 
entsprechen dem Fundmaterial, das auch anderwarts wahrend der 
polnischen Periode auftritt. Dieses Pfahlbaudorf ist durch seine 
giinstige Lage an einer leicht iiberschreitbaren Stelle der Oder 
und besonders durch die Griindung des Bistums Breslau (einige 
Zeit vor dem Jahre looo) schnell zu einer gewissen Bedeutung ge- 
langt. Auch die Burg, die Herzog Casimir (1040 — 1058J auf dem 
hochgelegenen Teile der Dominsel (auf dem Gebiete des heutigen 
Logengartens und Blindeninstituts) errichtet haben soil, diirfte fiir 
die Entwicklung dieser Niederlassung, des altesten Teiles von 
Breslau, von groGem Werte gewesen sein. Eine andere, kleinere 
Pfahlbauanlage befindet sich z. B. in Wilschkowitz, Kr. Nimptsch. 
Hier ist das einstige Wasserbecken infolge Verwitterung 
organischer Stoffe allmahlich mit festem Moorboden ausgefiillt 
worden. 

Noch primitiver als die bisher besprochenen Bauten miissen 
wir uns die gewohnlichen Wohnstatten vorstellen. Die 
aus Holz, Rohr, Stroh und anderen Stoffen zusammengesetzten 
Hiitten erhoben sich iiber rundlichen, flachen Gruben. die sich 
heute noch im Boden in grofieren oder kleineren Gruppen ab- 
heben und uns so ein Bild von der Ausdehnung der Dorfanlage 
geben. Die Huttenwandung war, um gegen Wind und Wetter 
besser zu schiitzen, wie in friiheren Perioden mit einem Lehm- 
uberzug versehen; Reste dieser Wandbekleidung, die auf der cinen 
Seite Abdrucke von Balken, Flechtwerk, Blattern u. a. tragen und 
auf der anderen geglattet sind, werden oft gcfunden. In manchen 
Gruben zeigt sich unter Kohlen, Asche und Tierknochen eine 
Schicht von Steinen, die durch Feuerwirkung l)rocklich geworden 
smd; sie haben einst den Herd gebildet. Andere, kleinere Gruben 



136 XIX. Die polnische Periode. Reihengriiber 

dienten zur Aufnahme von Abfallen aller Art. Im allgemeinen 
sind die Wohnstatten reiche Fundgruben fiir verloren gegangene 
Oder unbrauchbar gewordene Gegenstande des damaligen Haushaltes; 
dort stofien wir auf Scherben, Mahl- und Schleifsteine, Spinnwirtel, 
Knochengerate, Messer, Schliissel, Reste von Tieren u. a. m. 

In der Nahe der Dorfer ist gewohnlich der Friedhof zu suchen. 
Die Sitte der Leichenbestattung, die schon wahrend derjiingsten 
Urnenfelderzeit vereinzelt auftrat, dann in der La Tene- und der 
romischen Periode mehr und mehr zunahm, hat in der polnischen 
Periode den Branch der Leichenverbrennung verdrangt. Die Toten 
finden wir nun gestreckt auf dem Riicken Uegend in Grabern, die 
in regehnafiigen Abstanden von einander reihenweise angeordnet 
sind. In diesen Reihengrabern sind sie oft in der Weise 
orientiert, daft sie mit dem Kopf nach Westen Uegen und so der 
aufgehenden Sonne das Gesicht zuwenden. Vereinzelt haben sich 
Spuren einer holzernen Unterlage oder eines Holzsarges nachweisen 
lassen. Gewohnliche Grabbeigaben sind ein Tongefafi am Fu6- 
oder Kopfende, ein eisernes Messer in der Hiiftgegend und Haken- 
ringe (Fig. 338) in der Nahe der Schlafen, Dazu kommen bisweilen 
Perlen oder Ringe aus Bernstein, farbigem Glastlufi u. a., einzelne 
silberne Schmucksachen oder Miinzen. Diese letzteren geben ge- 
wohnHch einen Anhaltspunkt fiir die Datierung des Grabinhaltes. 
Man fand z. B. in einem Grabe von Tinz, Kr. Breslau, einen Denar 
der Kaiserin Adelheid (Fig. 350); er weist das Grab etwa dem 
Ende des zehnten Jahrhunderts zu. Da die Graber die unver- 
brannten Leichname enthalten, so liefern sie audi fiir die Beur- 
teilung der Korperform der damaligen Menschen ein geeignetes 
Material. 

Die aus den besprochenen Wohn- und Grabanlagen her- 
ruhrenden Waffen, Gerate und Schmucksachen gewahren einen 
weiteren Einblick in den Kulturzustand des Landes. Unter ihnen 
heben sich die gewohnlichen Gebrauchsgegenstande, die im Lande 
selbst hergestellt wurden, von den silbernen Schmucksachen und 
Miinzen, die meist importiert wurden, ab. Die Waffen sind unter 
den Funden nicht so haufig vertreten, wie man mit Riicksicht auf 
die vielen Kampfe, denen Schlesien unter polnischer Herrschaft 
ausgesetzt war, erwarten miiftte. Die Lanzenspitzen scheinen 
meistens die Form eines schmalen Blattes gehabt zu haben (Fig. 326); 
bisweilen trug der Lanzenschaft an dem unteren Ende einen Schuh 
(Fig- 328), Als Speer- oder Pfeilspitzen mogen die Fundstiicke 



XIX. Die polnische Periode. Waffen 



137 



-.^ 



I 



1: 



I 



gedient haben, die, wie z. B. das 
abgebildete (Fig. 327), Cbergangs- 
formen zwischen den Lanzenspitzen 
und den spateren kurzen Armbrust- 
bolzen darstellen. Auch diese 
letzteren kommen auf den Burg- 
bergen v'or, sie gehoren aber wohl 
schon der geschichtlichen Zeit an. 
Bisweilen scheinen auch Pfeilspitzen 
aus Feuerstein in Gebrauch gewesen 
zu sein. Sehr selten ist das Schwert 
in dieser Periode. Das abgebildete 
(Fig. 325) wird durch den pilz- 
formigen Knauf mit oblongem 
Querschnitt, den kurzen Griff, die 
kurze, dicke Parierstange, die breite, 
wenig verjiingte Klinge und die 
Blutrinne als eine westliche Form 
gekennzeichnet. Ein anderer Typus 
hat eine einschneidige und sabel- 
artig gekriimmte Klinge, eine kurze 
Parierstange und einen schrag zur 
Klingenaxe gestellten Griff. Er ist 
in Ungarn heimisch und von dort 
nach Schlesien eingefiihrt. Wieder- 
holt sind Sporen aufgetreten. Die 
alterenTypen haben groBe, amEndc 
zu einer breiten Ose umgeschlagene 
Biigel und einen wagerechten. in einekegelformigeSpitze auslaufenden 
Stachel. Die jiingeren Formen zeigen etwas geschvvungene Biigel, 
die an den Enden verbreitert und mit Nietlochern versehen sind 
(Fig. 330). Ihr Stachel ist gestielt und nicht mehr horizontal 
gestellt. Die verhaltnismaCig geringe Zahl der erhaltenen eisernen 

Waffen ist ohne Zweifel zum Teil 
-^, 



darauf zuriickzufiihren, daB viele 
von den Findern als unbrauch- 
bares, altes Eisen behandelt 
worden sind. Vielleicht hiingt 
"^^ sie aber auch damit zusammen, 
dafi nur ein kleiner Teil der 




'/9 



Fig. 325 — 529. Waffen und Messer, Eisen. 




Fig. 550. Sporn. Eisen, l/^. 



138 



XIX. Die polnische Periode. Geriite 



Bevolkerung, etwa die Gefolgsmannschaften des Fiirsten und der 
Kastellane, zu den waffentragenden Mannern gehorte, wahrend 
der iibrige seiner friedlichen Beschaftigung, insbesondere dem 
Ackerbau, der Pferde- und Viehzucht, nachging und auf den 
Besitz von Waffen keinen besonderen Wert legte. Bemerkens- 
wert ist in dieser Beziehung eine Stelle aus Ibrahim ibn Jakubs 
Reisebericht. Von Mesko, dem Begriinder des Polenreiches, erzahlt 
er namlich (nach Wigger): ,,Er fordert die Steuern in byzantinischen 
Miinzen (mithkals) und bezahlt damit seine Mannen, jedem eine 
feste Summe monatlich. Er hat namhch 3000 geharnischte Krieger, 
von welchen hundert so viel wert sind wie tausend andere. Von 
ihm empfangen sie ihre Kleidung, Pferde und Waffen und alles, 
was sie brauchen." 

Unter den eisernen Geraten sind die Messer die gewohn- 
lichsten Fundstiicke; sie kommen in Grabern und auf den Burg- 
bergen haufig in der abgebildeten Form vor (Fig. 329). An dem 
Ubergange der Angel zum KUngenriicken zeigen sie einen bogen- 
formigen Absatz, und an der Spitze nahert sich die Schneide in 
kurzem Bogen dem geraden Rucken. Die Scheren haben noch die 
Form der eingliedrigen Schafscheren, zeigen aber am unteren, 
federnden Teil eine besondere, annahernd kreisformige Ausbuchtung. 
Zum Mahen des Getreides bediente man sich einer sichel- oder 
sensenartigen Klinge (Fig. 332). Diese Form trat vielleicht schon 
in der spatromischen Zeit auf. Zum Mahlen benutzte man Hand- 
miihlen, deren wesentHchste Bestandteile zwei runde, verhaltnis- 
maCig dunne, in der Mitte durchlochte Steinplatten aus Gran it 




Fig. ^51. .Mahlsteine (a. Bodeii- und Laufstein, b. Bodenstein), '/i,,. 



bilden (Fig. 331 a, b. Vgl. S. 89). Das Mahlen des Getreides ging 
in der Weise vor sich, dafi der Laufstein auf dem festliegenden 
Bodenstein um eine Stange herum in drehende Bewegung versetzt 
wurde. Das Getreide wurde durch die zentrale Offnung ein- 
geschiittet, drang zwischen die Steine und trat schliefilich als 
Mehl an den Seiten des Bodensteins heraus. Kin brauchbares 



XIX. Die polnische Periode. Gerate 



139 




Material zur Herstellung von Miihlsteinen lieferte der bei der 
Verwitterung scheibenartig spaltende Granit, der am Nordabhange 
des Zobtens (besonders in der Gegend der jetzigen Forstdistrikte 
116 und 117) gefunden wird. Zahlreiche Gruben und Gange, 
sowie Funde von unfertigen oder miCratenen Miihlsteinen, Scherben 
und anderen Gegenstanden weisen darauf hin, dalS man dort 
plattenformige Granitstiicke in polnischer Zeit gesucht und zu 
Handmiihlen verarbeitet hat. Flache, eiserne Teller, die von mehreren 
Fundstellen in grofierer Zahl vorhanden sind, hat man als Gerate 
zum Backen des Brotes gedeutet (Fig. 333). Ob diese Auffassung 
richtig ist, muB dahin- 



gestellt bleiben. In einem 

Falle diente ein solcher 

Teller einem TongefaG 

mit silbernen Miinzen als 

Deckel. Ebensowenig ist 

der Zvveck eines ver- 

zierten, flachenKnochen- 

instrumentes (Fig. 335) 

festgestellt ; vielleicht hat 

es zum Abstreichen des 

Getreides vom Mafi ge- 

dient. Ofters treten 

Knochenpfrieme auf, die 

beimNahen,Netzstricken, 

und bei anderen Be- 

schaftigungen gebraucht 

wurden. Spinnwirtel und Webegewichte sind auch recht haufig. 

Eigentumlich ist die Verwendung geglatteter Schienbeinknochen 

vom Pferd oder Rind zu Schlittschuhen oder vielleicht auch zu 

Schlittenkufen (Fig. 334)- An den beiden Enden sind sie mit 

einem Loche versehen, das zur Befestigung diente. Knochen 

dieser Art wurden in manchen Gegenden auch noch in sehr viel 

spaterer Zeit zu den gleichen Zwecken benutzt. 

Die allergew5hnlichsten Fundstucke auf den Burgbergen und 
in den Wohngruben sind Scherben von Tongefafien. Sie zeigen 
cinen eigenartigen Charakter, der, wie schon erwahnt, als Burg- 
vvalltypus bezeichnet wird. In manchen Gegenden glaubt man 
innerhalb dieser Grupi)e altere Formen von jiingeren unterscheiden 
zu konncn; in Schlesien haben sich fiir cine solche Trennung noch 




:,52_355. Sense nnd Teller, Eisen; Schlittschuh, Knochen; 
Streichbrett, Hirschhorn. 



I40 



XIX. Die polnische Periode. TongefaGe 



keine charakteristischen Merkmale finden lassen. Die Tongefafie 
der polnischen fslavischen) Periode bestehen aus ungeschlemmtem 
Ton, sind fast ausschliefilich auf der Drehscheibe hergestellt, stets 
ungeglattet und hartgebrannt, henkel- und deckellos. Meistens ist 
ihr eiformiger Korper am Halse stark eingezogen und ihr Rand 
umgelegt und kraftig profiliert (Fig. 336a). Sie unterscheiden sich 
so in sehr bestimmter Weise von den keramischen Erzeugnissen 
der vorslavischen Zeit. Die Topferscheibe spielt jetzt eine 
aufierordentliche Rolle; auf ihr gedreht, erhalt das Gefafi nicht 
nur seine regeimafiige Form, sondern mit Hilfe eines spitzen 
oder gabelartigen Instrumentes auch seine Ornamente in Gestalt 
von horizontalen Riefelungen, ein- oder mehrzeiligen Wellen- 
linien (Fig. 337) und Reihen kurzer, schraggestellter Striche oder 




Fig. 536a, b und 557. Polnisclie Keramik. 



hakenartiger Eindriicke. Das Anbringen von Henkeln, das eine 
iiber die Handhabung der Topferscheibe hinausgehende Geschick- 
Hchkeit der freien Hand verlangt hatte, unterbleibt. Die frei- 
handige Arbeit, die in den vorslavischen Perioden und besonders 
in der jiingsten Urnenfelderzeit manche ganz hervorragende 
Leistungen aufzuweisen hatte, erscheint nun von einer rein 
mechanischen Fertigkeit unterdriickt. Geniigten die auf der 
Drehscheibe hergestellten Ornamente nicht, so griff man zum 
Stempel, mit dem sich neue Muster auf mechanische Weise in 
das Gefafi eindriicken Uefien. Er wurde auch zu den eigenartigen, 
meist erhabenen Bodenverzierungen benutzt, die einen Kreis, ein 
Kreuz, ein nach hnks oder rechts laufendes Hakenkreuz, ein Rad 
mit einfachem oder doppeltem Kranz und verschieden gestellten 
Speichen darstellen (Fig. 336b). Vielleicht haben wir in diesen 
Abdriicken etwas Ahnliches wie Fabrikmarken oder jMeisterzeichen 
zu sehen. 



XIX. Die polnische Periode. Schmuck. Schlafenringe 



141 



Nicht weniger charakteristisch als die Tongefafie sincl die 
Schmucksachen dieser Periode. Eine besondere Gruppe unter 
ihnen bilden die Haken- oder Schlafenringe (Fig. 338), offene 
Ringe, die an einem Ende Sformig zuruckgeschlagen sind. Sie 
kommen in sehr verschiedenen Grofien vor und bestehen nieist 
aus Bronze, seltener aus Silber 
oder Zinn. Gewohnlich sind 
sie massiv und unverziert. 
Die seltenen hohlen Ringe 
sind aus zusammengebogenem 
Bronze- oder Silberblech her- 
gestellt, das mit linearen oder 
bogenformigen Ornamenten 
verziert ist (Fig. 339). Die 
Schlafenringe werden in den 
Reihengrabern fast ausnahms- 
los zu beiden Seiten des 
Schadels gefunden; auf Leder 
oder Leinwand befestigt, bil- 
deten sie einst einen auf jeder 
Seite des Kopfes frei herab- 
hangenden Schmuck. Das Ver- 
breitungsgebiet der Schlafen- 
ringe beschranktsich durchaus 
auf die Lander, die einst von Slaven eingenommen waren; in 
Deutschland reicht es nach Westen nicht weit iiber die Elbe hinaus. 
Als Zentrum der vollgegossenen Schlafenringe ist Bohmen anzu- 
sehen, wahrend die hohlen Ringe bei den Nordslaven gebrauchlicher 
gewesen sind. Wiederholt sind Schlafenringe in schlesischen 
Reihengrabern mit Miinzen des zehnten Jahrhunderts vorgekommen; 
es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dafi sie schon in friiherer Zeit 
aus Ungarn, wo sie im vierten und fiinften Jahrhundert auftretcn, 
nach Schlesien gedrungen sind. Daft die importierten Ringe hier 
nachgebildet wurden, ist wohl moglich, zunachst aber nicht nach- 
weisbar. 

Schmuckstiicke, die an moderne Formen erinnern, sind die 
Fingerringe, die auf der Schauseitc mit einem geschliffenen Stein 
oder mit Glasflufi verziert sind (Fig. 342). Bisvveilen trug man 
verzierte GiirtelschlieGen aus Bronze (Fig. 341). Haufig treten 




345 



344 



Fig. 358 — 545. Sclilafen- u. Fingerringe aus Bronze and 

Silber (540), Giirtelschliesse, Bronze; Perlen, ^/s, EmJil 

und Fhissspat 154;). 



142 



XIX. Die polnische Periode. Hacksilberfunde 




Fig. 546— 349. Wagebalken, Bronze, 1/2; Hacksilberschmuck, '^j^. 



Perlen auf; .sie haben die verschiedenartigsten Formen und bestehen 
aus ein- oder mehrfarbiger Emailmasse (Fig. 344, 343J, aiis GlasfluB 
Oder geschliffenem FluCspat (Fig. 345). 

In sehr bestimmter Weise vvird die polnische Periode auch 
durch die Hacksilberfunde gekennzeichnet. Sie setzen .sich 
aus silbernen Barren. Gufikuchen, Miinzen und Schmucksachen 
zusammen, die meistens verbogen, zerschnitten oder zerhackt sind 

und danach auch 
benannt werden. 

Unter den 
Schmucksachen 
ist hauptsachlich 
Hangezierart in 

verschiedenen 
Formen vertreten 

(Fig. 347, 349); 
daneben findet 
man auch Giirtel- 
schliefien (Fig. 
348),Fingerringe 

(Fig. 340) u. a. m. Viele von diesen zierlichen Silberarbeiten zeigen 
reiche Filigran- oder Kugelchenverzierung, bald in einfachen oder 
doppelten Reihen, bald in Form kleiner Dreiecke, die zu ver- 
schiedenen Mustern zusammengestellt sind. Gewohnlich werden 
die Silbersachen in Tongefafien in der Erde gefunden, wo man 
sie in Zeiten der Gefahr vergraben hat. 

Nach Schlesien ist das Hacksilber im Gefolge eines Handels- 
verkehrs gelangt, der zwischen dem Orient und dem baltischen 
Norden bestand. Die ersten Anfange dieses Handels fallen in das 
achte Jahrhundert, als in Bagdad, der Hauptstadt der arabischen 
Herrschaft, die Erzeugnisse des ganzen Orients zusammentrafen ; 
allgemeiner wird er erst spater, besonders im zehnten Jahrhundert, 
als nach dem Zerfalle des Chalifats das Reich der Samaniden in 
Khorasan, siidostlich vom Kaspischen Meere, zu hoher Bliite gelangte. 
Arabische KauHeute setzten (iber das Kaspische Meer und fuhren 
mit ihren Waren die Wolga hinauf nach Bulgar (im heutigen 
GouvernementKasan), der Hauptstadt des damaligenBulgarenreiches. 
Von dort brachten die aus Nowgorod kommenden Wariiger oder 
Normannen die orientalischen Waren nach den baltischen Landern. 
Die Spuren des nordisch-orientalischen Handels lassen sich an den 



XIX. Die polnische Periode. Orientalisch-nordischer Handel 



143. 



Hacksilberfunden deutlich genug verfolgen. Besonders zahlreich 
zeigen sie sich in Gotland in Schweden, wo im Laufe der Zeit 
iiber 130CO arabische ^Nliinzen gefunden worden sind — ein 
beredtes Zeugnis fiir die Lebhaftigkeit dieses Verkehrs! Ein 
anderer Handelsweg fiihrte aus dem Innern Rufilands iiber Kiew 
nach Krakau und Prag, dem groliten Stapelplatz in den slavischen 
Landern. Ibrahim ibn Jakub berichtet dariiber (nach Jacob): ,,Rus 
und Slaven kommen dahin von der Stadt Krakau, und aus turkischem 
Gebiet Muslim's, Juden und Tiirken gleichfalls mit Waren und 
byzantinischen (??) Mithqals." 

Durch den nordisch-orientalischen Handelsverkehr bezogen die 
Araber aus den nordisch-baltischen Landern Sklaven, Alammutzahne, 
Kleinvieh, Pelze vom Fuchs, Luchs, Wiesel, Zobel, Hermelin, 
Eichhornchen, Biber und Hasen, Fische und Fischleim, Honig und 
Wachs, Birkenrinde, Haselniisse und Bernstein, Waften und Pelz- 
miitzen. 

Der Handel war damals im wesentlichen noch ein Tauschver- 
kehr; man benutzte als Zahlungsmittel indessen auch schon das 
Silber in der Form der fremdlandischen Miinzen, Schmuckgegen- 
stande und Barren, deren Wert nach dem Gewicht durch kleine 
Wagen bestimmt wurde (Fig. 346). Zur Herstellung von Klein- 
geld zerbrach man dieses Hacksilber. Die Zerstiicklung muGte 
natiirlich zunehmen, je weiter es sich durch den Verkehr von 
seinem ostlichen Ursprungsorte entfernte. Nach dem elften Jahr- 
hundert horte dieser Handelsverkehr auf, die orientalischen Miinzen 
wurden jedoch noch lange als Zahlungsmittel benutzt. Neben 
ihnen finden sich in den Hacksilberfunden auch viele europiiische 
Miinzen, z. B. byzantinische, bohmische, englische, diinische und 
besonders zahlreich deutsche. Unter diesen sind die Adelheids- 
denare und die Wendenpfennige am haufigsten vertreten. Die 
ersteren tragen den Namen der Kaiserin 
Adelheid und den Ottos III., ihres un- 
miindigen Enkels, fiir den sie von 
991—996 die Regierung fiihrte (Fig. 350). 
Die Wendenpfennige sind u. a. an dem 
hoch iiberstehenden Rande kenntlich; 
statt der Umschrift zeigen sie gewohnlich 
nur Striche und Ringel (Fig. 351). Mit 
veranderter Pragung reichen sie bis tief 

,- Til 1 f ij;. 550 ""J ">>'■ AJelhciJsdenar und 

ms elite Jahrhundert. WenJcnpfennig. Siiber, m,. 




144 



Die polnische Periode. Miinzen 




Fig. 352. Johannespfennig des 
Boleslaw Chrobry. '/l- 



Wahrend der polnischen Periode 
wurden auch in Schlesien gelegentlich 
Miinzen gepragt; sie kommen jedoch 
nur sehr selten vor. Das alteste 
schlesische Miinzdenkmal stellt ein 
Johannespfennig dar, der unter Boles- 
law I. Chrobry (992^ — 1025) in Breslau 
gepragt worden ist. Auf der einen Seite zeigt er einen Kopf und 
als Umschrift den Namen des Herzogs Boleslaw, auf der anderen 
das Haupt und den Namen Johannes des Taufers (Fig. 352). 

Dem orientalisch-nordischen Handelsverkehr verdankt Schlesien 
insofern, als es in dem Hacksilber bequemere Zahlungsmittel und 
fein gearbeitete Schmuckstiicke erhielt, eine Bereicherung seines 
Kulturbesitzes; die einheimische Industrie wurde jedoch durch ihn 
nicht beeinflufit. Sie scheint iiberhaupt auf ihrer verhaltnismafiig 
niedrigen Stufe viele Jahrhunderte hindurch verharrt zu haben, 
da wir auf keinem Gebiet Erzeugnisse finden, die im Vergleich zu 
anderen eine groftere Kunstfertigkeit oder eine fortschreitende Ent- 
wicklung bekunden. Besonders bezeichnend sind in dieser Be- 
ziehung die Tongefafie, die immer nur eine rein mechanische 
Fertigkeit, aber kein freieres, selbstandiges Schaffen erkennen 
lassen. Daher konnen auch nicht Erzeugnisse der schlesischen 
Industrie die fremden Waren angezogen haben; vielmehr ist an- 
zunehmen, dafi die Landwirtschaft, die Pferde- und Viehzucht 
begehrensvverte Tauschobjekte lieferten. 



L I T E R A T U R 

Joseph Partsch, Schlesien. Breslau 1896. — Colmar Grunhagen, Geschichte 
Schlesiens. Gotha 1884. — Wigger, Bericht des Ibrahhn ibn Jakdh uber die 
Slaven. Jahrh. d. V. f. mecklenhnrg. Gesch. u. Alt. Kunde 1880. — Georg Jacob, 
Welche Handelsartikel bezogen die Araber des Mittelalters aus den nordischen- 
baltisclien Ldndern? Berlin 1891. — W. Schulte, Ibrahhn ibn Jagfibs Reise- 
linie etc. Archiv filr Landeskunde der Provinz Sachsen. II, 1892. — A. LissaueS, 
Die prdhistorischen Denhndler der Provinz Westpreicssen. Leipzig 1887 ; Uber 
den Formenkreis der slavischen Schldfenringe. Correspond. Blatt 1891. — 
SoPHUS Muller, Uber slavische Schldfenringe. Schles. Yorz. III. — J. Hampel, 
Altertiimer des friihen Mittelalters. Braunschweig 1905. — Hugo Jentsch, 
Germanisch iind Slavisch in der vorgeschichtlichen Keramik des ostlichen Deutsch- 
land. Gloh^is 1S95. — Robert Behla, Die vorgeschichtlichen Rundivdlle im ost- 
lichen Deutschland. Berlin 1884. — Hermann Soehnel, Die Bwgwdlle Schlesiens. 
Schles. Yorz. YI. — O. \'ug, Schlesische Heidenschanzen. Grottkau 1890. — 



Der Schutz der urgeschichtlichcn Altertunier j^r 



H. R. GoEPPERT, Pfahlbmiartige Griindlage der Dominsel. Breslau 1882. — 
BiEFEL, Schlesische Reihengriiber. Schles. Vorz. 1874. — G. Lustig, Die Trichter- 
gnibm (Mardelkn) vom Zobtenberge in SMesien. Globus Bd. 85. — Ferdinand 
Friedensburg, Der Fnnd von Gnichwitz. Schles. Vorz. Ill; Der Silberfinid 
von Rudelsdorf; Schlesiens altestes Miinzdenkmal. Schles. Vorz. N. F. II. — 
Emil Bahrfeldt, Der Silberfund von Winzig. Schles. Vorz. N. F. II: Der 
Peistertcitzer DenarfmuL Schles. Vorz. 1887. — H. Seger, Die Bronzewage von 
Diirschidiz. Schles. Vorz. X. F. Ill; Fnndchronik. Schles. Vorz. VII. — 



Der Schutz der urgeschichtlichen Altertumer 

Die Kulturreste aus vorgeschichtlicher Zeit haben im allge- 
meinen einen geringen Material- oder Kunstwert; eine hohere 
Bedeutung erlangen sie erst, wenn sie zu Queilen wissenschaft- 
licher Erkenntnis werden. In der Eigenschaft als Urkunden 
berichten sie, wie wir in der Ubersicht iiber die schlesischen 
Altertumer gesehen haben, iiber ein grofies Gebiet der Vergangenheit, 
das sonst unaufgeklart bleiben wiirde, und bilden so fiir einen 
Zweig der Forschung eine unersetzliche Grundlage. Diesen ideellen 
Wert erhalten sie aber nur durch das Interesse, das jedes Kultur- 
volk an der Erforschung seiner Vergangenheit nimmt. Daher 
sind sie ein Gut von nationaler Bedeutung, daher auch hat das 
ganze Land ein Interesse an ihrer Erhaltung. 

Leider wird diese Bedeutung der urgeschichtlichen Altertumer 
noch nicht allgemein genug gewiirdigt. Gerade in den letzten 
Jahrzehnten, in denen die Erkenntnis ihres wissenschaftlichen 
Wertes zu grofien Erfolgen gefiihrt hat, sind sehr viele Funde 
untergegangen. Nicht nur der tiefgehende Pflug ist ihnen ver- 
hangnisvoll geworden; oft haben auch die Besitzer oder Bauleiter 
aus Furcht vor Beliistigung bei ihren Erdarbeiten, die Arbciter 
aus Eigennutz oder Unverstand das Vorkommen vorgeschichtHcher 
Graber und Wohnstatten verschwiegen, sodafi von berufener Seite 
nichts oder nur wenig geschehen konnte, urn die alten Kulturreste 
zu retten. In vielen anderen Fallen ist Raubgraberei getrieben 
worden. Grabstiitten hat man geoffnet, urn die darin enthaltenen 
Altertumer an Handler zu verkaufen oder in Privatsammlungen aufzu- 
nehmen, wo sie meistens keinem anderen Zwecke als der Dekoration 

10 



jj^5 Der Schutz der urgeschichtlichen Altertumer 

dienen und schliefilich untergehen. Schreitet die Zerstorung der 
Hinterlassenschaft unserer Vorfahren in der bisherigen Weise fort, 
so ist ihre vollstandige Vernichtung nur noch eine Frage nicht 
zu ferner Zeit. 

Es mufi daher in moglichst wirksamer Weise darauf hin- 
gearbeitet werden, den drohenden Gefahren noch rechtzeitig zu 
begegnen. (Vgl. Hans Seger, Der Schutz der vorgeschichtlichen 
Denkmaler. 1904). AUe Mafinahmen, die dabei in Betracht 
kommen, werden indessen erst dann wirklichen Erfolg haben, 
wenn sie von der Allgemeinheit verstandnisvoll und bereitwiUig 
unterstiitzt werden, wenn der Schutz der urgeschichtlichen Alter- 
tiimer von jedermann, insbesondere von den Besitzern von Fund- 
statten, als eine moraUsche Pflicht angesehen wird. 

Die Erfahrung lehrt, dafi es nicht darauf ankommt, moglichst 
viele neue Altertumer dem Boden zu entnehmen und in ]\Iuseen 
anzuhaufen, sondern daft es viel wichtiger ist, jeden Fund im 
einzelnen so zu behandeln, daG er mit seinem ganzen Werte als 
Urkunde der Erforschung der Urgeschichte zu gute kommt. 
Eine Ausgrabung, die diesen Anforderungen geniigt, kann natiirlich 
nicht von jedermann ausgefiihrt werden, denn mangelnde Sach- 
kenntnis lafit sich selbst durch den besten Willen nicht ersetzen. 
Es mufi daher als Regel gelten, die Altertumer, die sich an 
irgend einer Stelle des Bodens zeigen, ungestort zu erhalten, 
bis eine sachgemafie Untersuchung der Fundstelle, und zwar im 
Interesse der Allgemeinheit vorgenommen werden kann. Sofort 
einzugreifen ist nur dann, wenn durch irgend einen aufieren 
Umstand eine unmittelbar bevorstehende Zerstorung droht. Dann 
gilt es, die Lagerungsverhaltnisse jedes Fundes und jedes Stiickes 
genau festzustellen, alle Bestandteile, auch die unscheinbarsten, 
aufzuheben und die an einer Stelle beisammen gefundenen Gegen- 
stande ungetrennt, aber auch unvermischt mit anderen zu erhalten. 
In jedem Falle jedoch, in dem sich urgeschichtliche Kulturreste 
zeigen, empfiehlt es sich, an das Schlesische Museum fur Kunst- 
gewerbe und Altertumer in Breslau zu berichten. 

Wird in der angedeutenden Weise das Verstandnis fiir unsere 
vorgeschichtlichen Altertumer und das Interesse fiir ihre Erhaltung 
in weite Kreise getragen, so ist nicht daran zu zweifeln, dafi sie 
uns noch viele wertvolle Aufschliisse iiber das urgeschichtliche 
Leben geben werden. 



Bemerkungen zu den Abbildungen 



147 



Bemerkungen zu den Abbildungen 

Wo niclns anderes gesagt ist, befinden sich die abgeblildeten Gegenstande 
im Schlesischen Museum fiir Kunstgewerbe und Altertumer in Breslau. Von den 
abgebildeten schlesischen Funden wird ini folgenden der Fundort, von den ubrigen 
die Quelle der Abbildung angegeben. 



Fig. 
I. 



12. 

13- 
14. 

IS- 
16, 
18. 

19- 

20- 

23. 

24. 

25. 

26- 

29 

36. 

37- 
38. 

39- 
40. 



Nach Engerrand, Six legons de 
prehistoire. Bruxelles 1905. 
■5. Nach Mortillet, Musee prehistori- 
que. Taf. VI, XI, XVII u. XVIII. 
Nach L'Anthropologie IX. 1898. 
Taf. II. 

Nach Kfiz, Quartarzeit in Mahren, 
S. 221. 

•10. Nach Hoemes, Der diluviale 
Mensch in Europa. S. 164, 169. 
Nach Nuesch, Das Kesslerloch. 
1904. Taf. II. 

Polnisch-Xeukirch, Kr. Cosel. 
Liebenau. Kr. Miinsterberg. 
Gierswald, Kr. Trebnitz. 
Jordansmiihl, Kr. Niniptsch. 
17. Grabschen, Kr. Breslau. 
Jordansmiihl, Kr. Niniptsch. 
Woischwitz, Kr. Breslau. 
-22. Jordansmfihl, Kr. Nimptsch. 
Woischwitz, Kr. Breslau. 
Jordansmuhl, Kr. Nimptsch. 
Bschanz, Kr. VVohlau. 
-28. Jordansmuhl, Kr. Nimptsch. 
-35. Ottitz, Kr. Ratibor. 
Ober-Weistritz, Kr. Schweidnitz. 
Jacobine, Kr. Ohlau. 
Marschv.'itz, Kr. Ohlau. 
Woischwitz, ;Kr. Breslau. 
Bschanz, Kr. Wohlau. 



Fig. 

41. 

42. 

45- 
AA- 
45- 
46. 

47- 
48. 
49. 
50. 

51- 

S5- 
54- 

55- 
36. 

57- 

5S. 

59- 
60. 
61. 
62. 
63. 
64. 
65. 

66. 
67. 

68. 
69. 



Gruneiche, Kr. Breslau. 
Strehlen. 

Jordansmiihl, Kr. Nimptsch. 
Polnisch-Neukirch, Kr. Cosel. 
Ottwitz, Kr. Strehlen. 
Matzwitz, Kr. Grottkau. 
Laubnitz, Kr. Frankenstein. 
Camoese, Kr. Neumarkt. 
Jerschendorf, Kr. Neumarkt. 
Jordansmuhl, Kr. Nimptsch. 
Ottwitz, Kr. Strehlen. 
GroC-Zauche, Kr. Trebnitz. 
Friebeberg, Kr. Breslau. 
Jordansmiihl, Kr. Nimptsch. 
Polnisch-Neukirch, Kr. Cosel. 
RothschloC, Kr. Nimptsch. 
Jakobsdorf, Kr. Nimptsch. 
Tschotschwitz, Kr. Militsch. 
Weigwitz, Kr. Breslau. 
Boyadel, Kr. Grunberg. 
Jordansmuhl, Kr. Nimptsch. 
Grabschen, Kr. Breslau. 
Senitz, Kr. Nimptsch. 
Klein-Gandau, Kr. Breslau. 
Guhrwitz, Kr. Breslau. In Privat- 
besitz. 

Polnisch-Peterwitz, Kr. Breslau. 
Marscliwitz, Kr. Ohlau 
Puschwitz, Kr. Neumarkt. 
Friebeberg, Kr. Breslau. 



148 



Bemerkungen zu den Abbildungen 



Fig. 




Fig. 


70. 


Ottwitz, Kr. Strehlen. 


126. 


71- 


Rudclsdorf, Kr. Nimptsch. 


127. 


72. 


Halbendorf, Kr. Oppeln. 


128. 


73) 


75. RothschloC, Kr. Nimptsch. 


129. 


74. 


Zedlitz, Kr. Stcinau. 


130. 


76- 


-78. Gandau, Kr. Brcslau. 


131. 


79- 


Steinau. 


132. 


80. 


Glogau. Stiel rekonstruicrt nach 


133- 




aufierschlesischen Originalen, 


134- 


81, 


83. Glogau. 


135- 


82, 


84. Piltscli, Kr. Leobschiitz. 


136. 


85, 


86. Weisdorf, Kr. Ohiau. 


137. 


87, 


88. Schimmelwitz, Kr. Trebnitz. 


158. 


89, 


91. Breitenau, Kr. Neumarkt. 


139. 


90. 


Pansdorf, Kr. Liegnitz. 


140. 


92. 


Grabschen, Kr. Breslau. 


141. 


93- 


Polkwitz, Kr. Glogau. 


142, 


94- 


Peltschutz, Kr. Breslau. 


144. 


9)> 


96. Deutsch-Wartenberg, Kr.Grun- 


145. 




berg. 


146. 


97- 


Jordansmiihl, Kr. Nimptsch. 


147- 


98. 


Schwentnig, Kr. Breslau. 


148. 


99) 


100. Namslau. 


149. 


lOI, 


102. Pansdorf, Kr. Liegnitz. 


150. 


103. 


Heidanichen, Kr. Breslau. 


151. 


104. 


Wangern, Kr. Breslau. 


152. 


105. 


Langheinersdorf, Kr. Freystadt. 


153- 


106. 


Heidersdorf, Kr. Nimptsch. 


154. 


107, 


1 08. Deutsch-Wartenberg, Kr.Grun- 


155. 




berg. 


156. 


109, 


no. Wangern, Kr. Breslau. 


158. 


III. 


Prau6, Kr. Nimptsch. 


159) 


112. 


Lahserwitz, Kr. Wohlau. 


161. 


115. 


Habicht, Kr. Cosel. 


162. 


114. 


Seschwitz, Kr. Breslau. 


163. 


115. 


Rohow, Kr. Ratibor. 


164. 


116. 


Talbendorf, Kr. Luben. 


165. 


117. 


Schimmelwitz, Kr. Trebnitz. 


166- 


118. 


Ratibor. 


169. 


119 


Schlesien. 


170. 


120 


Koeberwitz, Kr. Ratibor. 


171. 


121 


Zobten, Kr. Schweidnitz. 


172. 


122 


Damsdorf, Kr. Breslau. 




123 


124. Mondschijtz (Kunstan), Kr. 






Wohlau. 


^73- 


125 


Namslau. 


174. 



Heidersdorf, Kr. Nimptsch. 
Gallowitz, Kr. Breslau. 
Rosenthal, Kr. Schweidnitz. 
Grabschen, Kr. Breslau. 
GroO-Tschansch, Kr. Breslau. 
Karmine, Kr. Militsch. 
Nahrschiitz, Kr. Steinau. 
Woischwitz, Kr. Breslau. 
Karmine, Kr. Militsch. 
Zantkau, Kr. Trebnitz. 
Woischwitz, Kr. Breslau. 
GroIJ-Tschansch, Kr. Breslau. 
Simsdorf, Kr. Striegau. 
GroC-Tschanscii, Kr. Breslau. 
Dyhernfurth, Kr. Wohlau. 
Breitenau, Kr. Neumarkt. 
143. Stanowitz, Kr. Ohlau. 
Ottwitz, Kr. Strehlen. 
Griinberg. 

Nahrschiitz, Kr. Steinau. 
Auras, Kr. Wohlau. 
Ottwitz, Kr. Strehlen. 
Weidenhof, Kr. Breslau. 
Grabschen, Kr. Breslau. 
Karmine, Kr. Militsch. 
Wohlau. 

Heidersdorf, Kr. Nimtsch. 
Schweidnitz. 
157. Karmine, Kr. Militsch. 

Ottwitz, Kr. Strehlen. 

Weicherau, Kr. Neumarkt. 
160. Protsch, Kr. Militsch. 

Karmine, Kr. Militsch. 

KrischiJtz, Kr. Wohlau. 

Jiigerndorf, Kr. Brieg. 

Grabschen, Kr. Breslau. 

HiJnern, Kr. Trebnitz. 
— 168. Karmine, Kr. Militsch. 

Ottmuchow, Kr. Tost-Gleiwitz. 

SuJoll, Kr. Ratibor. 

Schlesien. 

Seifenau, Kr. Goldberg - Haynau. 

Stiel nach Montelius, La Suede 

prehistorique, Fig. 41. 
, Jagerndorf, Kr. Brieg. 

Seifenau, Kr. Goldberg-Haynau. 



Bemerkungen zu den Abbildungen 



149 



Fig. 




Fig. 


I75- 


Oberkehle, Kr. Trebnitz. 


22). 


176, 


177. Sulau, Kr. Militsch. 


226. 


178. 


Carlsruli, Kr. Steinau. 


227. 


179. 


Auras, Kr. Wohlau. 


228- 


i«o. 


GrolJ-Tsclianscl), Kr. Breslau. 


251. 


uSi. 


Karmine, Kr. Militsch. 


232, 


182. 


Jordansmuhl, Kr. Nimptsch. 


237- 


185. 


Lahse, Kr. Wohlau. 


238, 


1S4. 


Weidenhof, Kr. Breslau. 


240. 


185. 


Woiscliwitz, Kr. Breslau. 


242. 


1.S6. 


Gro6-Tschansch, Kr. Breslau. 


243. 


187. 


Petschkendorf, Kr. Ltiben. 


244, 


188. 


Leschwitz, Kr. Liegnitz. 


246. 


189. 


Jesentz, Kr. Nimptsch. 


247- 


190, 


192. Weidenhof, Kr. Breslau. 


253. 


191. 


Karmine, Kr. Militsch. 


254, 


i9>- 


GefaC aus GroU-Tschansch, Deckel 


256. 




aus Weidenhof, Kr. Breslau. 


259. 


194- 


Kuttlau, Kr. Glogau. 


260. 


195. 


GroC-Tschansch, Kr. Breslau. 


261. 


196. 


Woischwitz, Kr. Breslau. 


262- 


197. 


Gegend z\v. Crossen u. Griinberg. 


26), 


198. 


GroC-Tschansch, Kr. Breslau. 


267. 


199. 


Oswitz, Kr. Breslau. 


268, 


200. 


Wirrwhz, Kr. Breslau. 


270, 


201. 


GaflVon, Kr. GroU-Wartenberg. 


272. 


202. 


Woischwitz, Kr. Breslau. 


273. 


205. 


GroC-Tschansch, Kr. Breslau. 


274. 


204. 


Brauchitschdorf, Kr. Liiben. 


276, 


20). 


Beichau, Kr. Militsch. 


278. 


206. 


Karzen, Kr. Nimptsch, 


279. 


207. 


Lessendorf, Kr. Freystadt. 


280. 


208. 


Woischwitz, Kr. Breslau. 


283. 


209, 


210. Lorzendorf, Kr. Nanislau. 


284, 


21 I. 


Krehlau, Kr. Wohlau. 


285. 


212. 


Lorzendorf, Kr. Namslau. 


286. 


215. 


Krehlau, Kr. Wohlau. 


287, 


214. 


Mondschutz, Kr. Wohlau. 


289. 


215. 


GroC-Tschansch, Kr. Breslau. 


290, 


216. 


Malschwiiz, Kr. Freystadt. 


291. 


217. 


Krehlau, Kr. Wohlau. 


292, 


218. 


GroO-Tschansch, Kr. Breslau. 


293. 


219- 


-221. Lahse, Kr. Wohlau. 


294. 


222. 


Ottwitz, Kr. Strehlen. 


298. 


225. 


Trebnig, Kr. N'imptscii, 


299. 


224. 


Wangern, Kr. Breslau. 


300, 



Camose, Kr. Neumarkt. 

GroC-Tschansch, Kr. Breslau. 

Peisterwitz, Kr. Ohlau. 
— 230. Jeseritz, Kr. Nimptsch. 
234, 235. Lorzendorf, Kr. Namslau. 
233, 236. Klein-Zollnig, Kr. Oels. 

Vogelgesang, Kr. Nimptsch. 
239, 241. Oberhof, Kr. Breslau. 

Lorzendorf, Kr. Ohlau. 

Merzdorf, Kr. Breslau. 

Oberhof, Kr. Breslau. 
245. GroC-Peterwitz, Kr. Trebnitz. 

Zocklau, Kr. Freystadt. 
—252. Zeippern, Kr. Guhrau. 

Zolling, Kr. Freystadt. 
2)5, 257, 258. Zeippern, Kr, Guhrau. 

Kaulwitz, Kr. Namslau. 

Schlesien. 

Schlichtingsheim, Kr. Fraustadt. 

Kaulwitz, Kr. Namslau. 
—264. Jaschwitz, Kr. Nimptsch. 
266. Karlsburg, Kr. Oels. 

Jaschwitz, Kr. Nimptsch. 
269. Prisselwitz, Kr. Breslau, 
271. Buschen, Kr. Wohlau. 

Wronin, Kr. Cosel, 
275, Polnisch-Neudorf, Kr. Breslau. 

Kobelwitz, Kr, Trebnitz. 
277, Wichulla, Kr. Oppeln, 

Katiioliscii-Hammer, Kr. Trebnitz, 
281, 282, Sacrau, Kr. Oels. 

Schlesien. 

Benkwitz, Kr. Breslau. 

Weidenhof, Kr. Breslau, 

Schlesien. 

Gulirwitz, Kr. Breslau. 
288, Popelwitz, Kr. Breslau. 

Lerchcnbcrg, Kr. Glogau. 

Polnisch-Peterwitz, Kr. Breslau. 

Losswitz, Kr, Wohlau. 

295, Georgendorf, Kr, Steinau. 

296. 297. Lerciienberg, Kr. Glogau. 
Schimischow, Kr. GroC-Strehlitz. 
Georgendorf, Kr. Steinau. 
Trebnig, Kr. Nimptsch. 

301. Sacrau, Kr. Oels. 



ISO 



Bemerkungen zu den Abbildungen 



Fig. 
502. 
303. 
304- 
308. 
309. 
310- 

5'3' 
314- 
516- 
319. 
;2o. 



324a 



Weidenhof, Kr. Ikeslau. 

Polnisch-Peterwitz, Kr. Breslau. 
-307. Sacrau, Kr. Oels. 

Glogau, 1 Im Mus, f. Volker- 

Goldberg. ) kunde in Berlin. 
-512. Sacrau, Kr. Oels. 
315. Lerchenberg, Kr. Glogau. 

Eichberg, Kr. Bunzlau. 
-318. Sacrau, Kr. Oels. 

Gurtsch, Kr. Strehlen.' 

321. Hockricht, Kr. Ohlau. Im 

Mus. f. Volkerkunde in Berlin. 

Ransern, Kr. Breslau. 

Niederschlesien. 
, b. Gustau, Kr. Glogau. 

Marschwitz, Kr. Ohlau. 



Fig. 

326, Grolj-Graditz, Kr. Glogau. 

327, 329. Gnicliwitz, Kr. Breslau. 

328, 330, 331. Grabschen, Kr. Breslau. 

332. Alt-Kleppen, Kr. Sagan. 

333. Goldberg. 

334. Oswitz, Kr. Breslau. 

535. Grofi-Graditz, Kr. Glogau. 

356, 337. Tinz, Kr. Breslau. 

338. Buchwitz, Kr. Breslau. 

339. Dankwitz, Kr. Nimptsch. 

740 — 344. Rudelsdorf, Kr. Nimptsch. 

345. Tinz, Kr. Breslau. 

346. Glogau. 

347—351. Rudelsdorf, Kr. Nimptsch. 

352. Weifier Berg bei Prag. 



Druck von Grass, Bartli & Comp. (W. Friedricli) in IJresIau 



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